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Lust, Nichtmachbares machbar zu machen

In der letzten Veranstaltung der Reihe "70 Jahre Zukunft - Die Menschen", mit der die Neue Bühne aus Anlass ihres Geburtstages eine Zeitreise in die Jahrzehnte angetreten ist, haben sich die ehemalige Chefdramaturgin Gisela Kahl (2.v.r.), der damalige Ausstattungsleiter Tobias Wartenberg (3.v.r.) und der technische Direktor Axel Tonn (l.) an das siebente Jahrzehnt erinnert und den Fragen des Intendanten Manuel Soubeyrand (r.) gestellt.
In der letzten Veranstaltung der Reihe "70 Jahre Zukunft - Die Menschen", mit der die Neue Bühne aus Anlass ihres Geburtstages eine Zeitreise in die Jahrzehnte angetreten ist, haben sich die ehemalige Chefdramaturgin Gisela Kahl (2.v.r.), der damalige Ausstattungsleiter Tobias Wartenberg (3.v.r.) und der technische Direktor Axel Tonn (l.) an das siebente Jahrzehnt erinnert und den Fragen des Intendanten Manuel Soubeyrand (r.) gestellt. FOTO: Rasche/Theater
Senftenberg. Eine Zeitreise der Neuen Bühne Senftenberg erzählt von Spinnstunden in der Gartenkneipe, von sieben Zipfelmützen und tanzenden Stiefeln, von heißen Eisen und eisigen Spielstätten und davon, wo der Spaß aufhört. Heidrun Seidel / hsd1

Körperlich ist er abwesend und doch gegenwärtig. Sewan Latchinian, jener Intendant der Neuen Bühne Senftenberg, der das siebente Jahrzehnt des Senftenberger Theaters zum größten Teil mitgeprägt hat. Um dieses soll es gehen in der letzten Zeitreise der etwas holprig verlaufenden Reihe mit dem spröden Titel "70 Jahre Zukunft - die Menschen", mit der die Neue Bühne ihre Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag Monat für Monat begleitet hatte. Zwar habe er seinen Vorgänger zu Vorstellungen und Veranstaltungen eingeladen - doch nie sei er gekommen, berichtet Nachfolger Manuel Soubeyrand dem Publikum im Rangfoyer. Für diesen Abend sei er nun nicht mehr angefragt worden. Aber Latchinians Distanz sei durchaus nicht ungewöhnlich. Eine Theaterweisheit besage, ein Intendant habe zwei natürliche Feinde: seinen Vorgänger und seinen Nachfolger. "Und ich glaube, da ist was dran. Ich beäuge meinen Nachfolger in Esslingen ja auch kritisch und denke: Was macht der denn da?" Schließlich glaube jeder von sich, das Beste fürs Theater erfunden zu haben.

So ist es denn an Gisela Kahl, Tobias Wartenberg und Axel Tonn die 2000er-Theaterjahre Revue passieren zu lassen. Gisela Kahl war als Chefdramaturgin und Tobias Wartenberg als Ausstattungsleiter 2004 mit Latchinian nach Senftenberg gekommen. Während sie nach neun Senftenberger Jahren bereits 2013 als Chefdramaturgin an die Landesbühnen Sachsen gewechselt war, ging Tobias Wartenberg 2014 als Chefausstatter mit Latchinian ans Rostocker Volkstheater. Beide enge Vertraute des charismatischen Intendanten wissen über die Schaffensprozesse in der Senftenberger Ära Latchinian zu berichten. Und Axel Tonn, als technischer Direktor und einzig beständiger Senftenberger in der Runde, hat als amüsanter und eloquenter Erzähler so manche Schnurre von den Geschehnissen hinter den Kulissen beizusteuern. Davon zum Beispiel, wie er auf die Suche gegangen ist nach Spielstätten für das 8. Glück-Auf-Fest, das aufwändige Jedermann-Projekt. Zuerst waren Waschkaue und Turbinenhalle in Brieske als Bühnen auserkoren, zu denen man mit der Dampflok fahren wollte. Besonders darauf sei er selbst "ganz heiß gewesen", hatte den Cottbuser Dampflokclub schon als Partner gewonnen und sei auch mit anderen möglichen Unterstützern ins Gequake gekommen, wie er es nennt - und so immer wieder die Gäste des Abends zum Schmunzeln bringt. Doch der Plan ging nicht auf - und so entwickelte sich über allerlei Gespräche und unter dem aufkommenden kreativen Zeitdruck schließlich die Idee, die Inszenierung in der Eis- und Skihalle spielen zu lassen. Was noch heute in der Region wie im Theater selbst für allerlei Gesprächsstoff sorgt. Denn was so sensationell und leicht daher kam, hat die Theatermacher oft an die Grenzen der Belastbarkeit geführt. "Mit Spaß hatte das manchmal nichts mehr zu tun", gesteht der Ausstattungsleiter durchaus ernst. Doch wenn der Beifall des Publikums erklungen war, waren die Strapazen, die der Intendant dem Team abverlangt hat, auch wieder vergessen.

