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| 16:36 Uhr

Senftenberger Laubenpieper vor unsicherer Saison
Krieg am Gartenzaun in Niemtsch

Andreas Kaulfuß, Karl-Heinz Just, Klaus Jatzwauk und Rüdiger Kollasser (v.l.) treibt die Sorge um, dass ihr Verein „Am Grenzgraben“ aus dem Kleingartenpark Niemtsch mit dem Eigentümerwechsel zu zerbrechen droht. Von 147 Gärten sind „Am Grenzgraben“ 57 betroffen. Während der eine Laubenpieper wie eh und je 4 Cent pro Quadratmeter Pacht zahlt, haben Nachbarn künftig 70 Cent zu zahlen. Mit der Ruhe im Grünen ist es damit vorbei. Es geht ein Riss durch den Grenzgraben. „Es muss ganz schnell vor der Abrechnung im März eine Gartenversammlung einberufen werden“, fordern die Männer.
Andreas Kaulfuß, Karl-Heinz Just, Klaus Jatzwauk und Rüdiger Kollasser (v.l.) treibt die Sorge um, dass ihr Verein „Am Grenzgraben“ aus dem Kleingartenpark Niemtsch mit dem Eigentümerwechsel zu zerbrechen droht. Von 147 Gärten sind „Am Grenzgraben“ 57 betroffen. Während der eine Laubenpieper wie eh und je 4 Cent pro Quadratmeter Pacht zahlt, haben Nachbarn künftig 70 Cent zu zahlen. Mit der Ruhe im Grünen ist es damit vorbei. Es geht ein Riss durch den Grenzgraben. „Es muss ganz schnell vor der Abrechnung im März eine Gartenversammlung einberufen werden“, fordern die Männer. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Angst und Unruhe vermasseln Laubenpiepern aus dem Kleingartenpark den Start in die Gartensaison. Der neue Eigentümer will weder Hotel noch Golfplatz bauen und auch niemanden vom Acker jagen - erhöht aber den Pachtzins. Von Andrea Budich

Osterglocken, Hyazinthen, Krokusse, Weidenkätzchen und erste Obstbaumblüte - dafür haben die Laubenpieper aus dem Kleingartenpark in Niemtsch derzeit überhaupt keinen Nerv. Bei ihnen ist es vorbei mit der idyllischen Ruhe im Grünen.

Denn der neue Eigentümer einer Teilfläche der 550 Gärten erhöht den Pachtzins von bisher 4 Cent pro Quadratmeter auf 70 Cent - also auf mehr als das Siebzehnfache. Das macht die passionierten Laubenpieper, die das Land vor 40 Jahren mit ihrer Hände Arbeit erst von Goldrute und Luzerne befreit und von einem verwucherten Lehmacker in eine blühende Oase verwandelt haben, wütend und sprachlos.

Sie werfen dem Bezirksverband der Gartenfreunde Senftenberg Versäumnisse vor, die sie jetzt auszubaden hätten. Dabei geht es nicht mehr und nicht weniger darum, dass es zwischen der bisherigen Eigentümerin, der Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) und dem Bezirksverband der Gartenfreunde Senftenberg und Umgebung nach Aktenlage nie einen unterschriebenen Pachtvertrag gegeben hat. „Aber wir haben doch treu und brav über all die Jahre unsere Pacht bis auf den letzten Cent gezahlt“, verstehen Gartenfreunde wie Rüdiger Kollasser die Welt nicht mehr. Der leidenschaftliche Schrebergärtner bewirtschaftet im Verein „Am Grenzgraben“ seit mehr als 30 Jahren seine Scholle. Jetzt muss er mit ansehen, wie seine Sparte zwischen den Fronten droht zu zerreißen. Wenn Gartennachbarn wie Andreas Kaulfuß eine Pacht von 70 Cent pro Quadratmeter aufgedrückt bekommen, dann werden sie keine Kartoffeln mehr anbauen und über kurz oder lang ihre Gärten aufgeben. „Als EU-Rentner mit kleinem Geldbeutel hat sich für mich das dann erledigt“, blickt Andreas Kaulfuß in eine unsichere Gartenzukunft.

Mit großer Sorge beobachten die Kleingärtner die sich abzeichnende Entwicklung, dass in ihrem Verein künftig mit zweierlei Pacht-Maß gemessen wird. „Das zieht dem Verein den Boden unter den Füßen weg“, befürchtet auch Bergbau-Rentner Karl-Heinz Just. Hinzu kommt, dass die neuen Pachtverträge nur für fünf Jahre geschlossen werden. Unter den Schrebergärtnern des Kleingartenparks in Seelage macht daher schon die Frage die Runde, ob danach ihre Gärten für einen Golfplatz platt gemacht werden.

