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Kroppener Kirchen-Stelen vermitteln Werte

Oskar (l.) und Nils Lindemann haben für ihre Stele das Thema "Sanftmut" gewählt. Die Hand schenkt dem Schmetterling die Freiheit.
Oskar (l.) und Nils Lindemann haben für ihre Stele das Thema "Sanftmut" gewählt. Die Hand schenkt dem Schmetterling die Freiheit. FOTO: T. Richter-Zippack/trt1
Kroppen. Was haben die Seligpreisungen aus der Bergpredigt und der Kroppener Kirchhof gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten eine ganze Menge. Denn im Schatten der Barockkirche wächst mithilfe der Bibelworte ein Stelen-Park heran. Torsten Richter-Zippack

. "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen." So steht es in der fünften Seligpreisung. Niedergeschrieben in der Bergpredigt des Jesus von Nazareth, dem Begründer der christlichen Kirche. Wie lassen sich diese bedeutungsschweren Bibelworte bildlich fassen? Mehr noch: Anhand einer Holzstele für jedermann verständlich darstellen?

Diese Fragen haben jetzt 20 junge Leute aus dem Pfarrsprengel Kroppen/Lindenau beantwortet. Und zwar mittels eines bislang wohl einzigartigen Kunstprojektes auf dem Kroppener Kirchhof. Dort sind seit Kurzem insgesamt neun Stelen fest im Erdboden verankert. Eine von ihnen haben Nils Lindemann und Oskar Lindemann gestaltet. Nämlich mit der fünften Seligpreisung.

Die Jungs präsentieren einen Schmetterling, der von einer Hand gehalten wird. "Das Insekt symbolisiert die Zerbrechlichkeit", erklärt Nils Lindemann. "Und die Menschenhand lässt das Tier frei. Sanftmut also", sagt der 15-jährige Tettauer. Im Gegenzug hätte die Hand den Schmetterling auch zerdrücken können. Doch das wäre unchristlich. Schließlich sei nicht nur das Leben der Menschen, sondern auch das der Tiere und Pflanzen, heilig und schützenswert.

Werte als roter Faden

Ohnehin das Wort "Werte": Dieser Begriff zieht sich wie ein roter Faden durch das Kroppener Holzstelen-Projekt. "Wir wollen dem heutigen Werteverfall in der Gesellschaft etwas entgegensetzen", begründet Pfarrerin Angelika Scholte-Reh, die gemeinsam mit ihrem Mann Peter dieses Vorhaben bereits im vergangenen Jahr initiiert hat. Seit Herbst 2014 könnten die Jugendlichen im Alter von elf bis 17 Jahren ganz praktisch erfahren, was es eigentlich mit den Werten auf sich habe. Oder anders gesagt mit Begriffen wie beispielsweise Frieden, Respekt, Gerechtigkeit, Toleranz. Während der Bergpredigt habe Jesus seinen Jüngern genau dieses christlich-humanistische Weltbild vermitteln wollen. Es gehe unter anderem um Leid und Trost, um Hunger und Durst und um Barmherzigkeit. Aber auch um die Verfolgung von Christen.

Diesem sicher nicht einfachen Thema hat sich die Kroppenerin Jasmin Kleinichen verschrieben. Auf ihrer Stele ist ganz oben ein Fisch zu sehen, ein Symbol aus der römischen Kaiserzeit, das die Gläubigen miteinander verband. Weiter unten fällt sofort die Aktualität der Problematik ins Auge. Tatsächlich prangt ein arabisches "N" an der Stele. Dieses zeichnen Anhänger des Islamischen Staates an die Häuser von Christen in Syrien und im Irak, die dort als weitestgehend vogelfrei gelten. "Es ist ganz traurig, dass es so etwas noch heute gibt", sagt Jasmin leise. Sie habe von diesen ungeheuerlichen Vorgängen erst während des Projektes erfahren.

Holz aus Guteborner Park

Bei der Umsetzung der Ideen hilft Peter Scholte-Reh praktisch mit. Er hat gemeinsam mit den Jugendlichen den Eichenstämmen, die aus dem Guteborner Park stammen, die Seligpreisungen entlockt und mittels Skulptur und Farbe sichtbar gemacht. Jetzt stehen sie in einem Halbkreis direkt im Schatten der prächtigen Barockkirche, deren Einweihung sich im Jahr 2021 zum 300. Mal jähren wird. Laut Scholte-Reh gibt es weit und breit kein vergleichbares Projekt.

Eingeweiht werden soll der Stelenpark innerhalb des sonntäglichen Gottesdienstes am morgigen 12. April ab 10 Uhr. Schon jetzt, so sagen die Jugendlichen, sei das Interesse der Kroppener enorm. Fast täglich hätten Einwohner vorbeigeschaut und sich erkundigt, wie die Arbeiten vorangingen. Und sie hätten den Protagonisten für ihre Tätigkeit eine Menge Respekt gezollt.