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Märchen vom verschwundenen Wolf

Einen Wolf traut sich um Senftenberg niemand mehr anzufassen, seit sich vor fünf Jahren ein Polizist für einen Gnadenschuss aus seiner Dienstwaffe verantworten musste. Rolf, der Leitwolf des Milkeler Rudels in der Neustädter Heide, war auf der B 169 zwischen Sedlitz und Senftenberg von einem Auto schwerst verletzt worden.
Einen Wolf traut sich um Senftenberg niemand mehr anzufassen, seit sich vor fünf Jahren ein Polizist für einen Gnadenschuss aus seiner Dienstwaffe verantworten musste. Rolf, der Leitwolf des Milkeler Rudels in der Neustädter Heide, war auf der B 169 zwischen Sedlitz und Senftenberg von einem Auto schwerst verletzt worden. FOTO: str1
Großkoschen. Ein ominöser Fall sorgt für Gesprächsstoff: Jäger und Naturschützer beschäftigt seit Tagen ein verschwundener Wolf. Bei Großkoschen soll das Tier unter die Räder gekommen sein. Doch abgesehen von einer blutigen Schleifspur auf der Straße fehlt vom Isegrim trotzdem jede Spur. Kathleen Weser

In der Hegegemeinschaft Schwarze Elster - Ruhlander Schwarzwasser informiert Martin Graf, der Vorsitzende, kürzlich über die aktuelle Lage in Wald und Flur. Der erfahrene Jäger, der den Zusammenschluss der Jagdausübungsberechtigten mehrerer benachbarter Reviere führt, greift dabei auf fundiertes Wissen der Behörde zurück. Daran hat er auch keinen Zweifel, als er mitteilt: Auf Höhe der Entlastungsstraße zum Koschenberg ist ein Wolf bei einem Unfall tödlich verletzt worden. Seine Informationsquelle ist der Amtsveterinär des Landkreises Oberspreewald-Lausitz.

Das Interesse an der Entwicklung der Population der Lausitzer Wölfe ist groß - aus der Akzeptanz für die vollumfänglich geschützte Rückkehr des Räubers heraus ebenso wie auch aus strikter Ablehnung des Tiers in der Kulturlandschaft. Und so wird geforscht nach dem toten Wolf, den keiner der Jäger je zu Gesicht bekommen hat. Eine der Nachfragen im Landratsamt ergibt: Kein Wolf, lediglich ein wolfsähnliches Tier soll überfahren worden sein. Das habe eine tierpathologische Untersuchung ergeben. Doch in und um Großkoschen vermisst kein Mensch einen großen Hund. Auch die Wolfsbeauftragten in Brandenburg und Sachsen haben keinen blassen Schimmer von einem verendeten Tier. Die für den Artenschutz zuständige Naturschutzbehörde des Landkreises hat keinerlei Untersuchung eines getöteten Tieres bei Großkoschen, geschweige denn eines Wolfes veranlasst. Und auch die Polizei und Sören Miertzsch, der Leiter der Straßenmeisterei Schwarzheide beim Landesbetrieb Straßenwesen, heben abwehrend die Hände. Miertzsch versichert äußerst glaubwürdig: "Durch unsere Mitarbeiter ist im fraglichen Zeitraum kein verendetes Tier an der Stelle beseitigt oder gesichert worden." Und Dr. Carsten Nowak, Leiter des Fachgebietes Naturschutzgenetik am Senckenberg-Forschungsinstitut Gelnhausen, hat auch keine Probe untersucht. Er ist der Experte in Deutschland für die Wolfsgenetik und bekommt jeden Fall ins Labor.

Eine erhebliche Blutspur aber haben Jäger auf der Verkehrsader deutlich erkannt. Weidmann Jörg Frahnow aus Senftenberg, der in dem Gebiet regelmäßig auf die Pirsch geht, ist sauer. "Ich habe den Eindruck, dass hier etwas faul ist", sagt er. Zum Wolf werde alles andere als offensiv informiert, eher geschwiegen, um kritische Nachfragen zu umgehen. Der Wolf ist nahe Großkoschen stark präsent. "Hier ziehen sich Rehe zu Sprüngen von sechs bis acht Tieren zusammen, die untypisch sind für diese Zeit", erklärt Jörg Frahnow. Das sei sehr auffällig. Auch Wildschweine kämen kaum noch aus der Deckung. Die Jagdstrecke sei so mager wie nie zuvor in dem Gebiet. Die ausgeprägten Instinkte des Wildes, sich zu schützen, seien deutlich.

Das Schweigen nährt einen Verdacht: Durch Verpaaren von Hunden mit heimischen Wölfen würden Hybriden gezeugt, von denen Gefahr ausgehe. Carsten Nowak sagt, die genetischen Untersuchungen der Lausitzer Wölfe geben keinerlei Anlass für eine solche Sorge. Nur in einem einzigen Fall hätten sich in Deutschland bisher eine Wölfin und ein Hund gepaart - im Jahr 2003 waren im Neustädter Rudel vier Hybriden zur Welt gekommen. Hierzulande ein absoluter Einzelfall, betont der Wissenschaftler. Nur einige wenige aus Italien nach Süddeutschland eingewanderte Wölfe wiesen genetisch den Einfluss eines Hundes auf - mehrere Generationen zurückliegend. Diese Mischlinge verhielten sich allerdings auch wie normale Wildtiere. Die Angst vor unberechenbaren Hybriden sei ein Märchen.

Jürgen Jentsch, der Artenschutzexperte des Landkreises Oberspreewald-Lausitz, vermutet, dass die Geschichte vom Großkoschener Wolf auf einen Irrtum zurückgeht, der sich als Gerücht verselbstständigt hat: Eine Autofahrerin habe im Vorbeifahren ein lebloses graues Tier gesehen und nachgefragt, ob dieses ein Wolf sei. Jäger haben vor Ort lediglich eine blutige Schleifspur gesehen, aber kein verendetes oder verletztes Tier entdecken können. Jentsch will kein neues Gerücht in die Welt setzen, weist aber darauf hin: Das Winterhaar von Rehen sei auch grau und könne in der Dämmerung verkannt werden. Fakt sei: Es gebe keinen getöteten Wolf bei Großkoschen. Es komme aber leider immer wieder vor, dass Unfallwild einfach auf illegalem Wege verschwinde.