Nur ein paar kleine Schilder weisen den Weg zu den Brettern, die die Welt bedeuten können. „Casting für 'Nur für Mozart'“ steht auf gräulichen Papptafeln. Um kurz vor zwölf Uhr erweckt der Ort des Geschehens, ein leer stehender Laden in der Hauptstaße, noch nicht den Eindruck von Hollywood. Das tut er später ebenso wenig.
Auch im Inneren vermittelt das Geschäft kein Gefühl von Castinggroßereignissen nach Vorbild der privaten TV-Kanäle. Keiner derjenigen, die sich dort bewerben, muss vorsprechen, singen oder sich anderweitig anbieten. Kein roter Teppich, alles bleibt ganz bodenständig. An den Wänden hängen leere hölzerne Regale, ein blau bezogener Regiestuhl steht herum, als würde er schon eine Ewigkeit auf seine Bestimmung warten. Ein morbider Charme von abplatzender weißer Wandfarbe durchflutet den Raum.
Mittendrin steht Maria Dost, die agile kleine Castingleiterin. Jetzt ist noch Zeit, schnell eine Zigarette rauchen zu gehen, in ein paar Minuten sollen die Komparsen strömen. Maria Dost bleibt ruhig. Seit fünf Jahren im Geschäft, wirft sie so leicht nichts aus der Bahn. Etwa 150 Interessierte haben sich angemeldet - rund 300 Komparsen werden für den Film gebraucht, der ab dem 7. Juni in Luckau gedreht wird. Erst vor wenigen Tagen haben die Produzenten entschieden, den Start um eine Woche zu verschieben.
„Die Drehtage können lang werden“ , sagt Maria Dost. Deshalb setzen die Filmemacher auf Statisten aus der Region. Sie sind schnell am Ort des Geschehens.

Im „Castingbüro“ haben sich um kurz nach zwölf Uhr bereits mehr als zehn Leute eingefunden. Sie bekommen nummerierte Zettel in die Hand, auf denen sie neben Name, Adresse, Alter und Sozialversicherungsnummer auch die Hutgröße angeben sollen. „Woher soll ich denn die wissen“ , sagt eine Frau Mitte 40, und schaut ihre Freundin fragend an. „Keine Sorge“ , sagt Maria Dost, „lassen sie das einfach frei.“ Die Standardbögen dienen auch für Castings bei Mantel- und Degenfilmen. Dabei ist die Hutgröße schon wichtig. Eine derjenigen, die um den provisorischen Tresen stehen, ist Anita Pahsin (20) aus Lübben. „Meine Mutter hat gesagt, ich soll mich einfach bewerben“ , sagt die gelernte Kauffrau. „Da dachte ich: Probieren kann ich's ja mal.“ Also füllt sie den Zettel nach bestem Wissen und Gewissen aus.
Jetzt folgt das Entscheidende: das Foto. Schließlich muss sich das Produzententeam von jedem ein Bild machen. Maria Dost platziert Anita Pahsin vor einer Wand mit hellbraunen Holzpaneelen. Auf ihrem Bewerbungsbogen prangt eine riesige schwarze Zahl. Fast wie im Knast: Mit dem Bogen vor dem Bauch wird sie fotografiert - eine Szene wie in jedem guten Polizeikrimi. Andere Rollenanwärter fühlen sich beim Gefühl, an der Wand zu stehen, nicht sonderlich wohl. Eine sagt: „Da fühlt man sich fast schon wie erschossen.“ Doch das ist wirklich nicht das Ansinnen der Casting-Crew.
Leinwanderfahrung hat Anita Pahsin nicht - „höchstens mal ein Besuch in den Babelsberger Filmstudios“ , sagt sie - dafür aber zumindest Fernseh-Knast -Erfahrung: Denn der „Frauenknast“ ist eine ihrer Lieblingsserien. Immerhin ein Anfang.
Wer später als Statist bei „Nur für Mozart“ teilnehmen will, muss sich bis zum Drehbeginn an einige Dinge halten: „Die Komparsen sollten nicht mehr zum Frisör gehen, keine auffällige Schminke tragen und auch das Solarium meiden“ , erklärt Maria Dost. Schließlich gibt es in wenigen Gefängnissen sonnengebräunte Häftlinge. Manchen Castingteilnehmerinnen steht deshalb der Angstschweiß auf der Stirn. Nicht so Anita Pahsin: „Ich schminke mich sonst auch nicht“ , sagt die 20-Jährige. Natürlichkeit ist ihr lieber - Maria Dost für die Rollen der Häftlinge auch.
Erst eine Stunde ist das Castingbüro geöffnet und schon stapeln sich mehr als 80 Anmeldungen. Maria Dost ist verblüfft. Mit 100 hatte sie für den kompletten Tag gerechnet. Zwischendurch lugt auch die Postfrau mit langem Hals durch die Tür. Sie will sich nicht bewerben. Immerhin ruft sie ihre Arbeit.
Kurz nach Anita Pahsin schreiben sich Karina Schrödter (28) aus Straupitz und Jana Kschuppa (23) aus Lamsfeld in die lange Liste der Interessenten ein. Ihre einzige Verbindung zum Film ist bisher das Kino. „Den großen Durchbruch erwarte ich nicht“ , sagt Karina Schrödter und lacht. „Wir wollen einfach nur ein bisschen was erleben.“ Ein paar Tage die Luft von großer weiter Filmwelt schnuppern, hinter die Kulissen schauen und vor allem Spaß haben. Karina und Jana haben seit kurzem andere Hauptdarsteller zu Hause: ihre Söhne Tom (vier Monate) und John (acht Monate). Die besetzen neben der Haupt- auch die Nebenrollen. Falls die beiden Spreewälderinnen jedoch in zehn Tagen Bescheid bekommen, dass sie beim Dreh mit dabei sind, werden die Jungs für wenige Tage zu Statisten: „Dann kümmern sich die Väter um die Kinder“ , sagt Jana Kschuppa. „Und die Mütter kriegen Höhenflüge“ , erzählt Karina Schrödter grinsend.

Während sich die beiden jungen Mütter wieder auf den Heimweg machen, schauen immer wieder fragende Augenpaare in den Laden. „Kommen sie rein“ , sagt Maria Dost. Bis zum Abend sagt sie diesen Satz noch Dutzende Male. Kurz nach 18 Uhr steht fest: 218 Frauen und Männer haben sich für eine Statistenrolle beworben. Das war's: Klappe, die erste.

Hintergrund „Nur für Mozart“
Der Film „Nur für Mozart“ wird ab 7. Juni in Luckau gedreht. Er erzählt die Geschichte eines Mädchens, die wegen Mordes einsitzt und über eine Klavierlehrerin zur Musik und zu sich selbst findet.
Das Buch zum Film wurde im vergangenen Jahr mit dem Baden-Württembergischen Drehbuchpreis ausgezeichnet. Die Hauptrolle spielt Hannah Herzsprung.