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„Mein Ziel ist immer der Endlauf“

Yvonne Sehmisch bei einem Halbmarathon in Berlin. Foto: img1
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Die Herzbergerin Yvonne Sehmisch ist eine der erfolgreichsten Behindertensportlerinnen Brandenburgs. Als Rollstuhlsprinterin gehört die 37-Jährige noch immer zur Weltspitze. 2000 gewann sie zwei paralympische Bronzemedaillen bei den Rollstuhlfahrerinnen im Sprint über 100 und 200 Meter. Seitdem war sie bei allen großen internationalen Ereignissen dabei. Die Sportlerin denkt noch nicht ans Aufhören. Die Rundschau sprach mit ihr über ihren langen und schwierigen Weg zur Spitzensportlerin, die Stellung von Behinderten in der Gesellschaft und im Sport, Doping und Materialschlachten, ihren Job bei der Bundeswehr und natürlich ihre Ziele.

Frau Sehmisch, wie ist das Jahr 2011 für Sie sportlich gelaufen?

2011 war es relativ ruhig. Da die Weltmeisterschaften für das Wettkampfjahr 2010 erst im Januar 2011 in Neuseeland stattgefunden haben, war 2010 ausgesprochen lang für uns Leichtathleten. Da bin ich erstmal etwas kürzergetreten, um wieder Kraft zu tanken. Ich habe die beiden Sprinttitel bei den deutschen Meisterschaften gewonnen, bin den Hamburg-Marathon gefahren und habe einen Bahnwettkampf in der Schweiz bestritten. Zwar habe ich nicht weniger trainiert, aber nicht ganz so viel Gas gegeben wie sonst in Jahren mit großen Höhepunkten. Das hat man auch an den Zeiten gemerkt.

Sie sind von Geburt an körperbehindert. Wie sind Sie eigentlich zum Leistungssport gekommen?

Das war ein sehr langer Weg, und die leistungssportlichen Ambitionen hatte ich nicht von Beginn an. Zu DDR-Zeiten gab es in fast jedem Bezirk eine Schule für körperbehinderte Kinder, die man besuchen musste. Ich bin in die Schule in Hoyerswerda eingeschult worden, weit weg von zu Hause. Das hat mich zwar von klein auf sehr selbstständig gemacht, aber es blieb auch viel Kindheit auf der Strecke. In der Schule hatten wir natürlich Sportunterricht und Sportarbeitsgemeinschaften wie Sitzball oder Leichtathletik. Da habe ich mitgemacht und bei den Meisterschaften der Behindertenschulen auch erste und zweite Plätze im Sprint in einem ganz normalen Rollstuhl belegt. Mit der Lehre war aber erstmal Schluss mit dem Sport. Ich habe nach der Schule eine Ausbildung als Kauffrau für Bürokommunikation in einer kirchlichen Einrichtung in Potsdam begonnen. Dann habe ich, als ich 17 Jahre alt war, ein Rennen im Fernsehen gesehen. Sportlerinnen mit richtigen Rennrollstühlen. Das fand ich cool und wollte unbedingt solch einen Rollstuhl haben.

Und den haben Sie bekommen?

Ja, meine Eltern wollten mir das unbedingt ermöglichen. Solch ein Rollstuhl kostete damals 5000 Mark. Ein Jessener Reha-Unternehmen hat geholfen. Leistungssport war aber immer noch kein Thema für mich. Ich wollte eigentlich nur Sport treiben und fit bleiben. Dann habe ich mich aber doch dem ESV Lok Cottbus angeschlossen und bin 1993 in St. Augustin bei den deutschen Meisterschaften mitgefahren.

Mit Erfolg, wie man sich denken kann.

Denkste. Ich war total schlecht und völlig deprimiert. Ich hatte ja keine Ahnung, was zu diesem Sport alles dazugehört. Einen Trainingsplan hatte ich nicht. Meine Handschuhe waren Marke Eigenbau. Aber meine Mama, mein Papa und mein Bruder haben mich getröstet. Da wollte ich dann auch weitermachen. Um aufzugeben, war ich zu ehrgeizig und zu neugierig. Auch meinen Bruder Torsten hatte die Neugier gepackt. Wir filmten und fotografierten. Meine Schwägerin kam mit zu Wettkämpfen. Wir wollten uns möglichst viel von den anderen abschauen, waren praktisch Autodidakten. Dabei habe ich mich aber auch weiter entwickelt. Ich habe angefangen, mit meinem Bruder jeden Tag zu trainieren.

Und das hat sich ausgezahlt.

