Wenn sich Klaus Bethke mit Berufskollegen unterhält oder er zu Terminen mit anderen Ärzten eingeladen ist, dann lässt er schon mal am Ende des Gespräches (ganz unauffällig) ein oder zwei Stellenausschreibungen auf den Tisch gleiten. Gern verschenkt der Chef des Gesundheitsamtes im Oberspreewald-Lausitz-Kreis in jüngster Zeit auch die für seinen Berufsstand wohlwollende Informationsbroschüre mit dem Titel "Mitten im Leben - Arbeiten im öffentlichen Gesundheitsdienst". Diese für einen leitenden Amtsarzt vielleicht seltsam anmutende Verhaltensweise hat einen Grund: Dem Landkreis droht in den kommenden Jahren ein besorgniserregender Amts-Ärztemangel.

Ein Beispiel? Seit eineinhalb Jahren sucht die Kreisverwaltung in Senftenberg vergeblich einen Nachfolger für Martina Pohle. Die 60-jährige Fachärztin für Hygiene und Gesundheitsmedizin geht Ende dieses Jahres aus privaten Gründen vorzeitig in den Ruhestand.

Zweites Beispiel: Die Kreisverwaltung findet keinen Facharzt im sozialpsychiatrischen Dienst. Bereits seit sechs Jahren ist diese Stelle unbesetzt. Das bestätigt Klaus Bethke auf RUNDSCHAU-Anfrage. "Es gab mal zwei, drei Bewerbungen - gekommen ist niemand", sagt er. Die Arbeit, die im Wesentlichen im Beraten und Vermitteln von Hilfe besteht, könne zwar erledigt werden. Mit einem Facharzt hätte man aber mehr Qualität, räumt Bethke ein: "Manches würde schneller, besser und vielleicht auch anders gemacht."

Mit dem Mangel an Nervenärzten würden aber auch andere Einrichtungen in ganz Südbrandenburg kämpfen. Und wenn sich doch mal jemand für den Weg in die Lausitz entscheidet, dann werde der wohl eher in einem Krankenhaus arbeiten wollen als im Gesundheitsamt, glaubt Klaus Bethke.

Der wichtigste Grund dafür liegt auf der Hand: Ein Krankenhausarzt verdient einfach mehr. Je nach Berufserfahrung und Eingliederung können das um die 1000 Euro Unterschied ausmachen, so Bethke. Es sind aber deutlich mehr, wie der Marburger Bund mitteilt (siehe Infobox).

Der Marburger Bund als gewerkschaftliche Interessenvertretung der angestellten und verbeamteten Ärzte in Deutschland bestätigt Bethkes These. "Wir wollen eine Angleichung der Tarife", sagt Pressesprecher Hans-Jörg Freese. Bemühungen, eine Einigung mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden zu erzielen, seien bisher aber "leider vergeblich" gewesen. Das Fachkräfteproblem sei ein bundesweites. Selbst Berlin sei davon nicht ausgeschlossen. Dennoch, gerade in den berlinfernen Regionen wird es immer schwerer, Stellen zu besetzen, wie jüngst eine dpa-Umfrage ergab.

"Der Mangel ist bedenklich", warnt Freese. Hoffnung habe ihm die Gesundheitsministerkonferenz vor einer Woche in Bad Dürkheim gemacht. Die Minister machten dort deutlich, dass im "Hinblick auf die zunehmende Knappheit ärztlichen Personals im Öffentlichen Gesundheitsdienst eine Angleichung der Vergütung an die Tarife der Ärzte in Krankenhäusern und eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit insbesondere zur Imageverbesserung erforderlich" sind.

Apropos Image. Klaus Bethke widerspricht dem von vielen Menschen angenommenen verstaubten Ruf eines Amtsarztes vehement. "Das ist eine irre vielfältige Arbeit", betont er. Die Palette reiche von jung bis alt. Außerdem käme ein Arzt im Öffentlichen Gesundheitsdienst mit allen Krankheitsbildern in Kontakt. Nur behandeln könne er die Patienten nicht.

Finden sich keine Bewerber für die derzeit zwei ausgeschriebenen Stellen im Kreis, bleiben diese Arbeitsplätze unbesetzt. Die Situation könnte sich aber noch weiter verschärfen. Im Juni des kommenden Jahres geht die Fachärztin im Kinder- und Jugendgesundheitsdienst Petra Hauswald in den Ruhestand. Die vierte Ärztin im Gesundheitsamt ist die 60-jährige Sozialmedizinerin Andrea Brecht.Leiter Klaus Bethke selbst könnte noch bis Anfang 2019 im Amt bleiben. "Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das bis zum Schluss mache", sagt der 61-Jährige mit der Imagebroschüre für Amtsärzte in der Hand.

Zum Thema:
Die Gehaltsunterschiede zwischen Ärzten im Öffentlichen Gesundheitsdienst und Ärzten in einem kommunalen Krankenhaus können bis zu 30 Prozent betragen, wie der Marburger Bund mitteilt. Ein Beispiel: Ein Facharzt in einem Krankenhaus verdient nach Tarif ab dem zehnten Berufsjahr 6514 Euro im Monat. Der Facharzt, der im Gesundheitsamt mit der Entgeltgruppe 14 eingegliedert ist, bekommt 4807 Euro pro Monat. Das ist ein Unterschied von gut 26 Prozent. Für die Ärztegewerkschaft ist das deutlich zu viel und auch nicht durch temporäre Zulagen wettzumachen, sagt der leitende Pressesprecher Hans-Jörg Freese. Für den Krankenhausarzt, der an einen Wechsel ins Gesundheitsamt nachdenkt, sei das ein großes Problem.