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| 18:07 Uhr

Lausitzer in Sorge um Lausitzer Gewässer
Nur scheinbar geglättete Wogen am Senftenberger See

Nach der Rutschung im Senftenberger See ist das Gewässer für den Schiff- und Bootsverkehr gesperrt.
Nach der Rutschung im Senftenberger See ist das Gewässer für den Schiff- und Bootsverkehr gesperrt. FOTO: LR / Jan Augustin
Senftenberg. Als Wasserwirtschaftler, der sich seit 50 Jahren mit dem Speicherbecken Niemtsch, dem Senftenberger See, und der Schwarzen Elster mal mehr, mal weniger beschäftigt, bewegt Reinhard Heepe der Insel-Abrutsch hier besonders. „Ich werde seit dem Ereignis Mitte September von Bürgern dazu angesprochen“, sagt er. Dies war Anlass zu seiner Analyse:

Es ist doch nun kein Geheimnis: Die Innenkippe des ehemaligen Tagesbaues Niemtsch ist unsaniert. Denn die heute mögliche Sicherung von auslaufenden Tagebauen sind vor mehr als 50 Jahren, als der Senftenberger See entstand, nicht bekannt geween. „Folglich war eine hinreichende Stabilisierung nicht möglich“, sagt Heepe. Es sei „nur mehr als folgerichtig, dass die Insel autark geblieben ist und als Naturschutzgebiet nicht betreten werden darf“. Und die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass bei angepasstem Nutzungsbereich als Speicher eine Stabilität des Inselbereiches hinreichend möglich gewesen ist.

Dass die Schwarze Elster sich schon mehrfach nur noch als trockener Wanderweg zeigte, ist allgemein bekannt. Bekannt aber ist auch, „und das seit Jahrzehnten“, dass die Tagebaurestlöcher als Seen zu entwickeln sind und durch den Bergbau auch so vorbereitet wurden. Mit dem Ziel: diese zur Speicherung von Elsterwasser und natürlich auch zur Rückhaltung von Hochwässern sowie die Abgabe gespeicherten Wassers in Trockenzeiten zu nutzen. Das ist schon vor mehr als 60 Jahren für das Restloch Niemtsch festgelegt worden.

Die Schwarze Elster ist in diesem Sommer in mehreren Abschnitten auch trocken gefallen. In der Hauptfließrichtung gen Elbe-Elster wird der Fluss mit Wasser aus dem Speicherbecken Niemtsch, dem Senftenberger See, stabilisiert.
Die Schwarze Elster ist in diesem Sommer in mehreren Abschnitten auch trocken gefallen. In der Hauptfließrichtung gen Elbe-Elster wird der Fluss mit Wasser aus dem Speicherbecken Niemtsch, dem Senftenberger See, stabilisiert. FOTO: Renate Kupfer

Ein Hochwasserrückhalt in den vorbereiteten Seen der Lausizer Seenkette kann mindestens bis Plessa ein gefährliches Hochwasser ausschließen. Und weiter unterhalb wäre im Ernstfall die Fließmenge um 50 Kubikmeter pro Sekunde reduziert. „Da sollte es doch interessant sein, ob denn bis nach Elsterwerda nun tatsächlich mit all den negativen Nebeneffekten die Bundesstraße 169 als Hochwasserdamm ausgebaut werden muss“, erklärt Heepe. Der Plan wird im Land Brandenburg verfolgt. Der Wasserwirtschaftler, der die Seenkette als Hochwasserspeicher präferiert, kritisiert: Doppelte Kosten sind offenbar kein Problem. Und der Elsterdamm, der die B 169 trägt, sei wohl erst bis Ende des nächsten Jahrzehnts realistisch. Leben wir also noch weiter mit der Ungewissheit bezüglich gefährlicher Hochwässer und einer trockenen Elster, fragt er durchaus provozierend.

„Ich denke, es besteht kein Zweifel an der Ursache für die Rutschung im Senftenberger See: nämlich die zu tiefe Absenkung des Wasserspiegels“, bestätigt Heepe. Auch der Aussage, dass eine Rotte Wildschweine die Rutschung ausgelöst haben soll, schließt er sich an. Denn: Ein Senftenberger, der mit seinem Segelboot gegen 9 Uhr mit dem Boot noch nahe des Rutschungsbereiches unterwegswar, habe berichtet, zwölf bis 15 Wildschweine seien höchst aufgeregt und mit hohem Tempo auf der Insel laufend am Rande der Rutschkannte gesehen zu haben.

