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| 11:00 Uhr

RUNDSCHAU-Serie: Meine Heimat Oberspreewald-Lausitz
Fortführen, was Generationen zuvor anstießen

 Michael Schulz erklärt am Kirchenmodell die Dachziegelaktion. Ab einer Spende von 25 Euro für das zu reparierende Kirchendach werden Pappdachziegel mit den Namen der Spender versehen und am Modell befestigt. Die ersten Ziegel sind bereits angebracht.
Michael Schulz erklärt am Kirchenmodell die Dachziegelaktion. Ab einer Spende von 25 Euro für das zu reparierende Kirchendach werden Pappdachziegel mit den Namen der Spender versehen und am Modell befestigt. Die ersten Ziegel sind bereits angebracht. FOTO: Uwe Hegewald
Altdöbern. „Heimat ist, wo wir unseren Lebensfaden festgemacht haben“, sagt ein Sprichwort. Die RUNDSCHAU besucht Menschen, um zu erfahren, wann, warum und wo sie ihren Lebensfaden im Kreis festgemacht haben. Heute: Michael Schulz (Altdöbern). Von Uwe Hegewald

 Wenn Michael Schulz die Kirchenglocken hört, geht er in sich. Noch in großer Entfernung ist der Klang des größten Stahlglockenwerks im Land Brandenburg zu hören, der auch immer eine Botschaft zu verkünden hat: Das akustische Anzeigen der Uhrzeit (weltliches Geläut) oder vor Gottesdiensten, bei Taufen, Hochzeiten, Bestattungen und ähnlichen Ereignissen (säkulares Geläut). „Dass die Glocken aus Stahl sind und nicht, wie vielerorts aus Bronzeguss, hängt mit dem Bau der Kirche zusammen“, erklärt Michael Schulz.

Im Oktober 1918 erfolgte die Grundsteinlegung des Gotteshauses, nachdem der Vorgängerbau im Mai 1914 bis auf die Grundmauern niederbrannte. Bis heute blicken Altdöberner mit Bewunderung auf ihre Vorgänger, auf deren Mut und Enthusiasmus. Deutschland war ausgeblutet. Viele versierte Handwerker kehrten als Krüppel oder gar nicht aus dem Krieg zurück. Es fehlte am Nötigsten – Lebensmittel, Geld, technische Geräte, aber auch Baumaterial waren knapp und mitunter gar nicht zu bekommen. „Wie die Altdöberner wenige Tage nach Kriegsende mit dem Wiederaufbau ihrer Kirche begonnen haben, ringt mir bis heute Respekt ab“, sagt Michael Schulz.

Die damalige Aufbruchsstimmung, das geschlossene Miteinander in der Gemeinde und der gesellschaftliche Rückhalt hätten mit dazu beigetragen, sich den Christen anzuschließen. „Ich zähle mich zu den Späteinsteigern, habe erst in den späten 1990er-Jahren zur Kirche gefunden“, erzählt er. Auch, weil er dort Antworten gefunden habe, wie auch Ruhe, aus denen er Kraft schöpfe. „Ich glaube an die christlichen Werte, die bis heute nichts an Bedeutung verloren haben. Erst recht in dieser hektischen und ich-bezogenen Zeit“, betont der Altdöberner, der 2012 eine Ausbildung zum Lektor in der evangelischen Kirche abgeschlossen hat. Dabei handelt es sich um Personen mit theologischer Grundbefähigung, die es ihnen gestattet, entsprechende Gottesdienste zu leiten.

Wie Michael Schulz erzählt, kämen im Jahr bis zu zehn Gottesdienste zusammen, insbesondere an den Oster- und Weihnachtsfeiertagen oder am Ewigkeitssonntag (Totensonntag), wenn es besonders viele Menschen in die Gotteshäuser zieht und sich Pfarrerinnen und Pfarrer sprichwörtlich zerreißen könnten. Mehrmals war der 47-Jährige bereits in der Heimatkirche Altdöbern zu erleben, in der ein großes Bauvorhaben ansteht: die Neueindeckung des Kirchenschiff-Daches.

Finanziert wird das ambitionierte Projekt, für das über 300 000 Euro veranschlagt sind, durch Fördergelder, Rücklagen und Spenden. „Rund 100 000 Euro Rücklagen stehen für das Dach zweckgebunden zur Verfügung. Ein Großteil stammt aus Kollekten oder Spenden, die seit vielen Jahren von unseren Vorfahren gesammelt wurden“, teilt Michael Schulz mit.

Jeder Cent werde benötigt, geht es doch auch darum, Einzigartiges, wie den Altar, die Kanzel, Orgel oder die gewölbte Kassettendecke zu schützen. „Keines der 176 Felder mit christlichen Symbolen, aber auch Blumenornamenten gleicht dem anderen“, schwärmt er von der Einmaligkeit wie vom handwerklichen Können.

Mitte der 1980er-Jahre hatte der Altdöberner Maler Waldemar Strauß der Kirche zu neuem Glanz verholfen. Seine Arbeiten fielen in die Epoche umfassender Sanierungsarbeiten unter Leitung von Udo Meckert, Pfarrer i. R. Allein für eine Neueindeckung des Daches fehlte es damals allerdings an Geld und Material. Das soll jetzt nach  drei Jahrzehnten endlich nachgeholt werden.

„Wir stehen in der Pflicht, diesen nächsten Schritt zu wagen und zu tun“, sagt Michael Schulz. Mit „wir“ meint er den Gemeindekirchenrat um Pfarrerin Dr. Astrid Schlüter, den Kirchenkreis, Lokal- und Landespolitik, aber auch alle Menschen, die sich mit dem Gotteshaus und dem Ort verbunden fühlen. Eine „Dachziegel-Aktion“ ist angeschoben, bei der um Spenden gebeten wird. Ab einer Spende von 25 Euro wird ein Papp-Dachziegel mit dem Namen des Spenders versehen und dieser auf das Kirchenmodell im Inneren des Gotteshauses gelegt. So gesehen habe die Dacheindeckung bereits symbolisch begonnen, bevor im Frühjahr 2020 mit dem „scharfen Start“ zu rechnen ist.

„Am 20. Januar 2021 jährt sich die Weihe unserer Kirche zum 100. Mal. Es wäre natürlich schön, dieses Jubiläum unter einer neuen schützenden Dachhaut zu feiern“, blickt Michael Schulz schon einmal voraus. Zuversicht hallt in den Worten des Altdöberner mit, der sich im Gemeindekirchenrat mit beflissenen Personen wie Lothar Nicht, Anke Gaumer, Adelheid von Knorre, Gisela Mitschke sowie allen anderen Wegbereitern und -begleitern „nur“ als Staffelläufer sieht: „Sie alle sind angetreten, um etwas zu bewahren und fortzuführen, was Generationen vor uns bereits in Bewegung gesetzt haben“, begründet er. Den Staffelstab hat Michael Schulz aus tiefer Überzeugung übernommen.

 Michael Schulz erklärt am Kirchenmodell die Dachziegelaktion. Ab einer Spende von 25 Euro für das zu reparierende Kirchendach werden Pappdachziegel mit den Namen der Spender versehen und am Modell befestigt. Die ersten Ziegel sind bereits angebracht.
Michael Schulz erklärt am Kirchenmodell die Dachziegelaktion. Ab einer Spende von 25 Euro für das zu reparierende Kirchendach werden Pappdachziegel mit den Namen der Spender versehen und am Modell befestigt. Die ersten Ziegel sind bereits angebracht. FOTO: Uwe Hegewald