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Lehrer wegen Missbrauchs verurteilt

Senftenberg. Nach einem sexuellen Übergriff auf eine Schülerin hat der Dienstherr nicht gezögert: Der beschuldigte Honorarlehrer der Musikschule Oberspreewald-Lausitz, der der damals 15-Jährigen während des Klavier-Einzelunterrichts in Senftenberg unter das Shirt und an die nackte Brust gegriffen haben soll, wurde gefeuert. Der Strafrichter hat jetzt geurteilt. Kathleen Weser

Mit regungslosem Gesichtsausdruck nimmt der 38-Jährige aus Senftenberg am Freitag im Gerichtssaal des Amtsgerichts Senftenberg den erschütternden Vorwurf auf der Anklagebank zur Kenntnis: sexueller Missbrauch einer Schutzbefohlenen. Der arbeitslose Diplom-Pädagoge und Musiker, Vater von drei minderjährigen Kindern, sitzt geschniegelt und gebügelt neben seinem Verteidiger. Nur die verschränkten Finger der Hände, die den Klavierlehrer durchaus erahnen lassen, zittern leicht. Der Angeklagte macht von seinem Recht zu schweigen Gebrauch - und bestreitet den Vorwurf, wie sein Verteidiger betont.

Für das 17-jährige Opfer ist die Zeugenaussage vor Gericht eine Tortur. Im Verhandlungssaal schlägt sich das Mädchen erstaunlich wacker. Auf dem Flur in einer Pause nach der bereits länger als eine Stunde andauernden Vernehmung, in der vor allem ihre Glaubwürdigkeit hinterfragt wird, kann sie die Tränen aber nicht mehr zurückhalten. Strafrichter Thomas Witzke, der dem Vorfall in der Musikschule hart und einfühlsam zugleich auf den Grund geht, hat in der Verhandlung jedoch "keinerlei Zweifel" daran, dass die 17-Jährige nichts als die Wahrheit berichtet hat.

Der Tat-Tag, Montag, der 25. März 2013: Die Klavierschülerin wartet kurz vor 19 Uhr vor dem Klavierzimmer in der Musikschule auf den Lehrer. Außerplanmäßig, weil sie in der Vorwoche wegen eines schulischen Termins absagen musste. Eigentlich hat sie immer dienstags ihren Einzelunterricht.

Ihr Klavierlehrer kommt leicht zu spät und fragt das Mädchen, wie es ihm gehe. "Ich habe normal geantwortet und auch höflich die Gegenfrage gestellt", erzählt sie dem erfahrenen Jugendrichter. Doch der Klavierlehrer habe die Plauderei immer weiter geführt. "Das Gespräch nahm kein Ende", erzählt die 17-Jährige. Deshalb sei sie zum Instrument gegangen und habe begonnen zu spielen.

Dort habe der Lehrer ihr plötzlich beide Hände auf die Schultern gelegt. Das Mädchen entledigte sich derer. Allerdings vergeblich. Der Musiklehrer habe dies wiederholt. Und die Schülerin berichtet, sie habe seine Hände daraufhin fest ergriffen und weggedrückt - in der Annahme, der Erwachsene verstehe diese eindeutige Zurückweisung.

Doch der Klavierlehrer habe ihr dann in den Ausschnitt und weiter unter den Büstenhalter an die nackte linke Brust gefasst und sie gefragt, ob ihr dies gefalle. Die Schülerin stand so unter Schock, dass sie sich weder rühren noch antworten konnte. Das klingelnde Handy des Lehrers, der daraufhin zum Telefonieren den Raum verließ, erlöste das Mädchen. Die damals 15-Jährige raffte eilends ihre Sachen zusammen, um zu verschwinden.

Doch an der Tür traf sie auf den zurückkehrenden Lehrer. Dessen schuldbewusste Frage lautete sinngemäß, ob sie ihn nun für ein Schwein halte. Der Schock und der Grundrespekt vor dem Erwachsenen ließen das Mädchen dazu schweigen. Völlig aufgelöst hat sie auf der Straße ihre Mutter angerufen - und deren besorgte Nachfrage, ob der Lehrer sie angefasst habe, dann bejaht.

Diese Schilderung nutzt der Strafverteidiger als Steilvorlage, um die Glaubwürdigkeit von Tochter und Mutter zu erschüttern. Dass sofort nach einem sexuellen Angriff gefragt worden sei, könne das Mädchen zu einer Lüge geführt haben, aus der sie später nicht mehr herausgekommen sei. Doch die schluchzende Aussage, dass sie nie wieder zum Klavierunterricht gehe, und nicht den leichter erreichbaren Vater daheim angerufen hatte, hatte bei der Mutter den richtigen Instinkt geweckt.

Drei SMS-Nachrichten, mit entschuldigenden Worten und der Versicherung, künftig Abstand zu halten, hat der Klavierlehrer noch am gleichen Abend an die Schülerin gesendet. Das von den Ermittlern der Polizei später auch ausgelesene Handy hatte einen regen Schriftwechsel offenbart, der nachweislich immer wieder einseitig von dem Lehrer ausgegangen war.

Die eindeutig überschrittene Grenze eines normalen Verhältnisses zu einem Schüler war Erwachsenen sofort klar. Nachvollziehbar ist aber auch: Das Mädchen hat dies zunächst gar nicht verstanden und später aus falschem Respekt vor dem Lehrer versucht, auf dessen Fehlverhalten unverfänglich zu antworten oder dieses ignoriert.

Der Musiklehrer ist vor dem Amtsgericht Senftenberg zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt worden, die zur zweijährigen Bewährung ausgesetzt wird. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Revision und Berufung sind möglich.