Mit dem Rezept vom Hausarzt in die Apotheke gehen, dort den rosa Schein vorlegen und das verordnete Mittel bekommen – klingt normal und selbstverständlich. Aber genau das klappt derzeit in Senftenbergs Apotheken überhaupt nicht.

Apotheker müssen Kunden vertrösten, weil Medikamente nicht lieferbar sind. Patienten sind irritiert und verärgert. Betroffen davon ist Arznei quer durch den Gemüsegarten: Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Antidrepressiva, Augentropfen, Gichtmittel, aber auch der neue Impfstoff gegen Gürtelrose. Wer nach dem Schmerzmittel Dolormin extra fragt, muss Glück haben, es zu bekommen. Der Engpass um den Wirkstoff Ibuprofen reißt seit Monaten nicht ab.

Engpass in der Apotheke

Der Senftenberger Apotheker Matthias Rockrohr bezeichnet die Lage „als katastrophal“. Er ist seit 2006 Inhaber der Apotheke am See in der Medizinischen Einrichtungs GmbH in der Fischreiherstraße.

Der Topf in seiner Bestell-Software, in den alle Produkte rein rutschen, die nicht lieferbar sind, ist gut gefüllt. 136 Medikamente sind es am Freitagvormittag, 10 Uhr. 30 Minuten später hat sich die Zahl der nicht lieferbaren Packungen schon auf 142 erhöht.

Die Defekt-Liste, wie er sie nennt, wächst und wächst – und Apotheker Rockrohr kann so gut wie nichts dagegen tun. „Tut mir leid, gerade nicht vorrätig. Ist derzeit nicht lieferbar“ – diese Sätze bekommen die Patienten auch bei ihm immer öfter zu hören.

Das Schubladenziehen gehört bei Apotheker Matthias Rockrohr der Vergangenheit an. Ein Apothekenroboter greift, saugt und schiebt die Arzneipackungen aus dem Lagerregal zum Verkaufstisch. Mit der kostspieligen Investition in sechsstelliger Euro-Höhe hat sich der Apotheker mehr Zeit für Beratungsgespräche verschafft. Foto: Steffen Rasche
© Foto: STEFFEN RASCHE

„Der Frust ist auf beiden Seiten groß, bei den Kunden und bei den Apotheken-Mitarbeitern“, bestätigt die Pressesprecherin der Apothekenkammer für den Bereich Oberspreewald-Lausitz, Grit Sponner. In ihrer Heide-Apotheke in Schwarzheide sind derzeit knapp 100 Medikamente nicht lieferbar.

Patienten sind verunsichert, wenn sich die Verpackung oder das Aussehen der Tabletten mehrfach ändern, wenn die Präparate von verschiedenen Herstellern stammen – je nachdem, was auf dem Markt gerade verfügbar ist.

Ausweichen auf vergleichbares Medikament

Wegen der Lieferprobleme sind die Apotheker gezwungen, auf ein vergleichbares anderes Medikament mit gleichen Wirkstoffen auszuweichen. „Für den Patienten ist das vielleicht ungewohnt, die Wirkung und auch die Verträglichkeit ist aber dieselbe“, ermutigt Matthias Rockrohr aus Senftenberg, den Apothekern zu vertrauen.

Berlin

Die Lieferengpässe auszugleichen, kostet Senftenbergs Apotheker aber eine Menge Zeit. Einige suchen sogar über Facebook nach bestimmten Präparaten und bitten auch benachbarte Apotheken auszuhelfen, wenn es der Lagerbestand zulässt. „Bei veränderter Dosierung oder Wirkstoffstärke fragen wir direkt bei den Hausärzten nach“, sagt Rockrohr. Beschäftigt ist er auch mit dem Hinterhertelefonieren bei Herstellern und im Großhandel: „Ist die Ware lieferbar? Wo bleibt die Bestellung?

Impfstoff aus der Schweiz

Die-Apothekenchefin Grit Sponner aus Schwarzheide hat in der Not einen speziellen Impfstoff gegen Meningitis sogar bis aus der Schweiz beschafft, weil er in Deutschland nirgendwo zu bekommen war. So richtig problematisch aber wird es, wenn sich ein Medikament nicht so einfach gegen ein anderes austauschen lässt.

Beim Ausweichen auf Alternativpräparate müssen die Apotheker sicherstellen, dass sie eine Arznei an den Patienten abgeben, die für seine Krankenkasse am günstigsten ist. Denn die gesetzliche Krankenkassen haben Rabattverträge mit den Pharmafirmen abgeschlossen. Dabei gewähren die Hersteller den Kassen einen Rabatt auf ein bestimmtes Medikament.

Im Gegenzug sichern die Kassen zu, dass Patienten im Normalfall nur dieses Produkt bekommen. Da diese immer öfter nicht lieferbar sind, haben die Apotheker Stress, damit sie am Ende auf den Kosten für ein Alternativ-Mittel nicht sitzen bleiben.

Hersteller im Ausland

Dass sich die Lieferengpässe recht schnell lösen lassen, daran zweifeln Matthias Rockrohr und Grit Sponner gleichermaßen. Starker Kostendruck habe dazu geführt, dass selbst lebenswichtige Medikamente möglichst kostengünstig angeboten werden müssen. Das verleite viele Pharmahersteller letztlich dazu, die Arzneistoffe im Ausland zu produzieren. Apotheker Rockrohr sieht hier das Hauptproblem. Er sagt, dass die globalisierte Grundstoffherstellung in asiatischen Ländern wie Indien oder China dazu führe, dass es in Europa zu Engpässen komme.

Eine Beruhigungspille für die frustrierten Patienten können die OSL-Apotheker daher nicht empfehlen. Sie plädieren dafür, sich nicht verunsichern zu lassen von wechselnden Verpackungen oder unterschiedlich aussehenden Tabletten. „Im Zweifelsfall einfach nachfragen. Wir beraten gern“, versucht Matthias Rockrohr die Lage zu entschärfen.

Engpass in der Apotheke: Immer mehr Medikamente fehlen


Die wachsenden Probleme mit Lieferengpässen waren ein großes Thema beim Deutschen Apothekertag in Düsseldorf. Dort zeigte eine Statistik, wie drastisch die Situation ist: 9,3 Millionen Arzneipackungen waren 2018 von Lieferengpässen betroffen.

Los ging es mit Ibuprofen. Das Schmerzmittel wurde im Vorjahr in Deutschland knapp, weil eine wichtige Produktionsstätte in den USA ausgefallen war. Zeitgleich fehlte es an dem Blutdrucksenker Valsartan - er wurde wegen Verunreinigungen zurückgerufen. Für den deutschen Markt gab es nur noch einen Hersteller in Kroatien.