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| 19:24 Uhr

Geschichten des Jahres 2017
Lisa, die Heldin vom Hafenfest

Die Rückkehr an den Ort des Geschehens im Senftenberger Stadthafen fällt Lisa Müller bis heute schwer. Genau an dieser Stelle ist sie am 19. August kurzentschlossen ins Wasser gesprungen, um einen 79-jährigen Mann vor dem Ertrinken zu retten.
Die Rückkehr an den Ort des Geschehens im Senftenberger Stadthafen fällt Lisa Müller bis heute schwer. Genau an dieser Stelle ist sie am 19. August kurzentschlossen ins Wasser gesprungen, um einen 79-jährigen Mann vor dem Ertrinken zu retten. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE
Senftenberg. 20-jährige Senftenbergerin springt mitten in der Nacht unerschrocken ins Hafenbecken und rettet Mann vor dem Ertrinken. Die Lebensretterin liegt danach vier Tage selbst im Krankenhaus. Von Andrea Budich

Warum sie Hals über Kopf mit Jeans, T-Shirt und Sneakers ins stockdunkle drei Meter tiefe Hafenbecken springt und sich dabei selbst in Gefahr bringt, kann Lisa Müller auch vier Monate nach ihrer Heldentat nicht beantworten.

Was sie aber genau weiß: Sie würde es immer wieder tun, wenn ein Mensch in Gefahr ist. Das steht für die 20-jährige Krankenpflegehelferin, die in der Gefäßchirurgie des Krankenhauses Senftenberg arbeitet, außer Frage. Auch wenn sie bei der Rettungsaktion selbst das Ende ihrer Kräfte spürte: Mit einem Asthmaanfall, Wadenkrämpfen, stark unterkühlt und zwischenzeitlich auf dem Steg sogar bewusstlos, landete die Lebensretterin immerhin für vier Tage selbst im Krankenhaus.

Beim Hafenfest ist Lisa Müller eine von 30 000 Besuchern. Sie freut sich wie verrückt auf das Fest, nimmt extra Urlaub, um ausgiebig feiern zu können. Dass der erste Urlaubstag auf der Überwachungsstation des Krankenhauses Senftenberg endet, war so nicht geplant, als sie Samstagvormittag mit Bruder, Schwester und Eltern vor der Hauptbühne Plätze sichert. Sie ist hautnah dabei, als Luna die Massen begeistert und „Nordstern“ mit nordischem Folkrock einheizt. Bevor das Feuerwerk den Himmel über dem Stadthafen zum Glitzern bringt, sucht sich die Familie kurz vor 23 Uhr einen guten Beobachtungsplatz direkt vor der Seebrücke. Lisa sitzt auf dem Steg und wartet. Plötzlich macht es direkt neben ihr laut „Flatsch“. Es hört sich an wie ein schwerer Klumpen, der ins Wasser fällt. Dann war Ruhe. „Ich habe nichts mehr gehört, kein Paddeln, kein Plätschern“, erinnert sie sich.

Lisa überlegt nicht lange. Sie wirft ihre Jacke beiseite und springt. „Ich hatte so viel Adrenalin im Blut, ich hab die Anstrengung in dem Moment gar nicht bemerkt“, sagt sie. Im stockdunklen Wasser sucht sie nach dem Verunfallten. An ihren Fingerspitzen spürt sie nach wenigen Zügen eine Hose. Sie versucht, den Ertrinkenden nach oben zu drücken. Für die junge Frau, die nicht einmal 1,60 Meter groß ist, ein Kraftakt. Der Mann, dem sie helfen will, ist 1,70 Meter groß und von kräftiger Statur. Ohne das beherzte Eingreifen ihres Vaters hätte sie es allein wohl nicht geschafft. Er hievt den 79-jährigen Rentner und seine Tochter an Land.

Beide werden von herbeigerufenen Rettungskräften ins Krankenhaus Senftenberg gebracht. Die bewusstlose Lebensretterin kommt erst auf der Trage wieder zu sich. Der gerettete Mann kann nach dem Gesundheitscheck in der Notaufnahme wieder nach Hause gehen. Lisa Müller kommt auf die Überwachungsstation. Sie hat Wasser in der Lunge und ihr Kreislauf muss stabilisiert werden.

Zurück bleibt zunächst eine panische Angst vor dem Wasser. Die legt sich zwar mit der Zeit, ein komisches Gefühl und ein leichtes Bauchkribbeln in Wassernähe ist bis heute geblieben. Spätestens bis zum nächsten Hafenfest will Lisa Müller wieder ganz die Alte sein. Denn sie will wieder mit feiern - diesmal möglichst ohne Rettungssprung ins Hafenbecken.

Auf Lisa, die Heldin vom Hafenfest 2017, sind ganz besonders ihre Eltern und die 76-jährige Oma aus Leipzig stolz. Respekt vor ihrem Einsatz zollt auch die Band „Feuerherz“, die einen Tag nach dem Unglück ihren Auftritt beim Hafenfest hatte. Die vier Jungs haben Lisa mit einer Videobotschaft im Krankenhaus überrascht.