| 02:44 Uhr

Kunstgusstage im Zeichen der Glocken-Doktoren

Der Leiter des Kunstgussmuseums Lauchhammer Jens Horn (r.) erklärt Besuchern die Zusammenhänger der vier bronzenen Apostelfiguren (Matthäus, Markus, Johannes und Lukas) der zerbrochenen Glockenkrone. Sie sind eine temporäre Leihgabe aus Meißen und bringen pro Stück ein Gewicht von rund 60 Kilogramm auf die Waage.
Der Leiter des Kunstgussmuseums Lauchhammer Jens Horn (r.) erklärt Besuchern die Zusammenhänger der vier bronzenen Apostelfiguren (Matthäus, Markus, Johannes und Lukas) der zerbrochenen Glockenkrone. Sie sind eine temporäre Leihgabe aus Meißen und bringen pro Stück ein Gewicht von rund 60 Kilogramm auf die Waage. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Lauchhammer. Mit ihren ersten Kunstgusstagen haben die Stadt Lauchhammer und ihr Kunstgussmuseum Werbung für ein Traditionshandwerk betrieben, das den Ort seit 1725 prägt. Eine Sonderausstellung zur legendären Johannesglocke im Dom zu Meißen zeigt, dass die Bronzeguss-Experten nicht "nur" Glocken gießen, sondern diese auch therapieren können. Uwe Hegewald / uhd1 uhd1

Kaum eine Glocke hat so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie die Johannesglocke am Dom zu Meißen (Foto). "Sie ist die figürlichste Glocke der Welt überhaupt", adelt Museumsleiter Jens Horn den 7,8-Tonnen-Koloss. Die Geschichte und die sich herum rankenden Schicksale genügten für eine spannende Filmdokumentation mit Happyend. "Im Zweiten Weltkrieg sollte die in Apolda gegossene Glocke eingeschmolzen werden", so Horn, der in Halle/Saale und Wien Kunsthistorik studiert hat. Umsichtige Menschen retteten das bereits auf dem Hamburger Glockenfriedhof lagernde Meisterstück vor dem Zugriff der Rüstungsindustrie. "Johannes" fand den Weg zurück nach Meißen, wo sie bis zum 22. Mai 1977 ihren klangvollen Dienst leistete.

Was an diesem Tag geschah und welche Rolle der Glockengießerei Lauchhammer zukam, erfahren Besucher der Sonderausstellung. Diese kann noch mindestens bis Ende des Jahres und möglicherweise noch darüber hinaus im Museum besucht werden. Nur so viel: Eine Reparatur der stark geschädigten Glocke war unumgänglich, ein Bergen und eine externe Sanierung nicht finanzierbar. Hier kommen Lauchhammer und seine Glockenexperten ins Spiel, die es sich zutrauen, das prachtvolle Stück vor Ort zu restaurieren. IN-SITU-Reparatur wird das Verfahren genannt, was mit einer Operation am offenen Herzen verglichen werden kann. "Eine ingenieurtechnische Meisterleistung", würdigt Dr. Norbert Pietsch, Vorsitzender des DVS - Deutscher Verband für Schweißen und verwandte Verfahren, Bezirksverband Cottbus.

Trotz der notwendigen Neuproduktion und des komplizierten Austauschens der maroden Glockenkrone ist es den Beteiligten gelungen, den zum Weltkulturerbe zählenden Klangkörper seinen ursprünglichen Farbton zurückzugeben. "Externe Gutachter haben das bestätigt", sagt Jens Horn.

Vom Museumsleiter bekommen Besucher auch das mitgeteilt: Während in der Kunstgießerei Lauchhammer eine neue Krone gegossen wird, nehmen Mitarbeiter des Tagebaugroßgeräte-Spezialisten Takraf die Produktion eines tragenden, gekröpften Joches auf. "Es musste den Ansprüchen des Denkmalschutzes genügen", führt Gerhard Nies an. Der einstige Takraf-Chef und heutige Beiratsvorsitzende der Stiftung Kunstgussmuseum Lauchhammer und Vorsitzende des Freundeskreises kann sich noch sehr genau erinnern, mit wie viel Herzblut die Belegschaft seinerzeit ans Werk ging. "Wann hat man auch schon mal die Gelegenheit, an einem solchen außergewöhnlichen wie ambitionierten Projekt mitzuwirken", nennt er mögliche Ursachen des Eifers.

Dass "Johannes" an Heiligabend 2010 erstmals wieder offiziell läutet, ist vor allem den Lauchhammeraner Spezialisten zu verdanken, die den Patienten erfolgreich operierten. "Unsere Bemühungen konzentrieren sich darauf, den Leuten nahezubringen, welche großartige Arbeit in Lauchhammer geleistet wird. Mit den neu ins Leben gerufenen Kunstgusstagen soll diese stärker in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden", begründet Bürgermeister Roland Pohlenz (parteilos) die Initiative. Lauchhammer und seine Kunstguss-Geschichte hätten mehr Aufmerksamkeit verdient, so das Stadtoberhaupt. Sollte die Premiere der Kunstgusstage mit ihrer Sonderausstellung die entsprechende Resonanz finden, sei eine Fortsetzung vorprogrammiert. Aller Voraussicht nach im Zwei-Jahres-Rhythmus und im Wechsel mit dem Stadtfest.

Zum Thema:
Die Johannesglocke ist mit fast acht Tonnen die größte im Meißner Dom. Die 1929 nach einem Entwurf von Paul Emil Börner gegossene Glocke gilt mit ihren Darstellungen aus der biblischen Apokalypse des Johannes als eine der bilderreichsten der Welt. Statiker haben festgestellt, dass Guss und Installation dieser Glocke etwas ambitioniert vollzogen worden war. Die Statik des Turmes verbietet es, die Glocke regelmäßig zu läuten. Das wiederum führte zur Festlegung, diese nur noch zu besonderen Anlässen erklingen zu lassen.