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| 13:19 Uhr

Artenschutz
Grünewalder züchten seltene Haustierrassen

 Im Hühnerstall von Pia Junge in Grünewalde leben Deutsche Reichshühner und Vorwerk-Hühner friedlich miteinander.
Im Hühnerstall von Pia Junge in Grünewalde leben Deutsche Reichshühner und Vorwerk-Hühner friedlich miteinander. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Grünewalde. Der Heimatverein hilft beim Beschaffen und Ausbrüten von Eiern. Hühner, Tauben und Schafe sollen artgerecht aufwachsen. Von Torsten Richter-Zippack

Sobald in einem Hühnerstall zwei oder mehrere Hähne leben, geht es in aller Regel hoch her. Die Tiere kämpfen ständig mit teils harten Bandagen um die Vorherrschaft. Anders dagegen bei Familie Junge in Grünewalde: „Bei uns wohnen mehrere Hähne friedlich zusammen“, weiß Pia Junge aus Erfahrung. Das liege an den Hühnerrassen, erklärt die Fachfrau. Auf ihrem Hof leben seit bereits zwei Jahrzehnten Vorwerkhühner, seit fünf Jahren Reichshühner. „Ich schätze an beiden ihre Friedfertigkeit“, sagt die Züchterin, die sogar eine Brutmaschine ihr Eigen nennt. Darüber hinaus sehen die Tiere imposant aus: hier die weiß-schwarzen Reichshühner, dort die braunen Vorwerkhühner mit ihren charakteristischen schwarzen Hälsen.

Beide Rassen haben eines gemeinsam: Sie sind bundesweit sehr selten. Nach Angaben der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) gibt es in Deutschland lediglich rund 300 Reichshuhn-Hähne sowie 1300 Hennen. Die Tiere gelten daher als stark gefährdet. Bei den Vorwerkhühnern ist die Situation noch nicht ganz so angespannt.

„Ich möchte dazu beitragen, dass beide Rassen dauerhaft erhalten bleiben“, benennt Pia Junge ihre Intention. Dafür nimmt die Grünewalderin auch manche Nachteile in Kauf. So bringt es ein Huhn pro Jahr auf maximal 150 Eier. „Das reicht gerade für den Eigenbedarf“, rechnet Junge vor. In den fast industriellen Hühnerbetrieben kommen die Tiere auf mehr als die doppelte Menge.

 Auf dem Gelände des Grünewalder Heimatvereins sind seltene Taubenrassen beheimatet, beispielsweise diese Altenburger Trommeltauben, die gemeinsam mit Schlesischen Kröpfern in der Voliere leben.
Auf dem Gelände des Grünewalder Heimatvereins sind seltene Taubenrassen beheimatet, beispielsweise diese Altenburger Trommeltauben, die gemeinsam mit Schlesischen Kröpfern in der Voliere leben. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Junges gehören zu den vier Grünewalder Familien, die sich bereits seit Jahren der Zucht sehr seltener und vom Aussterben bedrohter Haustierrassen widmen. Den Hut dafür hat der örtliche Heimatverein auf. Dessen Vorsitzender Dr. Siegfried Thomas betont, dass es dabei weniger um wirtschaftliche Erträge als vielmehr um das Tierwohl gehe. „Wir wollen, dass die Hühner, Tauben und Schafe in einer natürlichen Umgebung gedeihen können und auf traditionelle Art gehalten werden.“

Auf dem Grünewalder Mühlenhof, dem Domizil des Heimatvereins, sind ebenfalls seltene Haustierrassen beheimatet. Altenburger Trommeltauben und Schlesische Kröpfer leben dort artgerecht.

Begonnen hatte das Haustierprojekt bereits in den 1990er-Jahren. Dank eines Einheimischen in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurden diverse Tiere an interessierte Einwohner vermittelt, erinnert sich Siegfried Thomas. Mittels eines eigens angeschafften Brutapparates konnten die entsprechenden Eier ausgebrütet und die geschlüpften Küken verteilt werden.

Thomas hat sich indes auf Charollais-Schafe spezialisiert. Die mittel- bis großwüchsigen Tiere stammen aus Frankreich. „Ich halte 100 Tiere sowie einen dazugehörigen Herdenschutzhund“, sagt der Diplom-Landwirt. „Der Anteil des besonders wertvollen Fleisches ist bei diesen Tieren hoch“, benennt der Landwirt siene Intention. Obwohl er das Fleisch an Bioschlachthöfe in Sachsen verkauft, stehe die Erhaltung dieser seltenen Rasse im Vordergrund. Weitere sehr seltene Schafrassen in Grünewalde sind unter anderem Soya-Schafe sowie Weiße gekrönte Heidschnucken.

Die Gründe für das Aussterben von Haustierrassen in Deutschland sind meist wirtschaftlicher Natur. „Tiere, die zu wenig Fleisch liefern und zu viel Bewegung benötigen, werden von großen Unternehmen aus Kostengründen nicht mehr nachgefragt“, erklärt Siegfried Thomas. Der 81-jährige Landwirt, weiß, wovon er spricht: „Ich forsche in unserer Familiengeschichte. Mindestens bis ins 17. Jahrhundert waren wir immer Bauern“, sagt der aus Belgern an der Elbe stammende Experte, der seit fast einem Vierteljahrhundert in Grünewalde lebt. Jedem, der an diesen alten gefährdeten Haustierrassen Interesse hat, helfen die Mitglieder der Grünewalder Heimatvereins gern, sagt Siegfried Thomas. Darüber hinaus gebe es Unterstützung, wenn es um die Weitervermittlung des entsprechenden Fachwissens gehe. Mindestens einmal im Jahr werden Vorträge angeboten.

Und noch etwas: Im Rahmen des Grünewalder Erntefestes am 28. September findet wieder das traditionelle Hähnewettkrähen statt. Nicht selten sind dabei gerade die seltenen Rassen erfolgreich. So hat Pia Junge mit ihren Tieren im vergangenen Jahr den zweiten Platz belegt.