Ja. 1994 bin ich in Berlin meinen ersten Marathon gefahren. Die Zeit war noch schlecht, aber ich fühlte mich gut. Die Technik wurde immer ausgefeilter. 1995 habe ich mir fünf Marathons auferlegt. Das war natürlich leichtsinnig und viel zu viel. Aber es lief immer besser. Wir haben viel trainiert, immer auf der B 87 lang und mein Bruder mit dem Fahrrad hinterher. Radwege gab es an der Bundesstraße damals noch nicht. 1996 bin ich dann in der Schweiz zum ersten Mal international im Wettkampf einen Sprint auf der Bahn gefahren. Das war mein Durchbruch. Ich habe mich immer wieder bei Wettkämpfen angeboten. Wir bekamen zunehmend Tipps von guten Athleten. Schließlich kam auch der Bundestrainer nicht mehr an mir vorbei. Ich wurde in den B-Kader der Nationalmannschaft aufgenommen und war wahnsinnig stolz. Erst zu dieser Zeit entwickelte sich der Traum von paralympischen Spielen bei mir so langsam zu einem echten Ziel. Für Atlanta 1996 fiel die Entscheidung noch gegen mich, da war ich noch zu jung und unerfahren. Aber dann hatte ich ja vier Jahre Zeit bis zu den Spielen in Sydney. Die wollte ich gut nutzen.

Was Ihnen auch gelungen ist.

Ich bin von den paralympischen Spielen in Sydney mit zwei Bronzemedaillen im Sprint über 100 und 200 Meter zurückgekommen. Mein Bruder hat eine große Party geschmissen, denn damit war vorher nicht zu rechnen, auch weil ich krank war und erst drei Wochen vor den Spielen fit.

Wissen Sie Ihre 100-Meter-Zeit noch?

Natürlich, 17,21 Sekunden. Damit würde man jetzt keinen Blumentopf mehr gewinnen. Heute müssen es schon mindestens 16er-Zeiten sein. Nach Sydney 2000 hat in unserem Sport eine regelrechte Leistungsexplosion und Materialschlacht begonnen. Das sportliche Niveau hat neue Dimensionen angenommen. Und da musst du mit, wenn du dabei bleiben willst. Ausreißer wie Usain Bolt (100 Meter Weltrekordler in 9,58 Sekunden aus Jamaika d. Red.) gibt es bei uns auch. Und das Material spielt eine immer entscheidendere Rolle. Der Rennrollstuhl, den ich heute fahre, kostet etwa an die 8000 Euro. Und da ist die Ausrüstung, die ständig erneuert werden muss, gar nicht dabei.

Wie würden Sie das Verhältnis von Leistungsfähigkeit des Sportlers zur materiellen Ausrüstung beschreiben?

Ich würde sagen 70 Prozent sind die eigene Leistung, das Training, die Technik und auch das Talent. 30 Prozent kann man heute dem Material zuschreiben.

Ist Doping auch ein Thema im Behindertenleistungssport?

Ja, leider. Wir hatten auch schon Dopingfälle. Seit den Spielen von Athen und Peking wird auch bei den Behindertensportlern sehr genau hingeschaut und viel gegen Doping unternommen. Ich bin in einem Testpool. Das heißt, ich muss per E-Mail ständig angeben, wo ich mich aufhalte, wann ich wo trainiere. Ich hatte schon Trainingskontrollen. Einmal standen die Dopingkontrolleure sogar bei mir in Herzberg vor der Haustür.

Sie haben als Rollstuhlathletin sehr viel erreicht. Auch bei den Paralympics in Athen und Peking standen Sie in Ihren Disziplinen im Finale. Sie haben zahlreiche Erfolge bei Welt- und Europameisterschaften erzielt, starten bei vielen internationalen Wettbewerben auch außerhalb Europas. Fühlen Sie, dass Ihre Leistung als Behindertensportlerin genug gewürdigt und anerkannt wird?

Doch, ich denke schon. In meiner Familie und im Freundeskreis sowieso, auch bei den Mitmenschen in meiner Heimatregion oder bei den Arbeitskollegen. Auch im Land Brandenburg wird die Leistung gewürdigt. Ich habe einen guten Draht zu Matthias Platzeck.

Da ich Mitglied des LC Cottbus bin, werde ich von der Stadt und dem Bürgermeister eingeladen, zum Beispiel zu Neujahrsempfängen. Das ist auch in der Region Herzberg so. Was mir nicht gefällt, ist das Desinteresse der großen Medien. Sie berichten stundenlang von einem bedeutsamen Marathon und erwähnen nicht mal, wer bei den Rollstuhlfahrern gewonnen hat. Ich will nicht alles schlecht reden, wir haben seit Sydney schon viel erreicht. Es wurde viel von den letzten paralympischen Spielen berichtet. Das interessiert die Leute. Aber dann sind wir wieder in der Versenkung verschwunden.

Sie engagieren sich auch neben dem Sport in verschiedenen Gremien.

