| 02:43 Uhr

Landeanflug zur Inventur im Kranich-Paradies

Hochbetrieb über dem Kranich-Rastplatz im Naturparadies Grünhaus. Ein Schwarm nach dem anderen fliegt vor dem Sonnenuntergang am Schlafplatz ein.
Hochbetrieb über dem Kranich-Rastplatz im Naturparadies Grünhaus. Ein Schwarm nach dem anderen fliegt vor dem Sonnenuntergang am Schlafplatz ein. FOTO: Dirk Donner
Lauchhammer. Morgens bei Tagesanbruch oder abends bei Einbruch der Dunkelheit: Kranich-Zähler schieben an diesem Wochenende Überstunden. 1600 Vögel haben sie am Hauptschlafplatz Grünhaus Anfang Oktober schon auf einen Schlag gezählt. Der größte südlichste Rastplatz Deutschlands liegt im Naturparadies Grünhaus. Andrea Budich

Den durch dichtes Unterholz führenden Weg zum Beobachtungspunkt am Hauptschlafplatz Grünhaus findet niemand so sicher wie Karlheinz Krengel. Der 61-Jährige geht ihn seit zig Jahren, auch des Nachts. Kranich-infiziert ist er, seit Ende der 1970er-Jahre rund um sein Heimatdorf Sorno die ersten einzelnen Kraniche gesichtet wurden. Seit Anfang der 80er-Jahre beschäftigt er sich mit den "Vögeln des Glücks" in seiner Nachbarschaft, beobachtet und zählt sie. Dieser Rastplatz, wo früher mal das Dorf Grünhaus stand, ist der größte weit und breit. Hier suchen und finden die Kraniche in den Feuchtgebieten des ehemaligen Tagebaues sicheren Schutz. "Der Platz ist ein Kleinod, ein grüner Schatz", erklärt der Ornithologe. Mit knietiefen Flachwasserstellen, wenig Bewuchs, versteckt und windgeschützt durch den Kiefernwald zieht er beim Herbstzug jährlich Tausende Kraniche magisch an. Und mit den Kranichen auch Karlheinz Krengel, der beim Zählen in seinem Element ist. Mit sicherem Auge und seinem Feldstecher aus DDR-Zeiten zählt er die einfliegenden Ketten in Keilformation flugs durch. Nach Jahrzehnten der Übung macht ihm dabei keiner mehr etwas vor. Wenn die Kranichtrupps Schlag auf Schlag einschweben, ist er ziemlich gut im Schätzen, wie er selbst sagt. Das Zählgerät, das Biologin Sandra Stahmann aus Annahütte zückt, braucht er nicht. Die Kranichbeauftragte des Nabu-Regionalverbandes Finsterwalde schickt die Zahlen, die Karlheinz Krengel in seinem Notizbuch vermerkt, an die Landeskoordinatoren vom Kranichschutz Deutschland.

Das große Sammeln der silbergrauen 1,20 Meter großen Vögel mit ihren noch bräunlichen Jungen hat in diesem Jahr im Juli begonnen. Zuerst finden sich die heimischen Paare ein, um sich auf den umliegenden Feldern ausreichend Winterspeck anzulegen. Den brauchen sie für den Zug in den Süden, der die meisten nach Frankreich und Spanien führt. Gesellschaft bekommen die Brandenburger Kraniche dabei von Artgenossen, deren Brutheimat in Tschechien, Polen, Finnland, Schweden und im Baltikum liegt. Die "Ausländer" zu identifizieren, ist für Karlheinz Krengel indes kein Problem. Mit seinem Feldstecher liest er die Farben der Ringe am linken Bein ab. Blau steht für Deutschland, gelb für Finnland, grün für Polen. Die rot-weißen Ringe für Tschechien beherrschen das Bild.

Der trompetende Ruf der Grauen Kraniche mit dem tiefen und etwas heiseren grui-grui ist lange zu hören, bevor sie kurz vor dem Sonnenuntergang am Schlafplatz einschweben. Für Sandra Stahmann immer wieder ein Gänsehaut-Moment. Die einfliegenden Ketten nehmen Kurs auf die Flachwasserstellen. Mit jedem Nachzügler brandet das aufgeregte Geschnatter erneut auf. Für die beiden Kranich-Zähler kein einfacher Job. 700 Vögel sind es diesmal bis zum Sonnenuntergang. Der erste Schwung ist schon auf dem Weg in den Süden.

Zum Thema:
Aus dem ehemaligen Tagebaugebiet zwischen Finsterwalde und Lauchhammer ist seit 2003 das Naturparadies Grünhaus entstanden. Die Nabu-Stiftung bewahrt rund 1930 Hektar in Grünhaus für die Natur.Bis zu 2800 Kraniche steuern verschiedene Schlafplätze in der Rastregion des Naturparadieses Grünhaus alljährlich im Herbst an. Im Altkreis Finsterwalde gibt es etwa 60 Brutpaare. Im Raum Senftenberg sind 50 bis 70 Brutplätze bekannt. Rund 2000 Kraniche überwintern in Brandenburg.