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| 01:33 Uhr

Lieber Rotstrümpfe statt Herrenanzüge

Werner Blaschke gilt seit über dreieinhalb Jahrzehnten als „Storchenvater“. Foto: T. Richter
Werner Blaschke gilt seit über dreieinhalb Jahrzehnten als „Storchenvater“. Foto: T. Richter FOTO: T. Richter
Lauchhammer. Tausende sind es, die sich Tag für Tag, Monat für Monat ehrenamtlich engagieren, anderen Menschen im Alltag helfen. Diese Frauen und Männer, Senioren und Jugendliche will die RUNDSCHAU würdigen. Wir suchen mit Ihrer Hilfe, liebe Leser, engagierte Mitbürger, um im Januar 2011 den Menschen des Jahres küren zu können – in einer Leserwahl. Jeden Monat stellen wir einen aktiven Lausitzer vor. Heute: Werner Blaschke aus Lauchhammer. Von Torsten Richter

Störche sind die große Leidenschaft von Werner Blaschke. Seit über dreieinhalb Jahrzehnten kümmert sich der Lauchhammeraner um das Wohl der Rotstrümpfe in der Region Senftenberg. Noch heute, im Alter von 78 Jahren, kontrolliert der passionierte Vogelkundler die Storchenhorste während der Brutperiode regelmäßig. Dabei begann Blaschkes Werdegang ganz anders.

„In Lauchhammer-Ost befand sich einst meine Firma“, erzählt Werner Blaschke. Mit Vögeln oder gar mit Störchen hatte dieses Unternehmen allerdings nichts gemein, eher mit Maßanzügen und zu kürzenden Hosen. „Im Jahr 1954 habe ich in Lauchhammer meine Meisterprüfung zum Herrenschneider abgelegt“, klärt der gebürtige Dresdner auf. Ein Wunschberuf sei dies keinesfalls gewesen: „Ich bin 1945 aus der Schule gekommen. Die Zeiten waren schlecht, und irgendetwas musste ich ja lernen“. Eigentlich wollte er Gärtner oder Förster werden. Doch in den Nachkriegswirren sei daran nicht zu denken gewesen.

Erst in den 1960er-Jahren bestand für Werner Blaschke die Möglichkeit, ein Lehrerstudium für Biologie zu absolvieren. Der Lauchhammeraner nutzte diese Chance im mecklenburgischen Güstrow. Endlich konnte er in seinem Traumberuf arbeiten.

Die zehn schönsten Jahre

Seiner Zeit als „Biolehrer“ an der Thälmannschule (heute Waldschule) in Lauchhammer-Ost folgte „der beruflich schönste Abschnitt meines Lebens“, wie Blaschke heute zurückblickt. Damit meint er die Jahre von 1980 bis 1990, als er als pädagogischer Mitarbeiter in der Station junger Naturforscher und Techniker in der Lauchhammeraner Schulstraße wirkte. „In meiner dortigen Lehrtätigkeit bin ich voll aufgegangen", begründet er.

Besonders Vögel haben es Werner Blaschke angetan. Bereits in seiner Staatsexamenarbeit spielten Kohlmeisen die Hauptrolle. Im Jahr 1974 begann Blaschkes Karriere als „Storchenvater“. „Damals wurden in der DDR diese Vögel gezählt“, erinnert sich der damalige Leiter der Fachgruppe Ornithologie des Kulturbundes im Kreis Senftenberg. Anfang der 1980er-Jahre habe er dann von „Storchennestor“ Heinz Menzel die Betreuung der Adebare im Altkreis übernommen. Obwohl es den Kreis Senftenberg schon lange nicht mehr gibt, ist Werner Blaschke noch immer der Storchenverantwortliche für dieses Gebiet. Der hoch gewachsene Vogelkundler mit den silbergrauen Haaren und der für ihn so charakteristischen Brille bereiste alle Horststandorte bis 1992 drei- bis viermal jährlich mit dem Fahrrad, seitdem mit dem Auto. In den 1980er-Jahren beringte der Naturschützer 361 Jungstörche in den damaligen Kreisen Senftenberg und Bad Liebenwerda. Unterstützung erfuhr er vom Bagger-, Förderbrücken- und Gerätebau Lauchhammer, besser bekannt unter der Abkürzung „BFG“. „Die Firma stellte kostenlos einen Lkw und einen Fahrer für diese Aktionen zur Verfügung.“ Werner Blaschke weist im gleichen Atemzug auf seine zahlreichen ehrenamtlich aktiven Helfer hin, die die Zählungen Jahr für Jahr unterstützen. Die Ergebnisse sind unter anderem in Management- und Aktionspläne eingeflossen.

Lebensräume schwinden

Im Jahr 2009 hat Werner Blaschke im Altkreis Senftenberg neun Horstpaare mit insgesamt 28 Jungvögeln gezählt. Anderthalb Jahrzehnte zuvor seien es noch 22 Horstpaare mit 65 Jungvögeln gewesen. Die Gründe sieht der Fachmann in der Veränderung der Landschaft. So seien die für Störche so wichtigen Wiesen und Weiden zugunsten von Maismonokulturen umgewandelt worden. Blaschke verweist dabei insbesondere auf das Gebiet zwischen Lindenau und Frauwalde. „Wenn wir die Störche dauerhaft erhalten wollen, müssen wir für den Fortbestand ihrer Lebensräume sorgen“, mahnt Blaschke, der auch als Naturschutzbeauftragter in Lauchhammer tätig ist. Seine Heimatstadt gilt übrigens als der einzige Ort im Altkreis Senftenberg, in dem es gleich zwei Storchenhorste gibt. An beiden Standorten in Lauchhammer-West sind die Rotstrümpfe auch in diesem Frühjahr bereits eingetroffen.