Allerdings nicht immer, fällt Axel Tonn dazu sein. Und so erinnert er sich, einmal einen offenen Brief ans Info-Brett gehängt zu haben, in dem er geschrieben hat, dass es so nicht weitergehen könne. Die Leute seien ausgezehrt und schlecht bezahlt. Zum Glück-Auf-Fest 2008 seien die Mitarbeiter fix und fertig gewesen. "Wir sind mit den Werkstätten durch die eine Tür raus, da kam das Premierenpublikum schon zur anderen rein", beschreibt er den Arbeitsdruck und die Hektik. "Genau", ergänzt Gisela Kahl. Noch kurz vorm Einlass sei an einer Rutsche, die für die Inszenierung vom Rang in den Saal geführt hat, geschweißt worden. "Das war wirklich ein heißes Eisen."

"Ja, wir haben schon Dinger gedreht, um etwas auf die Beine zu stellen", sinniert Axel Tonn für einen Moment nachdenklich, legt aber sofort mit der Begeisterung eines jungenhaften Abenteurers mit den nächsten Schnurren nach: Wie er in einer Nacht- und-Nebelaktion Bauwagen aus Saalhausen nach Senftenberg gekarrt hatte, Bäume in Reppist gefällt oder mit einem Scheinwerfer auf einem Pickup nächtelang an der entstehenden Umgehungsstraße den einstigen Tagebau angeleuchtet hat, um so eine besonders gespenstische Atmosphäre für die im Bus vorbeifahrenden Zuschauer zu schaffen. "Das schätze ich an diesem Mann", gesteht Tobias Wartenberg, "der hat eine große Lust, Nichtmachbares machbar zu machen." Und außerdem habe er von ihm gelernt, wie wichtig es ist, Kontakte in der Region zu pflegen, Netzwerke aufzubauen und nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Da kann der heutige Intendant Manuel Soubeyrand nur zustimmen. Denn vieles, so hat er in den ersten drei Jahren seiner Intendanz und an diesem Abend gelernt, war nur so finanzierbar und möglich geworden. Ob es die Stahlaufbauten sind, die die Hosenaer Firma Züblin dem Theater geschenkt hat, die Muttererde, die eine Transportfirma für die legendäre Faust-Inszenierung im Glück-Auf-Fest von 2005 besorgte oder vieles andere, was die Senftenberger für ihr Theater leisten. "Das war etwas, was wir spürten, als wir 2004 hier angefangen haben", blickt Gisela Kahl noch einmal zurück: Wir haben ein Theater vorgefunden, das von den Menschen dieser Stadt auf Händen getragen wurde - und heute noch wird. "Heinz Klevenow hatte als Intendant hier den Boden bereitet." Und so habe es auch keine Anfangsschwierigkeiten gegeben. Gern denkt sie an die Spinnstuben in der nahen Gartenkneipe, in der so manche der verrückten Ideen geboren sind, zurück. Und Tobias Wartenberg kommt nicht umhin, sich wieder einmal zum von ihm entworfenen Neue-Bühne-Logo - dem Schaufelrad - jener Jahre zu erklären. Schließlich war ihm von eingefleischten Bergleuten vorgeworfen worden, die Schaufeln falsch herum gezeichnet zu haben. Eine regionale Werbeagentur spottete sogar, welche Stärke wohl die Zipfelmützen ausstrahlen sollten oder ob es sich um Tanzstiefel handele. "Aber ein alter, nicht mehr ganz nüchterner Bergmann hat mir gesagt, für einen Bagger im Tiefschnitt seien die Schaufeln so durchaus in Ordnung." Und nach den vielen Jahren, in denen das Logo beliebt und ein Erkennungszeichen geworden war, gesteht er: "Ich hatte mir tatsächlich keine Gedanken über die Schaufeln gemacht." Es habe kraftvoll, stark, vorwärtsdrängend und regional sein sollen - und war es. Auch darin sind sich die Drei auf dem Podium einig: Die künstlerischen Leistungen, die in der Ehrung "Theater des Jahres 2005" Anerkennung gefunden und auch danach das Theater bundesweit ins Gespräch gebracht haben, seien nur möglich geworden, weil jeder im Haus mitgezogen hat. Das sei neben der engen Verbundenheit mit dem Publikum eine weitere Senftenberger Stärke, die auch dabei geholfen hat, dass das Theater bei Fördermittelgebern Gehör gefunden hat, wenn Geld für Ausbau gebraucht wurde. Denn es belegt: Das Theater hat was zu bieten und wird gebraucht. Auch im nächsten Jahrzehnt.