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| 19:32 Uhr

Theater
Das Abschiedsdinner ist angerichtet

Mike Hahne (l.), hier im Gespräch mit Regisseur Manuel Soubeyrand, gestaltete die Bühne für „Das Abschiedsdinner“
Mike Hahne (l.), hier im Gespräch mit Regisseur Manuel Soubeyrand, gestaltete die Bühne für „Das Abschiedsdinner“ FOTO: Steffen Rasche
SENFTENBERG. Was vor der Premiere in Senftenberg hinter und mit den Kulissen geschieht. Die Herausforderung: Die Illusion muss immer perfekt sein. Von Heidrun Seidel

Die Tür zur Probebühne ist noch geschlossen. Dahinter Stimmengewirr und Gelächter. Hier probt Regisseur Manuel Soubeyrand mit den Schauspielern Anita Iselin, Robert Eder und Friedrich Rößiger für „Das Abschiedsdinner“. Am kommenden Sonnabend, 16. Dezember 2017, wird Premiere sein für die als „wundervolle Komödie mit vollem Sprachwitz und rasanten Dialogen“ angekündigte Inszenierung des Intendanten.

Bühnenmeister Alexander Ehrling und seine Technikerkollegen warten schon, dass sich die Tür öffnet und sie loslegen können. Nach der Probe werden die noch provisorischen Kulissen aus der Probebühne abgebaut und in der benachbarten Studiobühne zum ersten Mal komplettiert.

Auch Werkstattmanager und Requisiteur Peter Jeske ist dabei, ebenso Mitarbeiter von Ton und Beleuchtung. Tischler, Theatermalerinnen  und Schlosser haben ihr Werk vollbracht, Requisiteure die geforderten Utensilien vom Kinderbild bis zur alten Olympia-Schreibmaschine zur Ausstattung des recht noblen Pariser Wohnzimmers zusammengetragen. Nun gehört das Feld den Technikern.

Die fügen zum ersten Mal das Bühnenbild für die jüngste und zugleich letzte 2017-er Inszenierung der Neuen Bühne Senftenberg zusammen. Aus handwerklich solide hergerichteten Wänden mit weißer Guido-Maria-Kretschmer-Tapete wächst ein Raum, der dem Inhalt des Stückes des französischen Autorenduos Matthieu Delaporte und Alexandre de la Pattellière den richtigen Rahmen und das passende Flair geben soll. In ihm wollen Pierre und Clotilde, ein erfolgreiches und wohl situiertes Pariser Ehepaar, versuchen, ihren alten Freund Antoine und seine Béa abzuservieren. Denn zu viele Freunde kosten zu viel der kostbaren Freizeit und einige scheinen auch nicht mehr wichtig zu sein im Leben des Paares. Optimierung ist das Zauberwort. Mit einem heuchlerisch freundlichen Abschiedsdinner soll die Trennung vollzogen werden. Ob und wie das funktioniert, wird das Stück erzählen.

Bis das am Premierenabend so weit sein wird, haben aber die Bühnentechniker noch viel zu tun. Auf einem als hochwertig anmutendem Holzfußboden – Illusion ist das Geschäft der Theatermacher –  werden weiße Wände gestellt und verschraubt, echte Türen mit stilvollen Klinken eingehängt, Möbel gestellt. Ab und an schweigen die surrenden Akkuschrauber, und die Theaterhandwerker rätseln, wie was zusammenpasst. Ein Blick auf eine Zeichnung hilft ihnen dabei.

Die verrät, wie Mike Hahne – zum wiederholten Male im Senftenberger Theater als Bühnen- und Kostümbildner zu Gast – sich die Bühne vorstellt und was an welchen Platz gehört. Einem Puzzle gleich entsteht allmählich ein Bild. Noch etwas zögerlich, doch bald wird sich auch hier die übliche Routine eingestellt haben.

Bühnenbilder wechseln oft täglich.  Meist muss ihr Auf- und Abbau in Windeseile geschehen. Diesmal kommt noch eine weitere Herausforderung dazu: Weil die Premiere des „Abschiedsdinners“ von November auf den 16. Dezember verschoben werden musste, haben sich auch die Auftrittsorte im Theater geändert. Premiere ist nicht wie ursprünglich geplant in der Studiobühne, sondern auf der Hauptbühne. Die folgenden Vorstellungen aber finden in der kleineren Studiobühne statt. Für beide muss das Bühnenbild passen.

Und außerdem: Die wachsende Rolle der Neuen Bühne Senftenberg als Landestheater Süd wird die Schauspieler mit diesem Stück garantiert auch in andere Spielstätten der Region führen, wo sie jedes Mal andere Bühnengrößen vorfinden werden. Das muss der Bühnenbildner im Blick haben, wenn er seiner künstlerischen Idee eine Form gibt. Denn: Die Illusion soll immer perfekt sein.

Für Mike Hahne ist das selbstverständlich. Er liebt es, mit seinen Bühnenbildern die Zuschauer zu verzaubern. Denn das bedeutet für den 46-Jährigen Theater. In Senftenberg hat er das schon mehrmals beweisen können. So hat 2015 seine Ausstattung der Jagd durch „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ in der Zusammenarbeit mit Manuel Soubeyrand den richtigen Pfiff ermöglicht, die „MS Madagaskar“ im gleichen Jahr auf den Brettern des Amphitheaters am See Fahrt aufgenommen und „Lola Blau“ die Gemüter bewegt.

Zwischendurch hat der freischaffende Künstler, der bis 1996 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee studiert hatte, in Hof, Berlin, Görlitz und Cottbus gearbeitet und dabei die noch immer unterschiedliche Theaterkultur im vereinten Deutschland kennengelernt.

Nach Senftenberg komme er jedenfalls immer wieder gern und schätze die Offenheit der Menschen, wenn er auch privat mit ihnen ins Gespräch kommt. So habe er auch schon so manchen neuen Bekannten zum Theaterbesuch überreden können. „Das ist doch unsere inoffizielle zweite Aufgabe: Leute bewegen, ins Theater zu gehen“, sagt er überzeugt. Theater lebe schließlich von den Zuschauern.

In das „Abschiedsdinner“ habe er sich sofort verliebt, gesteht der aus Bad Freienwalde stammende und in Berlin lebende Bühnen- und Kostümbildner. Während er sonst beim Lesen der Stücke schon darüber nachdenke, wie was auf der Bühne anzuordnen sei, habe er sich diesmal dabei erwischt, dass er einfach nur  beim Lesen die spritzigen und witzigen Dialoge genossen hat. „Ich habe einfach nur viel gelacht und vergessen zu analysieren“, erzählt er. „Dafür musste ich es dann noch ein zweites Mal lesen.“

Dieses Vergnügen, so ist er sicher, werden auch die Zuschauer haben. Denn in den drei Personen werde  jeder etwas von sich wiederfinden. Das Stück sei so nah am Leben, so ehrlich, dass man als Zuschauer sagt: So ist es! Das alles aber weder denunzierend noch belehrend, sondern mit einem charmant liebenswürdigen Blick auch auf die kleinen Macken der Menschen.

Bühne und Kostüme sollen diese Aussage unterstützen. Dafür hat Mike Hahne eine durchgestylte, saubere Wohnung ganz in Weiß entstehen lassen. Die Menschen darin würden ihre Welt kreieren. Doch es sei zu spüren: Die ganze Kohle nützt nichts, wenn du den Geschmack fürs Leben verloren hast.