Ja, ich arbeite als sachkundige Bürgerin im Ausschuss für Bildung, Kultur und Sport des Kreistages Elbe-Elster mit. Im Behindertensportverband des Landes Brandenburg bin ich Fachwart für Nachwuchssport. Wir Brandenburger sind die einzigen, die Behinderten derzeit die Möglichkeit geben, eine Sportschule zu besuchen. Da sind wir Vorreiter. Mir persönlich liegt sehr viel daran, behinderte Kinder an den Sport heranzuführen. Es muss ja nicht gleich der Leistungssport sein.

Sie sind nicht nur durch den Sport und Ihr persönliches Engagement, sondern auch beruflich voll integriert.

Darüber bin ich sehr froh. Seit 2002 bin ich Zivilangestellte bei der Bundeswehr in Holzdorf. Das habe ich meinem Vater und dem damaligen Landrat des Elbe-Elster-Kreises, Klaus Richter, zu verdanken. Sie haben sich dafür eingesetzt.

Ich arbeite in der Vorschriftenstelle. Das heißt, ich bestelle und verwalte Vorschriften und gebe sie an die Soldaten aus. Da ich einen Halbtagsjob habe, ist genügend Zeit zum Training. Dazu darf ich auch die Sporteinrichtungen des Bundeswehrstandortes nutzen. Dafür bin ich sehr dankbar. Das gibt mir Sicherheit.

Ihr Sport ist nicht zum Nulltarif zu haben, wie wir erfahren haben. Wie finanzieren Sie das alles?

Neben dem Geld, das ich verdiene, erhalte ich monatlich einen Beitrag von der Sporthilfe Brandenburg. Denn wenn wir Wettkämpfe bestreiten, müssen wir fast alles selbst bezahlen. Und natürlich habe ich auch Sponsoren, die mich unterstützen, und viele Helfer, die mir zur Seite stehen, auch wenn mal der Rollstuhl nach einer Flugreise defekt war.

Frau Sehmisch, Sie sind jetzt 37 Jahre alt. Sind die Paralympics in London 2012 ein Thema für Sie?

Das werde ich sehen. Ich habe das Wettkampfjahr 2012 jedenfalls nicht gestrichen. Das Leistungsniveau ist sehr hoch. Ich trainiere jetzt im Winter auf dem Band. Im März geht es mit meinem Trainer und Bruder Torsten ins Trainingslager nach Gran Canaria. Wir brauchen für eine gute Vorbereitung die Wärme. Wenn ich die Norm für London hinbekomme, und darauf arbeiten wir zielstrebig hin, dann werde ich auch an den Paralympics teilnehmen. Mein Ziel ist immer der Endlauf. Wir müssen schauen, ob das Leistungsvermögen auch wirklich reicht.

Haben Sie es eigentlich je bereut, sich für den Leistungssport entscheiden zu haben?

Nein, nie, im Gegenteil. Mir hat der Sport nur Gutes gebracht. Er hat mich ein bisschen berühmt gemacht, und auch mein Bruder konnte sich einen Namen machen - als Trainer von Yvonne. Ich habe mir diese Erfolge und die Anerkennung aber hart erarbeiten müssen. Das darf man nicht vergessen.

Mit Yvonne Sehmisch

sprach Birgit Rudow.

Zum Thema:

Zur PersonYvonne Sehmisch wurde am 3. Juni 1974 in Herzberg geboren. Sie ist von Geburt an querschnittsgelähmt. Sie besuchte die Schule für Körperbehinderte in Hoyerswerda und lernte anschließend den Beruf der Kauffrau für Bürokommunikation. Seit Mitte der 1990er-Jahre betreibt sie als Rollstuhlathletin Spitzensport. Sie hat an den paralympischen Spielen in Sydney (2000), Athen (2004) und Peking (2008) teilgenommen. In Sydney gewann sie zwei Bronzemedaillen. In Athen und Peking stand sie in paralympischen Finals. Sie hat zahlreiche Europameistertitel gewonnen und von Weltmeisterschaften Medaillen mit nach Hause gebracht. 2002 wurde sie Vizeweltmeisterin über 100 und 200 Meter. 2008 gewann sie Silber bei der WM in Lissabon im Halbmarathon. Yvonne Sehmisch ist amtierende Europameisterin im 100-Meter-Sprint. Leser-AufrufKennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder perE-Mail an die Adresse: redaktion@lr-online.de Im InternetAlle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Yvonne Sehmisch im Dezember in ihrer Heimatstadt Herzberg. Foto: Sven Gückel/svg1
Yvonne Sehmisch im Dezember in ihrer Heimatstadt Herzberg. Foto: Sven Gückel/svg1 FOTO: Sven Gückel/svg1