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| 23:22 Uhr

Lausitzer Sportlegenden
Krückstock und Rollator sind Fremdworte

Susanne Wolff (M.) war viele Jahre Vorturnerin der Ruhlander Gymnastikfrauen. Jetzt verlässt sie Stadt und Verein in Richtung Sachsen.
Susanne Wolff (M.) war viele Jahre Vorturnerin der Ruhlander Gymnastikfrauen. Jetzt verlässt sie Stadt und Verein in Richtung Sachsen. FOTO: Richter-Zippack
Ruhland. Fast ein halbes Jahrhundert trainiert Susanne Wolff in der Ruhlander Gymnastikgruppe. Die 80-Jährige benötigt weder Rollator noch Krückstock. Von Torsten Richter-Zippack

Wenn es tatsächlich Powerfrauen gibt, ist Susanne Wolff eine von ihnen. Die 80-jährige Ruhlanderin versprüht eine Energie, als habe sie gerade ihren 20. Geburtstag gefeiert. Rollator oder Krückstock? Für Susanne Wolf Fremdwörter. Jeden Mittwochnachmittag trifft sie sich mit ihren 25 „Mädels“, wie Wolff ihre Mitstreiterinnen im Alter von 61 bis 83 Jahren bezeichnet, um gemeinsam Gymnastik zu betreiben. Es versteht sich fast von selbst, dass die gebürtige Breslauerin, die seit dem Jahr 1960 im Elsterstädtchen lebt, als Vorturnerin fungiert. „Hoch die Arme“, ruft Susanne Wolff, „und runter den Oberkörper. Nach links, jetzt nach rechts.“ Seit genau 20 Jahren gibt es die Bauch-Beine-Po-Gruppe als eine von fünf Abteilungen des Turnvereins Ruhland, der insgesamt 150 Mitglieder zählt. „Männer brauchen wir hier nicht“, sagt Wolff selbstbewusst. „Die wollen sowieso keine Gymnastik machen“, weiß sie aus Erfahrung. „Ihr mit Eurem Gehüpfe“, habe sie nicht selten von ihrem eigenen Mann zu hören bekommen.

Jetzt ist für Susanne Wolff zumindest in der Ruhlander Turnhalle Schluss mit dem „Gehüpfe“. Allerdings nicht, weil die Gelenke schmerzen, sondern aus familiären Gründen. „Ich ziehe zu meinem Sohn nach Meißen“, kündigt die Freizeitsportlerin an. In der Elbestadt habe sich der sportliche Ehrgeiz der Oberlausitzerin bereits herumgesprochen. Es gebe von Meißner Vereinen schon mehrere Anfragen.

Die Ruhlander Gymnastik-Frauen bedauern den baldigen Wegzug von Susanne Wolff. „Susi wird uns sehr fehlen. Sie hat unsere Truppe super zusammengehalten“, resümiert Mitglied Sylvia Erbert. Eine würdige Nachfolgerin sei aber gefunden. Doris Behr fungiere künftig als Vorturnerin der Bauch-Beine-Po-Gruppe.

„Ich verlasse Ruhland schweren Herzens“, bekennt Susanne Wolff ungewohnt sentimental. Schließlich hatte sie bereits im Jahr 1969 in der damaligen Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Ruhland, dem heutigen Turnverein, mit dem organisierten Freizeitsport begonnen. „Damals habe ich die Kinder ins Bett geschafft, meinem Mann eine Schnitte geschmiert, und dann ging es in die Turnhalle“, erinnert sich die heute 80-Jährige. Dabei liege ihr, so erzählt Susanne Wolf, die Bewegung bereits in den Genen. „Mein Vater war Fußballer. Und als Kind habe ich an Mutters Teppichstange herumgeturnt. Rollen, Kehren, Hangeln: Dort habe ich mir alles beigebracht.“

Gern blickt Susanne Wolff auf die Anfangsjahre in der Ruhlander BSG zurück. „Ende der 1960er-Jahre waren wir 20 Frauen, zur Wende bereits 80 bis 90.“ Besonders reizvoll seien die Auftritte der Turnerinnen während der Heimatfeste gewesen. „Wir sind mit unseren Tüchern mitgelaufen. Das hat uns richtig stolz gemacht.“ An Wettkämpfen habe Wolff indes nie teilgenommen. „Dieses Bedürfnis war nicht vorhanden“, begründet die Freizeitsportlerin. Stattdessen lege sie größten Wert auf regelmäßige Bewegung. „Man muss sich schon am Riemen reißen, um den inneren Schweinehund zu überwinden.“ Das Alter spiele dabei kaum eine Rolle: „Es ist nie zu spät, um mit dem Sport zu beginnen.“

Die gelernte Apothekenfachkraft, die später im Ruhlander Zollhaus in der Gastronomie tätig war, ist stolz, dass auch ihre drei Kinder begeisterte Sportler sind. Während die Söhne Fußball spielen und Fitnesssport betreiben, hat sich die Tochter als Gymnastikerin in Mutters Fußstapfen begeben. Selbst die Enkelkinder seien sehr bewegungsaktiv. Susanne Wolff wolle indes so lange wie möglich sportlich aktiv bleiben. Sie ernähre sich gesund. Allerdings dürfe auch hin und wieder ein Stück Schokolade nicht fehlen. „Denn die Seele wollen wir ja nicht vergessen“, lautet die Begründung.