Das werden sie nicht - das beteuert jedenfalls der neue Eigentümer Enrico Göller aus Leipe (Sachsen). Er hat besagte 7,7 Hektar Kleingartenland bei einer Versteigerung im Dezember 2016 für 103 000 Euro rechtmäßig erworben. Das bundeseigene Unternehmen BVVG hatte zuvor dem Bezirksverband der Gartenfreunde die Flächen angeboten, der allerdings kein Kaufinteresse bekundet hatte.

Der Neue will weder ein Hotel noch einen Golfplatz bauen, wie er selbst sagt. „Ich jage niemanden vom Acker, will keinen Kleingarten-Krieg, baue weder Zäune noch Mauern“, verspricht er. Dass die Kleingärtner stinkig sind, kann er nachvollziehen. Allerdings sei er der falsche Adressat, denn wenn er jetzt nicht auf der Rasenkante stehen würde, dann wäre es einer der anderen vier Bieter, die bei der Auktion in Berlin das Auktionslimit von 25 000 Euro auf 103 000 Euro hochgetrieben hatten. Enrico Göller ist nach eigenem Bekunden auch nirgendwo reingetappt. Die Fläche, die zum Verkauf stand, war nachweislich durch die Veräußerin nicht verpachtet.

Enrico Göller will die Parzellen künftig selber verwalten und verpachten. An einem Leerstand ist er daher nicht interessiert. Bei der Pacht von 70 Cent hat er sich neben Lübbenau auch an der Stadt Senftenberg orientiert. Die will für die private Nutzung von Gärten und Erholungsgrundstücken bei Neuabschlüssen künftig einen einheitlichen Pachtzins von 70 Cent pro Quadratmeter und Jahr berechnen. Im Gegenzug will der neue Eigentümer den Schrebergärtnern auf ihren Schollen freie Hand lassen und keine Quote für den Gemüseanbau vorgeben.

Besagte 70 Cent Pachtpreis hält indes der Vorsitzende des Bezirksverbandes der Gartenfreunde, Reiner Moschinski, für problematisch. Er verweist darauf, dass im Paragrafen 5, Absatz 1, des Bundeskleingartengesetzes genau geregelt ist, wie sich der Pachtzins in einem Kleingarten berechnet.

Oberste Priorität für Moschinski hat der Erhalt des Kleingartenparks Niemtsch mit seinen 550 Parzellen und 900 Nutzern. Obwohl derzeit zwischen dem neuen Eigentümer und dem Bezirksverband Funkstille herrscht und nur über Anwälte kommuniziert wird, bleibt Moschinski optimistisch, dass dies auch gelingt. Derzeit wird nach einem Vor-Ort-Termin im Februar von Anwälten geprüft, was möglich ist und ob die bestehenden Pachtverträge doch noch gültig sind. Von der Unterzeichnung neuer Verträge rät der Vorsitzende des Bezirksverbandes daher in dieser Situation ab.

Was ihn aber wirklich ärgerlich macht, sind die Vorwürfe, die von Gartenzaun zu Gartenzaun weitergereicht werden. Versäumnisse des Bezirksverbandes hat es aus seiner Sicht nicht gegeben. Das gilt zum einen für den damaligen Verkauf der Flächen durch die BVVG. Die 25 000 Euro Auktionslimit hatte der Verband nicht in der Portokasse. „Die hätten wir in allen 66 Vereinen des Altkreises Senftenberg mit über 4000 Pächtern einsammeln müssen. Für die Kleingärtner in Ortrand oder Großräschen wäre das nicht nachvollziehbar gewesen“, erklärt der Vorsitzende, warum der Bezirksverband die Flächen nicht selbst gekauft hat.

Zum fehlenden Pachtvertrag zwischen der BVVG und dem Bezirksverband räumt er ein, dass er selbst mit am Tisch gesessen hat, als 2009 und 2010 in Cottbus ein Zwischenpachtvertrag gemeinsam erarbeitet wurde. Allerdings wurde dieser von der BVVG mit wechselnden Begründungen tatsächlich nie unterschrieben. Stattdessen hat die BVVG kurz vor der Auktion dem Bezirksverband ein Nutzungsentgelt in Höhe von mehreren Tausend Euro berechnet. „Die Summe haben wir bezahlt. Das ist das Geld, das die Pächter eingezahlt haben“, pocht er auf eine saubere Kassenlage.