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| 17:51 Uhr

Interview mit Alrun Herbing
Mit dem Austernfischer durchs Watt

  Schauspielerin Alrun Herbing bei der Probe mit Körben der Austernfischer für ihre vorerst letzte Arbeit für die Neue Bühne: Am Samstag wird sie mit Kollegen das Stück „Souvenir 1870“ innerhalb des Spektakels „Fontane am Zug“ zeigen.
Schauspielerin Alrun Herbing bei der Probe mit Körben der Austernfischer für ihre vorerst letzte Arbeit für die Neue Bühne: Am Samstag wird sie mit Kollegen das Stück „Souvenir 1870“ innerhalb des Spektakels „Fontane am Zug“ zeigen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Die Schauspielerin Alrun Herbing über ihre Arbeit im Theaterprojekt „Das letzte Kleinod“ und die Qualität des Lebens in Senftenberg

Sie war Maria Stuart, Antigone und Gretchen im Faust. Kriemhild bei den Nibelungen, Wendla in Frühlingserwachen oder Schiffsärztin auf der MS Madagaskar. Sie war das Mädchen Anneliese in Peterchens Mondfahrt und gerade erst die Eintagsfliege in „Nur ein Tag“. Jetzt spielt sie in „Souvenir 1870“ zum Spektakel der Neuen Bühne Madeleine, ihre (vorerst) letzte Rolle für die Neue Bühne Senftenberg, denn sie verlässt das Theater:  Alrun Herbing (30).

Sie beenden Ihr Engagement in Senftenberg, sind aber noch beim Spektakel zur Eröffnung der neuen Spielzeit dabei. Warum?

Herbing Ja, ich habe die Möglichkeit, im Theaterprojekt „Das letzte Kleinod“ mitzuarbeiten. Wir – dazu gehört auch mein Senftenberger Kollege Robert Eder –  spielen im Spektakel der Neuen Bühne „Fontane am Zug“ in der Senftenberger Güterbahnhofstraße in „Souvenir 1870“.  So etwas muss man einfach mal mitgemacht haben. Es ist eine ganz neue  Erfahrung, ein wahrer Luxus, sich ein Theaterstück und die Rolle auf diese Weise zu erarbeiten.

Diese Weise heißt, die Theatergruppe war unter unterwegs zu den Orginalschauplätzen.

Herbing Genau. Wir sind Anfang Juli losgefahren auf die Île d‘Oléron und haben die Orte besucht, von denen Fontane als gefangener Kriegsberichterstatter in „Kriegsgefangen. Erlebnisse 1870“ geschrieben hat. Damals war die Insel noch nicht mit dem Festland verbunden. Wir waren unter anderem also an der früheren Fähre, waren, wie er, auf den steil abfallenden Ramparts der Zitadelle, dem Festungswall, spazieren und haben nachgespielt, wie er an einer Beerdigung eines Typhus-Kranken teilgenommen hat. Das ist eine unglaubliche Entdeckungsreise. Wir können als Schauspieler die Geschichte sozusagen erfühlen und in uns aufnehmen. Das ist natürlich ganz anders als die sonstige Art in einem festen Haus, sich ein Stück zu erarbeiten.  Es entstehen Bilder im Kopf, die wir mitnehmen.

Werden Sie diese jetzt den Theaterbesuchern übermitteln können?

Herbing Ich hoffe sehr, dass wir das transportieren können. Am liebsten hätte ich natürlich die Zuschauer auf diese Entdeckungsreise mitgenommen. Wir haben in Oléron eine Vorstellung in Französisch gespielt, obwohl nicht alle Kollegen vorher die Sprache konnten.  Das ist sehr positiv aufgenommen worden. Es ist auch die Arbeitsweise und das Ansinnen von Jens-Erwin Siemssen, der Regisseur und Autor ist, dass wir uns in die Situation auf dieser Insel hineinfühlen konnten. So haben wir auch alle Austern gegessen. Das war gar nicht so leicht, vor allem nicht für die Vegetarier (lacht).

Schon Fontane hat von der Austernfischerei auf Oléron geschrieben.

Herbing Fontane betrachtet in seiner kurzen Kriegsgefangenschaft das Leben auf der Insel von außen. Ich finde, er hat das etwas romantisiert. Das ist eine so verdammt harte Arbeit, da tun einem schon nach einer halben Stunde alle Knochen weh. Bevor die Ebbe kommt, fahren die Fischer mit den ganz flachen Booten raus zu den Austernbänken. Das sind riesige Felder, auf denen heutzutage die Austern in Säcken auf sogenannten Tables, eine Art Gestelle, reifen – bei Flut im Wasser, bei Ebbe darüber. Von dort werden sie in den Säcken geschüttelt,  müssen mühselig getrennt werden, wenn sie zusammengewachsen sind und kommen beim Ernten in die Körbe. Da steht man knietief im Watt. Erst wenn die Flut wiederkommt, kann man ans Land – also arbeitet man stundenlang bei brütender Hitze. Ich bin mit einem alten Austernfischer rausgefahren. Das war wirklich hart. Auch die Ernte für das begehrte Meersalz Fleur de Sel ist ein Knochenjob. Wir haben auch Materialien für die Aufführung gesammelt und mitgebracht, Austernkörbe, Tables. Und Pinienzapfen werden unter anderem unsere Austern sein.