„Ich sehe es mit Genugtuung, dass die Insel des Senftenberger Sees und die jetzt zur Wasserabgabe aus den Restseen der ehemaligen Tagebaue Koschen (Geierswalder See), Skado (Partwitzer See), Bluno (Blunoer See) noch in der Verantwortung der Landesbergämter liegen“, sagt Heepe. „Der auch für die Überleitung vom Geierswalder See vor 50 Jahren errichtete Stollen wurde seinerzeit für die Ausleitung aus dem Geierswalder See gebaut. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, diesen Verbinder in das Bewirtschaftungssystem einzubeziehen, niemals gab es dazu eine Reaktion durch die zuständige Wasserbehörde“, schildert er. Die Entscheidung zum Verfahren der Wasserüberleitung habe die zuständige Wasserbehörde Brandenburgs nicht gefällt. Dazu wäre eine Abstimmung, vielleicht sogar eine Vereinbarung, mit den sächsischen Behörden erforderlich gewesen.

Es ist auch keine „Schützenhilfe“, wenn das Wasser nun in Folge der Rutschung im Senftenberger See aus den sächsischen Seen in die brandenburgischen Nachbarseen geleitet werde. „Das gehört zur Bewirtschaftung der Lausitzer Gewässer. Da ist Ressortdenken, gefesselt an Landesgrenzen, fehl am Platze§, betont der Senftenberger. Heepe selbst hatte im Jahr 2010 unter kompetenter Mitwirkung von sächsischen und brandenburgischen Behördenvertretern einen Vorschlag erarbeitet, die Bewirtschaftung der Schwarzen Elster und der Spree wegen der Tagebaurestseennutzung der Lausitz unter eine einheitliche Institution zu steuern und zu behandeln - als Bewirtschaftungszentrale Oberflächenwasser Lausitz. In paritätischer Besetzung aus Brandenburg und Sachsen sowie mit Vertretern der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) mit der vorhandenen Flutungszentrale Lausitz, einem Aufsichtsrat mit beiden Umweltministern. Aber nichts ist passiert.

„Die jetzige Wassereinleitung in den Senftenberger See zeigt bereits Wirkung im Anstieg der Wasserhöhe“, bestätigt Heepe. Dass die gesamte Uferlinie nunmehr bis zum Erreichen eines Wasserstandes von 98,30 Meter über Normalhöhennull (NHN) gesperrt bleibt, „ist in der Tat zwingend“. Es gehe immerhin um Menschen, die zu Schaden kommen könnten, wenn der Zugang zum See derzeit gewährt würde. „Vielleicht geschehen tatsächlich noch Rutschungen, die für die Inselstabilität durchaus auch nützlich sein könnten“, mutmaßt Reinhard Heepe.

Wegen des Insel-Abrutsches sind die Segel in diesem Jahr mehrere Wochen früher als gewöhnlich eingeholt worden.Zwangsweise. Die Sportvereine und privaten Bootsbesitzer trifft das hart.
Wegen des Insel-Abrutsches sind die Segel in diesem Jahr mehrere Wochen früher als gewöhnlich eingeholt worden.Zwangsweise. Die Sportvereine und privaten Bootsbesitzer trifft das hart. FOTO: Steffen Rasche

Für die Nutzung des Erholungs- und Feriendomizils ab dem nächsten Frühjahr ist er „sehr optimistisch“. Der Wasserstand sei entscheidend für die Stabilität der Insel, die ja nicht betreten werden darf. „Hier sollte auch gleich eine eingeschränkte Nutzung der Wasserfläche durch Boote geregelt werden“, fordert er. Das schiffbare Gewässer ist in der Saison von April bis Oktober generell jedermann zugänglich. Der See wird aber zeitweise so intensiv befahren, dass die Frage steht, wie viele zeitgleiche Nutzer der Senftenberger See wirklich schadlos verträgt.

Zur Regelung der wasserwirtschaftlichen Nutzung ist Reinhard Heepe jedoch eher skeptisch. „Ich lasse mich gern überraschen“, sagt er. „Aber es bedarf des deutliches Druckes der Menschen in der Region und vor allem der Verantwortlichen in den Kommunen, damit es hier wirklich vonan geht“, schätzt er ein.

Die Badelustigen sollen den See im nächsten Jahr wieder nutzen können.
Die Badelustigen sollen den See im nächsten Jahr wieder nutzen können. FOTO: dpa / Monika Skolimowska
(kw)