Von Kathleen Weser

Der neue Zehn-Jahres-Eier-Rekord, den das sächsische Landesamt für Statistik für die Legehennen in den Betrieben mit mehr als 3000 Haltungsplätzen pünktlich zu Ostern vermeldet hat, ist keine wirklich bewundernswert gute Leistung. Auch die Eier-Menge in Brandenburg zeugt von extremem Arbeitsstress im gefiederten Produktionssystem. Das sagen Nutztierhalter und Bio-Bauern der Lausitz.

Denn die etwa 300 Eier pro Jahr und Huhn belegen, dass das Tierwohl im industriellen Legebetrieb nicht wirklich ein Thema ist, obwohl die Käfighaltung inzwischen abgeschafft wurde. Jetzt dominiert in der industriellen Eierproduktion die freizügigere Bodenhaltung, bei der die Legehennen in Ställen und auf Ebenen mit mehreren Etagen gehalten werden.

Hühnerzüchter Erik Espenhahn (13) aus Hohenbocka (Oberspreewald-Lausitz) klärt auf: „Ein wirklich artgerecht gehaltenes gutes Haushuhn legt nur um die 220 Eier im Jahr, meine Zwergenhühner schaffen etwa 80. Aber sie sind glücklich.“

Das ist auf dem Hof von Onkel Gerold Schröder zu erleben, auf dem der Schüler seine auch bildschönen Zwerghühner des Farbschlages schwarz hält. Drei Stämme, also je ein Hahn mit zwei Hühnern, leben hier. „Die Tiere brauchen zwar großen Auslauf, aber wenig Platz und sind sehr genügsam“, sagt Erik Espenhahn. Das Federkleid der Hühner glänzt in der Sonne. Grün und violett schimmert es je nach Lichteinfall. Dass auch seine Hühner vor Ostern in der Eierproduktion zulegen, liege nicht am erhöhten Bedarf, versichert er lachend. Naturgemäß steige die Leistung im Frühjahr.

„Und das ist gut so. Denn die Kinder im Dorf lieben die Zwerghühner-Eier besonders im Osternest“, bestätigt Züchter Gerold Schröder. Die Größe sei dabei natürlich entscheidend. In zwei Minuten sei das kleine Ei frühstücksfertig. Neffe Erik hat Gründonnerstag auch schon einige Expemplare gefärbt. Die Großproduktion am Farbtopf für die Osternester startet die ganze Familie aber traditionell am Karfreitag.

Der Habicht kreist über der Wiese, auf der die ganze große Hühnerschar auf dem Grundstück gackernd unterwegs ist. Der Schutz des Ferderviehs vor Fuchs und Marder ist wichtig. Denn die Räuber haben es auf die Hühner abgesehen, die Erik Espenhahn mit Hingabe züchtet – aber nach einem erfüllten Hühnerleben auch gern im Kochtopf sieht. „Bei einigen Tieren, die man lieb gewonnen hat, ist mir das auch nicht egal“, räumt er ein. „Aber das gehört dazu“, ergänzt der Junge vom Land. Der Schüler beoachtet die Tiere gern. Das kurze, breite Zwerghuhn mit dem besonderen Rosenkamm und den großen, strahlend weißen Ohrlappen gefällt ihm besonders gut. „Und die Eier sind lecker und vor allem artgerecht erzeugt.“

Mit mehr als 900 Millionen Eiern im Jahr sind auch die Brandenburger Legehennen in den statistisch erfassten Legebetrieben so fleißig wie nie zuvor. Seit dem Rekordjahr 2013. Das hat das Statistische Landesamt vor Ostern mitgeteilt. Denn zum Fest der Auferstehung Jesu werden hierzulande traditionell die meisten Eier verziert und verzehrt. In Sachsen sind der Behörde mit den Experten über die Zahlen und Fakten im Land zufolge im vergangenen Jahr fast eine Milliarde Eier produziert worden. Von 3,7 Millionen Hühnern.

Die durchschnittliche Legeleistung pro gefiederter Arbeiterin sichert in Brandenburg rechnerisch komplett die landesweite Selbstversorgung: Denn jedem der etwa 2,5 Millionen Einwohner stehen im Mittel knapp sieben Eier pro Woche zur Verfügung. Ein Bundesbürger verbraucht 235 Eier im Jahr.

Hühner in Freilandhaltung führen ein lebenswertes Dasein. Und die Produkte schmecken auch deutlich besser. Das sagt Ronny Hehne, der den Biohof Auguste des Cottbuser Vereins Lebenshilfe in Kolkwitz aufgebaut hat und führt. Statistisch ist der bessere Geschmack freilich nicht nachgewiesen. Aber die eigenen Erfahrungen und der Zustrom von immer mehr Kunden, die die regionalen Erzeugnisse vom Direktvermarkter kaufen, belegen dies eindeutig.

Mehr als 1000 Hühner werden in Kolkwitz im Auftrag eines Berliner Bio-Großhandels gehalten. Weitere Tiere legen für die Direktvermarktung über den eigenen Hofladen. Die Hühner werden, wie auch das Wassergeflügel, von seelisch behinderten Mitmenschen betreut. Angeleitet von Fachpersonal.

Die artgerechte Haltung hat oberste Priorität. Morgens erhalten die Hühner, die in Stämmen mit einem Hahn und bis zu acht Hühnern zusammenleben, ein Frühstück aus etwa zwei Tage lang vorgekeimten Weizenkörnern. „Dann hat das Getreide die besten Nährstoffe und Vitamine entfaltet“, erklärt Hofleiter Ronny Hehne. Anschließend werden die Tiere auf die satte Wiese getrieben. „Hier sucht der Hahn die besten Futterplätze aus und umsorgt die Hennen“, erzählt der Landwirt und Sozialarbeiter, der eigentlich gelernter Koch ist und auf dem Hof in der Arbeit mit den behinderten Menschen und den Tieren seine Berufung gefunden hat.

„Das Bewusstsein für gute und fair produzierte Lebensmittel nimmt zu“, stellt Ronny Hehne sichtlich zufrieden fest. Der Respekt vor dem Tier gehört dazu. Auf dem Biohof Auguste werden auch die männlichen Hühner großgezogen. Dass Hühner neben Eiern auch Fleisch liefern, ist heute vor allem in Großproduktionsanlagen nicht mehr üblich. „Naturgemäß aber schlüpfen ebensoviele Hähnchen- wie Hennen-Küken“, sagt der Bio-Landwirt. Die riesigen Legebetriebe aber sind ausschließlich an den Legehennen interessiert. Deshalb werden nach wie vor die meisten frisch geschlüpften Männchen getötet und geschreddert. Dieser höchst unappetitliche Fakt sei dem Eier-Verbraucher auch vor Augen zu führen.

Immer mehr Städter folgen dem Trend zum Huhn und nutzen den Garten als Hühnerstall. Naturverbunden zu leben und sich gesund selbst zu versorgen – das ist total angesagt. Mit den romantischen Landgefühlen ist allerdings auch schnell Schluss, sobald ein lärmempfindlicher Nachbar nach der amtlichen Krähpause kräht und ein schalldichtes Gehege einfordert.

Die andere Wahrheit über das Osterei Legehennen im Produktionsstress

Cottbus