Von Torsten Richter-Zippack

Normalerweise sind im Winter am Lindenauer Schloss nur wenige Menschen unterwegs. Manche Passanten eilen zum nahen Sportplatz, andere werfen ihre leeren Flaschen und Gläser in den Container nahe des Haupteingangs. Doch an diesem Freitag scheint sich ein Großteil der rund 760 Einwohner in Bewegung gesetzt zu haben. Unablässig strömen die Menschen zum Schloss. Ab 10 Uhr öffnet sich die alte Eingangstür, die über eine provisorische, vierstufige Holztreppe erreichbar ist. Zum ersten Mal seit 21 Jahren dürfen die Einwohner wieder einen Blick in das historische Gemäuer werfen.

Besichtigt werden können das Parterre sowie das erste Obergeschoss. Inventar ist keines mehr vorhanden, ebenso keine Heizungen und sanitären Anlagen. Bürgermeister Jürgen Bruntsch (CDU) ruft seine Lindenauer auf, die Schlossgeister zu suchen und zu neuem Leben zu erwecken. Schließlich stand das Gebäude seit der Jahreswende 1997/1998 mehr oder weniger leer.

Über den jetzigen Tag der offenen Tür haben die Lindenauer Gemeindevertreter relativ spontan entschieden. Auch der Termin wurde bewusst gewählt. „In der Zeit zwischen den Jahren haben die Leute Zeit“, erklärt Bruntsch. Möglich wurde diese Einladung durch eine Entscheidung des Landgerichtes Cottbus. Die Richter hatten am 12. November angeordnet, dass der Besitz an Schloss und Park an die Gemeinde per Zwang zu übertragen ist. „Jetzt fehlt nur noch der Eintrag im Grundbuch zum vollständigen Eigentumsübergang“, erklärt Bürgermeister Bruntsch. Bereits seit dem Jahr 2010 müssen sich die Gerichte mit Schloss und Park Lindenau befassen. Das Ensemble war Ende der 1990er-Jahre an ein privates Unternehmen verkauft worden. „Ich bin sehr froh, dass wir bezüglich unseres Schlosses jetzt so weit gekommen sind“, kommentiert Jürgen Bruntsch.

Aufgrund der Entscheidung der Justiz, die am 29. November durch das Oberlandesgericht bestätigt wurde, hatten sich die Gemeindevertreter für eine zeitnahe Schlossöffnung für alle Interessenten eingesetzt. Klar, dass sich auch Uwe Hühne diese Chance nicht entgehen lässt: „Wehmut ist schon dabei. Wir haben hier so viel erlebt. Erstmals seit 21 Jahren bin ich jetzt wieder in meiner früheren Arbeitsstätte“, sagt der Lauchhammeraner, dessen Dienst im Lindenauer Kinderheim im Jahr 1982 als Erzieher begann und 1997 als stellvertretender Heimleiter endete. Mehr noch: „Ich war wahrscheinlich der Letzte, der hier die Tür abschloss.“ Denn im Dezember 1997 ist die 44-jährige Ära des Lindenauer Schlosses als Kindereinrichtung zu Ende gegangen. „Am baulichen Zustand hat sich auf den ersten Blick wohl nicht viel verändert“, befindet Uwe Hühne, der heute im Jugendamt des Landkreises tätig ist. „Diesen großen Raum hier im ersten Obergeschoss haben wir für unser Weihnachtsprogramm genutzt. Sogar eine kleine Bühne gab es.“ Untergebracht waren zum Schluss um die 40 Kinder zwischen sechs und 16 Jahren. In Hochzeiten zählte das Schloss über 100 Bewohner. Die Kinder zogen Ende 1997 in Räumlichkeiten der pädagogischen Einrichtung „Pro Kids“ nach Lauchhammer um.

Wolfgang Gärtner aus Lindenau ist Ende der 1950er-Jahre im Schloss zur Schule gegangen. „Gleich im Erdgeschoss befand sich mein Klassenzimmer“, erzählt er. Zudem erinnert sich Gärtner daran, dass das Schloss vielen Einheimischen Arbeit bot. „Meine Frau beispielsweise war im benachbarten Stall als Melkerin tätig. Die Schicht begann bereits gegen 4 Uhr.“

Was die Gemeinde nun mit dem Schloss vorhat, steht noch völlig in den Sternen. Zudem, so sagt Jürgen Bruntsch, gebe es bislang keine Schätzung, was eine Sanierung des Ensembles kosten würde. „Zumindest ist der Zustand im Inneren besser, als ich gedacht habe“, urteilt der Bürgermeister. Ob es einen weiteren Tag der offenen Tür geben wird, sei derzeit noch ungewiss.

Auch wenn Uwe Hühne als ehemaliger stellvertretender Heimleiter ebenfalls noch keine Idee für die zukünftige Nutzung hat, dürfte er den meisten Lindenauern mit seinem Wunsch aus dem Herzen sprechen: „Es sollte eine Investition sein, von der das ganze Dorf profitiert.“