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| 18:40 Uhr

Wölfe in der Lausitz
Wölfe haben die Niederlausitz im Griff

Senftenberg. Von null auf über 100 Graupelze in zwölf Jahren: Isegrim hat seit 2006 die Region komplett erobert. Inzwischen wagen sich die Raubtiere an die Städte heran. In Senftenberg rennen zwei Wölfe über eine Baustelle. Von Torsten Richter-Zippack

Es ist der kalte Morgen des 8. Februar. Auf der Baustelle für die künftige Ableitertrasse vom Sedlitzer See entlang der Rainitza am östlichen Stadtrand von Senftenberg haben die Männer die Arbeit aufgenommen. Gegen 8 Uhr geschieht das Unerwartete: Im Abstand von nur rund 20 Metern zum Personal queren zwei Wölfe die Baustelle. Vor Überraschung schafft es niemand, schnell das Handy zu zücken und die Graupelze zu fotografieren. Nur einen Steinwurf von der Baustelle entfernt, befindet sich die Zentrale der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV), ebenso die viel befahrene Bundesstraße 96, die Senftenberg mit Hoyerswerda verbindet. Die nächsten Wohnhäuser in der Dr. Otto-Rindt-Straße im Ortsteil Buchwalde sind geschätzte 300 Meter entfernt, der Senftenberger Waldfriedhof keine 100 Meter. „So dicht an der Ortschaft und am hellerlichten Tag ist solch ein Phänomen nicht zu erwarten und schon etwas Besonderes. Ich gehe davon aus, dass es sich hierbei um neugierige Jungwölfe handelt“, kommentiert der LMBV-Abteilungsleiter Umweltschutz/Rekultivierung, Michael Stärke.

Zwischen 100 und 120 Wölfe leben derzeit in der Niederlausitz und im Elbe-Elster-Land, rechnet der Südbrandenburger Wolfsbetreuer Dr. Reinhard Möckel vor. „Mehr geht auch nicht“, lautet sein Kommentar. So sieht es auch Ronald Böttcher, Wolfsexperte beim Jagdverband Senftenberg: „Klar haben viele Leute den Eindruck, es würden immer mehr Tiere. Doch das lässt sich nicht beziffern.“ Allerdings: „Wolfsfreie Gebiete waren gestern.“

Seit dem Jahr 2016 hat es laut Reinhard Möckel keinen weiteren Anstieg der Zahlen auf der circa 5000 Quadratmeter großen Fläche gegeben. Stattdessen wurden im vergangenen Jahr zwei Fälle bei Langengrassau und Terpe bekannt, dass Wölfe ihre Artgenossen tot gebissen haben. Diese waren in fremde Reviere eingedrungen. Mehr noch: Hatten die Wölfe, so Möckel, in früheren Jahren im Schnitt fünf bis sieben Welpen pro Jahr, habe es anno 2017 lediglich ein Rudel mit sieben Welpen gegeben, dagegen zwei Rudel mit jeweils nur einmal Nachwuchs. Derzeit leben in der Niederlausitz insgesamt 16 Wolfsrudel und Paare (Stand 2018), brandenburgweit sind es 22 (Stand Frühjahr 2017). Hinzu kommen vier Rudel grenzüberschreitend mit Sachsen und Sachsen-Anhalt. Im Altkreis Senftenberg seien fünf Rudel bekannt, die allerdings auch in den Nachbargebieten aktiv sind.

Selbst für den langjährigen Wolfsexperten Reinhard Möckel ist die jüngste Sichtung der Graupelze in Senftenberg etwas Außergewöhnliches: „Normalerweise halten sich die Tiere von den Ortszentren fern. Aber sie kommen durchaus mal an die Ränder. Schließlich lebt dort auch viel Wild.“ Das passiert meistens nachts. „Dass Wölfe durchaus auch tagaktiv sind, mussten wir erst lernen.“ Die Tiere seien hochintelligent und würden sich ihrer jeweiligen Umgebung anpassen. Es sei nichts Ungewöhnliches, wenn die Graupelze bei der Sichtung von Menschen nicht sofort weglaufen. „Viele Menschen, auch viele Jäger, denken, dass Wölfe dann sofort die Flucht ergreifen. So ist es auch bei Rehen, Hirschen und Wildschweinen. Nicht aber bei Wölfen“, erklärt Möckel, der selbst Waidmann ist. Stattdessen würden die Graupelze Menschen als „störende Elemente“ betrachten, denen sie aus dem Weg gehen.

Als Problemwolf bezeichnet der Experte die jüngst auf der Senftenberger Baustelle aufgetauchten Tiere indes keineswegs. Vielmehr habe es sich um eine Zufallssichtung gehandelt. „Die Tiere wurden sicherlich irgendwo aufgeschreckt“, so Reinhard Möckel. Zudem geht die Baustelle an der Rainitza ostwärts direkt in das waldreiche Kippengelände über. „Wären es Problemwölfe, hätten sie um Futter betteln müssen und sich nicht vertreiben lassen“, sagt Möckel. Er wisse in Südbrandenburg von keinem einzigen Problemwolf. Trete ein solcher auf, gebe es nur eine Maßnahme, nämlich die Entnahme, sprich den Abschuss. So ist es in der neuen Wolfsverordnung des Umweltministeriums festgehalten, die im Jahr 2017 in Kraft getreten war. Ansonsten gilt Isegrim als streng geschützte Art.

Für die heimischen Jäger ist der strenge Gesetzesschutz für den Wolf fraglich. „Die Lausitz ist ja flächendeckend besiedelt“, begründet Elke Faber, die Vorsitzende des Jagdverbandes Senftenberg. Eine Aufnahme ins Jagdgesetz befürworten die Waidmänner und Frauen allerdings nicht. „Dann müssten wir in Notzeiten die Wölfe füttern“, begründet Faber. Günstiger wäre es, auffällige Tiere aufgrund behördlicher Anordnungen zügig erlegen zu dürfen.