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| 11:10 Uhr

Liebschaften eines Bänkelsängers

Senftenberg. Erik von Grawert-May hat seinen rund 90 Zuhörern am Freitagabend im Bürgerhaus Wendische Kirche mit "Bänkelgesängen" einen weiteren Einblick in seine Seele gegönnt. Marga ist und bleibt seine große Liebe. Doch auch andere Liebschaften sind beim knapp zweistündigen Konzert des Wirtschaftswissenschaftlers ans Licht gekommen. Von Sascha Klein

Er ist noch immer der Alte: Erik von Grawert-May genießt sein Hobby Musik in vollen Zügen. Am Klavier auf dem Podium des Bürgerhauses scheint er sich zu Hause zu fühlen. Vor sich hat er gute Freunde versammelt, die auf das warten, was sich der Professor meist mitten in der Nacht ausgedacht hat: wilde Reime und mitunter waghalsige Kompositionen. Grawert-May ein Unikat, nicht allein wegen seines rosafarbenen Bandes um den Kopf, mit dem er die Brille auf der Nase hält. Er witzelt, gestikuliert, wirft mit Blicken um sich – und trifft mit den Pfeilen, die er in Richtung Verwaltung abschießt. Natürlich nur, um Marga voranzubringen, wie er beteuert. Eines seiner liebsten Ziele: Wolfgang Kamenka. Der Leiter der unteren Bauaufsichtsbehörde des Landkreises ist für den Wirtschaftswissenschaftler ein rotes Tuch. Mit ihm ist er unter anderem wegen der Nutzung der Briesker Turbinenhalle aneinander geraten. "Ich hoffe, dass er nach der Wahl eines neuen Landrats versetzt wird. Er ist auf dieser Stelle einfach nicht tragbar", raunt Grawert-May den Zuschauern zu – und erntet überraschend lautstarken Applaus. Doch auch ein Professor wird offenbar milde – etwa mit Senftenbergs Bürgermeister Klaus-Jürgen Graßhoff. Dessen Frau habe ihm per Nachricht auf dem Anrufbeantworter die Freundschaft gekündigt, erzählt er fast nebenbei – wegen der zum Teil harschen Kritik an ihrem Gatten, betont er. So hat er "der Uschi" gleich ein Lied gewidmet. "Ich würde mir wünschen, dass sie Marga mehr liebt als ihren Mann", sagt er zwischen zwei Liedern, "aber das kann ich wohl nicht verlangen." Überhaupt geht Grawert-May auf ungewohnten Kuschelkurs mit Senftenbergs Stadtvater. Nach jeder kritischen Anspielung entschuldigt er sich mit einem eigens gedichteten Vierzeiler und lobt Graßhoff. Wird der Professor plötzlich handzahm oder spielt er nur mit der Demut? Eines wird an diesem Abend immer wieder deutlich: Kaum jemand kann Marga mehr lieben als Grawert-May. Er bettelt um den Schlüssel zur Briesker "Kaiserkrone", mahnt eine wirtschaftlicher denkende Senftenberger Stadtverwaltung an, fordert eine Zwischennutzung für den Kaisersaal, die ihm bislang verwehrt wird. Bei so viel Kritik an den Entscheidungsträgern bietet er seinen Zuhörern ein langgezogenes "Buuh" an, falls er ihrer Ansicht nach übers Ziel hinausschießt. Schließlich habe er vor knapp einem Jahr – bei seinem ersten Konzert dieser Art – offenbar einige Zuhörer mit seiner direkten Art verschreckt. Aber das ist nun einmal Grawert-May. Weichgespült ist der Mann, der "an Senftenberg sein Herz verloren" hat, nicht. Das Publikum an diesem Abend ist gnädig: Gebuht hat keiner. Es hat seine Kritik, die laut Künstler nur ein "umgekehrter Liebesgesang" ist, aufgesogen. Manche üben stumme Kritik mit den Füßen – und gehen in der Pause. Eine Liebe des "Troubadour d’Amour" wird auch beim zweiten Konzert nicht erwidert: Gesang und Klavier sind selten Freund des Wirtschaftswissenschaftlers. "Mein Klavierspiel hat sich in dem einen Jahr nicht deutlich verbessert", sagt er fast entschuldigend, und behält Recht. Wer diesen Grawert-May sehen will, kalkuliert das jedoch mit ein. Dafür läuft vorher und in der Pause Mozart vom Band. Fast in Vergessenheit geraten ist des Professors neuester Coup: die erste eigene CD. Eingespielt in Lauchhammer widmet er sich der Fußball-Weltmeisterschaft. Dabei passt er sich dem mitunter holprigen Spiel der Klinsi-Kicker an. Ob die Mannschaft mit diesem Lied Weltmeister wird? Eher nicht. Neben Marga und dem Fußball schwärmt der musizierende Fachhochschul-Professor jedoch auch von der Dresdner Frauenkirche – eine ganz neue Liebe für den inzwischen erfahrenen Grawert-May-Hörer. Der sich daraufhin leicht entgeistert fragen muss: Wird der Wahl-Senftenberger der Stadt von Kohle und Kraftzentrale plötzlich untreu? Er zelebriert das "Oh, Notre Dame de Dresden", sein letztes Lied, als einziges fehlerfrei und scheint erst ganz zum Schluss richtig auf den Geschmack zu kommen. Das klingt gut. Nach rund zweieinhalb Stunden sieht jedoch auch Grawert-May ein: Jetzt ist Schluss. Eine Zugabe verlangt keiner. Noch nicht.