Sie konnten mit den Einheimischen sprechen?

Herbing Ja, klar. Das war dem Autor und auch uns sehr wichtig. Es kann natürlich keine Zeugen mehr aus Fontanes Zeit geben, aber wir haben mit den Einheimischen über Überlieferungen oder ihr Leben gesprochen. Auch darüber, wie sie die deutsche Besetzung während des Zweiten Weltkrieges auf der Insel erlebt haben.

Welchen Part werden Sie spielen?

Herbing Ich bin Madeleine. Diese Frau ist heute eine alte Dame von 97 Jahren, mit der ich gesprochen habe. Sie und ihre Vor- und Nachfahren waren und sind alle Austernfischer. Das war für Frauen nochmal schwerer, denn sie durften damals nicht mit dem Boot raus- und reinfahren, sondern mussten durchs Watt laufen. Wer die Atlantikküste kennt, weiß, das können schon mal gut zwei Kilometer sein. Bei jedem Wetter. Sie hat beispielsweise auch erzählt, dass sie, solange es keine Straßen-Verbindung zum Festland gegeben hat, also bis 1966, sehr selten die Insel verlassen hatte. Unvorstellbar für uns heute. Ja, die Wochen in Frankreich waren schon etwas Besonderes, auch mit Grenzerfahrungen.

Das gesamte Team, vom Regisseur über die Schauspieler bis zum Techniker, lebt während dieser Zeit im ozeanblauen Zug, dem fahrenden Theater „Das letzte Kleinod“. Wie war das?

Herbing (lacht). Na ja, jeder hat ein ganz kleines Abteil für sich. 17 Menschen können im Zug wohnen – und über längere Zeit 24 Stunden zusammen sein – daran muss man sich gewöhnen. Aber wir verstehen uns sehr gut – und auch von daher war es eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Und im Zug gibt es alles, was ein Theater braucht: Theaterstudio, Werkstatt, Büro, Lagerräume, Wäscherei, eine Küche mit der hervorragenden Freya als Köchin und eine Kantine im Speisewagen.

Die letzte Vorstellung ist am 8. September in Geestenseth, wo der Zug seinen Heimatbahnhof hat. Was machen Sie danach?

Herbing Ich trete mein Engagement im Stadttheater in Hof an. Dort werde ich meine erste Rolle in „Die Perser“ von Aischylos spielen. Das gilt als ältestes überliefertes Drama der Welt.

Sie hatten nach der Schauspielschule ihr erstes Engagement in Senftenberg. Wie ist es, jetzt weiterzuziehen?

Herbing Je näher der Zeitpunkt rückt, umso mehr merke ich, wie schwer es mir fällt. Natürlich freue ich mich auch auf etwas Neues, und es ist einfach so, dass man sich als junge Schauspielerin auch an unterschiedlichen Häusern ausprobieren und entwickeln muss. Das ist jetzt für mich an der Zeit. Aber die Stadt ist mir in den fünf Jahren so sehr ans Herz gewachsen, der See, mein Garten und natürlich auch die Menschen, die einem das Gefühl geben, gewünscht zu sein. Klar, in so einem kleinen Ensemble gibt es unheimlich viel Arbeit, und ich habe sehr viele Rollen gespielt. Das war wichtig für mich, und ich habe dabei auch gelernt, auf mich aufzupassen. Nach der Hochschule muss man sich freispielen – und ich bin dankbar, dass ich das konnte, habe Selbstvertrauen gewonnen. Es hat mich sehr geprägt, an so einem Haus, in dem man gewollt und erwünscht ist, zu spielen – und ich konnte hier auch sehr gut leben. Ich habe herausgefunden, was für mich auch ein großen Teil meiner Lebensqualität ausmacht: Theater, Natur, See, Garten, intensiver Austausch mit den Kollegen. Ich hatte hier nie das Gefühl etwas zu verpassen, nur weil wir abseits der Metropolen leben.

  Schauspielerin Alrun Herbing bei der Probe mit Körben der Austernfischer für ihre vorerst letzte Arbeit für die Neue Bühne: Am Samstag wird sie mit Kollegen das Stück „Souvenir 1870“ innerhalb des Spektakels „Fontane am Zug“ zeigen.
Schauspielerin Alrun Herbing bei der Probe mit Körben der Austernfischer für ihre vorerst letzte Arbeit für die Neue Bühne: Am Samstag wird sie mit Kollegen das Stück „Souvenir 1870“ innerhalb des Spektakels „Fontane am Zug“ zeigen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche