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| 17:38 Uhr

Jetzt schon in Italien
Lausitzer Wölfe sind Exportschlager

Die Lausitzer Wölfe breiten sich in ganz Deutschland aus. Sie sind jetzt sogar schon in Italien aufgetaucht.
Die Lausitzer Wölfe breiten sich in ganz Deutschland aus. Sie sind jetzt sogar schon in Italien aufgetaucht. FOTO: Bernd Thissen
Senftenberg. Die Lausitzer Wölfe befinden sich bundesweit auf dem Vormarsch. Die Tiere werden mittelfristig fast ganz Deutschland besiedeln. Inzwischen gibt es sogar eine lausitz-italienische Wolfsfamilie. Von Torsten Richter-Zippack

Die Lausitz exportiert Braunkohlestrom, Spreewaldgurken und handgemachte Schokolade - und Wölfe. Von einem echten „Exportschlager“ spricht der Sonnewalder Naturschützer und Wolfsbeauftragte Dr. Reinhard Möckel. „Weil sich die hier geborenen Tiere bundesweit ausbreiten.“ Oder anders gesagt: Die Lausitz gilt als Dreh- und Angelpunkt für die Wiederbesiedlung großer Teile Deutschlands.

Egal, ob die Rudel in Mittel- und Nordbrandenburg, in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, ebenso im Ostraum von Leipzig: Die Lausitzer Wölfe sind auf dem Vormarsch. Lediglich in wenigen Bundesländern gebe es noch keine Graupelze mit Nachwuchs. Selbst in Bayern wurden die Raubtiere aus dem Osten bereits gesichtet. „Im vergangenen Jahr“, so erzählt Reinhard Möckel, „hat erstmals ein Lausitzer Wolf mit einem Tier aus der italienischen Population Nachwuchs gezeugt“. Die neue Familie lebe fast auf halber Strecke, und zwar im Bayerischen Wald. „Wir wollen diese genetische Vermischung“, stellt Möckel klar. „Denn davon versprechen wir uns einen stabileren Gesundheitszustand der Wölfe.“ Zwischen Lausitzer Neiße und Elbe gibt es indes kaum mehr Platz für weitere Rudel. In der Niederlausitz leben derzeit 13 komplette Wolfsfamilien sowie zwei Paare und ein Einzelwolf. Elf Rudel und fünf Paare zählt die Oberlausitz. Zumindest in Südbrandenburg ist in den Jahren 2016/17 kein neues Rudel hinzugekommen. „So sieht auch der Trend für die nächsten Jahre aus: Mal gibt es eine Familie mehr, mal eine weniger“, erklärt Reinhard Möckel. Die Niederlausitz sei bis auf den Spreewald komplett von Wölfen besiedelt. Und die Niederungslandschaft könnte mittelfristig auch Heimat von Isegrim werden. Schließlich wagen sich in Weißrussland die Raubtiere in die dortige riesige Sumpflandschaft. Wichtigste Nahrung sei dort der Biber. „Das haben unsere Wölfe noch nicht gelernt“, erklärt Möckel.

Stichwort Weißrussland: „Ein aus Sachsen stammender Wolf wanderte über 1500 Kilometer weit bis in dieses Gebiet“, sagt Jana Endel vom Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“. Darüber hinaus seien seine Lausitzer Artgenossen auch schon in Polen und Dänemark nachgewiesen worden.

In der Oberlausitz selbst nehmen nach Angaben des Kontaktbüros die wolfsfreien Gebiete immer weiter ab. Lediglich im landwirtschaftlich stark genutzten Gefildeland zwischen Kamenz und Bautzen sowie in der Zittauer Gegend gebe es noch keine Rudel.

Aufgrund der kaum mehr vorhandenen wolfsfreien Flächen sind die Lausitzer Tiere gezwungen abzuwandern. In Deutschland gibt es aktuell 60 Rudel, 13 Paare sowie drei territorial gebundene Einzeltiere. Warum sehr viele Lausitzer Wölfe bislang die nordwestliche Richtung, also über den Fläming und die Altmark nach Niedersachsen, verfolgen, sei bislang ein Rätsel der Wissenschaft, sagt Reinhard Möckel. Möglicherweise liege es am Waldreichtum und der relativen Ungestörtheit dieser Gebiete. Allerdings kreuzen dort mehrere stark befahrene Autobahnen und Bahntrassen die Wege der Raubtiere. „Große Wälder sind für die Wölfe aber nicht zwingend erforderlich“, erklärt der Sonnewalder Experte. Inzwischen seien auch Fälle bekannt, bei denen die Welpen in Maisfeldern aufgezogen wurden, ein Beispiel ist Gohrischheide zwischen Falkenberg und Riesa. Jana Endel ergänzt, dass Wölfe überall leben können, wo ein ausreichend großes Beutetiervorkommen und Rückzugsräume vorhanden sind. Der Siedlungsdruck des Menschen spiele dabei nicht die ausschlaggebende Rolle. Der Grund: „Die Tiere sind sehr anpassungsfähig“, sagt Jana Endel. „Sie kommen keineswegs nur in Gebieten mit wenigen Menschen vor, sondern auch in dichter besiedelten Kulturlandschaften in Mitteleuropa und Nordamerika.“

Kurios: Obwohl Lausitzer Wölfe in mittlerweile vielen Bundesländern eine neue Heimat gefunden haben, werde Westsachsen bislang verschmäht. Mit Ausnahme der Leipziger Gegend gebe es dort noch keine konkreten Hinweise auf entsprechende Territorien.