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Köpfe der Drückerkolonne vor dem Kadi

Lauchhammer/Cottbus. Die Köpfe einer Drückerkolonne, die bis zum Jahr 2009 von einem Barackenlager in Lauchhammer-Süd ausschwärmte, stehen ab heute vor dem Kadi. Der Vorwurf: das Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelten in Millionenhöhe. kw/jag

Frank Merker, der Sprecher des Landgerichts Cottbus, bestätigt: Die beiden Angeklagten sollen als Arbeitgeber für bis zu 92 Beschäftigte, Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge zur Arbeitslosen-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung nicht gezahlt haben. Dadurch sei über den Zeitraum von etwa fünf Jahren ein Schaden von 1,7 Millionen Euro entstanden.

Die Drücker hatten unter anderem Mitgliedschaften für einen Videoring gegen Provision vertrieben. "Formal sollen sie dabei als selbstständige Handelsvertreter bezeichnet worden sein, tatsächlich aber in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis zu den Angeklagten gestanden haben", so Merker.

Aufgeflogen war die Drückerkolonne nach einer Razzia im Mai 2009. Zollfahnder hatten die Räume des Unternehmens an mehreren Standorten in Deutschland durchsucht und Geschäftsunterlagen sichergestellt. Die Aktion war im vergangenen Jahr bereits Gegenstand eines Verfahrens vor dem Landgericht Cottbus: Ein Polizist war angeklagt, diese Razzia bei der Drückerkolonne in Lauchhammer im Vorfeld verraten zu haben. Der Tatvorwurf der Verletzung des Dienstgeheimnisses und versuchten Strafvereitelung im Amt ist dem Mann nicht nachgewiesen worden. Der Prozess endete mit Freispruch.

Die Sekretärin der Drückerkolonne aber hatte als Zeugin ausgesagt und - trotz größten Bemühens, das eigene Nest nicht zu beschmutzen - tiefere Einblicke in das Arbeitsregime der Drücker gewährt. Auch ein Kolonnenführer, der sich als Werbebeauftragter bezeichnete, war geladen worden. Der Mann hatte ausgesagt, er sei bei der dubiosen Werbefirma nicht angestellt gewesen. Als Selbstständiger habe er den Außendienst geführt: die Drücker morgens ins Auto geladen, vor den Einkaufszentren zur Arbeit abgeladen, sie abends mit den geschlossenen Verträgen wieder eingesammelt - und dafür kassiert.

Ein weiterer Mitarbeiter, der im Prozess um den Razzia-Verrat als Zeuge gehört worden war, hatte in der Firma acht Jahre lang gearbeitet und die geschlossenen Verträge im Drückerlager-Büro kontrolliert. Das Unternehmen war offensichtlich gut organisiert. Und die auf den Straßen tätigen Drücker lebten ebenso wie die Mitarbeiter der Sachbearbeitung und des Telefonservice in dem Barackenlager auf einem ehemaligen Gelände der früheren Gesellschaft für Sport und Technik (GST). Die per Haftbefehl gesuchten Werber, so Zeugen, waren vor dem Einsatz der Steuerfahnder und der Polizei noch "verschifft", also weggebracht, worden.