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LR vor Ort
Klettwitz sticht Spanien aus

Volles Haus bei der Dekra: Der Leiter des Technology Centers Volker Noeske (l.) und Schipkaus Bürgermeister Klaus Prietzel stehen Rede und Antwort bei LR vor Ort am Mittwochabend. RUNDSCHAU-Reporterin Andrea Budich moderiert die lockere Runde vor etwa 120 Gästen im großen Konferenzsaal.
Volles Haus bei der Dekra: Der Leiter des Technology Centers Volker Noeske (l.) und Schipkaus Bürgermeister Klaus Prietzel stehen Rede und Antwort bei LR vor Ort am Mittwochabend. RUNDSCHAU-Reporterin Andrea Budich moderiert die lockere Runde vor etwa 120 Gästen im großen Konferenzsaal. FOTO: Jan Augustin
Klettwitz. Boxenstopp von LR vor Ort bei der Dekra in Klettwitz: Ein bisschen lange, 90 Minuten, dauert das Frage-Antwort-Spiel. Dafür sausen im Konferenzsaal hoffnungsvolle und bisher noch nicht bekannte Details durch die Luft. Jan Augustin

Im November, das wissen die 120 Gäste aber, übernimmt die Prüfgesellschaft Dekra als neuer Eigentümer das Lenkrad am Lausitzring. Seit dem Bekanntwerden vor zwei Monaten überschlagen sich deshalb die Schlagzeilen, auch in überregionalen Medien. Und die Lausitz ist sich nicht einig, ob sie sich freuen oder heulen soll. Ist eine Ansiedlung eines weltweit einmaligen Testcenters für automatisiertes und vernetztes Fahren besser als das, was die Rennstrecke jetzt ist? Schipkaus Bürgermeister Klaus Prietzel (CDU) hat eine klare Meinung: "Ich sehe dem Ganzen sehr optimistisch entgegen. Es ist sogar das Beste, was passieren kann."

Zuversichtlich schaut auch Volker Noeske, der Leiter des Technology Centers der Dekra, drein. "Natürlich wird sich was ändern", räumt er ein. "Aber Änderung kann auch positiv sein." Wie der Lausitzring denn 2020 aussieht, fragt RUNDSCHAU-Reporterin Andrea Budich. "Auf alle Fälle größer als jetzt", antwortet der Manager. Die Dekra hat neben dem eigentlichen Areal auch direkt angrenzende Grundstücke erworben und verhandelt dafür mit Unternehmen, die sich hier ansiedeln sollen. Rund 540 Hektar stehen der Prüfgesellschaft zur Verfügung. Vielversprechend sei kürzlich eine Verhandlung mit einem Ingenieur-Dienstleister aus Dresden gewesen. 300 Mitarbeiter hätte die Firma mit nach Klettwitz gebracht, erzählt Volker Noeske im Plauderton. Doch der Deal ist geplatzt: "Da waren wir leider zu spät. Die bauen jetzt in Sachsen." Für einige Unternehmen sei die Fläche gar zu klein. Dennoch, das Interesse sei groß, und ja, es gebe konkrete Gespräche. Namen nennen will er aber nicht.

Dafür verrät Volker Noeske den interessierten Zuhörern einige Details, die so vorher noch nicht nach außen gedrungen waren. Zum Beispiel, dass Klettwitz sich bei der Standortsuche für das europaweit größte Zentrum für automatisiertes und vernetztes Fahren gegen Dekra-Niederlassungen in Spanien und China durchgesetzt hat. Ausführlich berichtet er auch von den geplanten Baumaßnahmen. So sollen, je nachdem, wann die zuschauerträchtige DTM-Rennserie das nächste Mal auf den Lausitzring Gas gibt, Teile der viel kritisierten Strecke saniert werden. Die hohen Kosten hierfür gelten offiziell ja auch als einer der Hauptgründe, warum die Eurospeedway Lausitz Verwaltungsgesellschaft den Ring verkauft hat. Dass die DTM im kommenden Jahr wieder in Klettwitz fährt, davon geht die Dekra trotz anderslautender Berichte jedenfalls aus. Ohnehin betont Volker Noeske nach mehreren Fragen immer wieder, dass die Dekra ein "Herz für den Motorsport" hat und sich nicht gegen Großveranstaltungen verschließt. Es müsse nur ins Konzept passen und sich jeweils ein Veranstalter finden. Was genau er damit meint, sagt er nicht.

Einzelheiten erläutert Volker Noeske zu den geplanten Umbauten. Zäune mit Toren sollen errichtet werden, um das gesamte Gelände vor neugierigen Blicken zu schützen. Einen Autobahn- und einen Landstraßenkurs gibt es ja bereits, nun sollen noch Stadtkurse auf den Parkplätzen entstehen. Besiegelt ist mit diesen Plänen auch das Ende der bei Autofahrern beliebten Abkürzung nach Senftenberg. Aufräumen will Volker Noeske mit dem von der Dekra selbst ins Spiel gebrachten Begriff der Geisterstadt. "Das sind alles mobile Lösungen", stellt er klar. Soll heißen: Die simulierten Städte werden je nach Bedarf auf- und abgebaut. Eine Anfrage vom Filmpark Babelsberg habe er darum auch ausschlagen müssen. Investiert werde in die Kommunikations-Infrastruktur und in Messtechnik. In einem ersten Schritt will die Dekra nach eigenen Angaben mehr als 30 Millionen Euro in ihr Zentrum stecken. Für die verheißungsvollen Erläuterungen bekommt Volker Noeske nicht nur einmal Applaus vom Publikum. Doch es gibt auch Kritiker. Campingplatz-Chefin Gudrun Klatt fürchtet um ihre Existenz, wenn der Motorsport und Konzerte künftig eine untergeordnete Rolle spielen. "Ich lasse das als Zeltplatz laufen, und wenn keiner kommt, dann kommt keiner", sagt sie resignierend. Verärgert äußert sich auch Andreas Groebe, aber nicht, wie er betont, in seiner Funktion als Stadtsprecher von Senftenberg, sondern als Journalist. Er rügt die Verfahrensweise, "wie die Ankündigung der Übernahme erfolgt ist". Wäre von der Dekra nicht so scheibchenweise informiert worden, hätte es auch die vielen Spekulationen und schlechten Nachrichten nicht gegeben. Ton Kersten, Vorsitzender des Fördervereins Annahütte-Lausitz, blickt indes geradezu euphorisch in die Zukunft. "Wir werden vielleicht ein neues Silicon Valley", sagt er ob der möglichen Ansiedlungen. "Ich habe ein positives Gefühl."

Zum Thema:
Um nicht nur hinter Zäunen versteckt im Geheimen zu agieren, will die Dekra einen öffentlichen Verkehrssicherheitstag am Lausitzring etablieren. Die Idee stammt aus Sachsen, wo diese Veranstaltung jährlich Tausende Menschen auf den Sachsenring lockt. Schipkaus Bürgermeister Klaus Prietzel könnte sich sogar vorstellen, diesen Tag mit dem Oktoberfest zu verbinden.