Die kleine Judith ist ein niedliches Baby. Eines zum Knuddeln und Schmusen. Man könnte ihr stundenlang zusehen, wenn sie so rücklings auf dem Teppichboden im Wohnzimmer liegt und mit ihrer Brille spielt. Das Mädchen scheint sehr lebhaft zu sein. Doch viel zu erzählen hat es jetzt offenbar nicht. Das muss am fremden Besuch liegen. “Fängt die Kleine denn schon mit dem Laufen an?„ Anne und Sebastian Hawranke, die Eltern, sehen den Reporter ungläubig an. Dessen Kinder sind erwachsen. “Unsere Judith ist schon zweieinhalb Jahre alt„, antwortet die Heilpädagogin. “Sie hat eine seltene Chromosomenstörung.„

Wenn sein Name fällt, würde fast jedes Kleinkind aufhorchen und den Blickkontakt zu Mama und Papa suchen. Doch Judith nicht. “Sie entwickelt sich nur ganz langsam. Wir freuen uns über jeden noch so kleinen Fortschritt„, sagt Sebastian Hawranke. Während der 34-jährige Bauingenieur arbeiten geht, kümmert sich seine Frau in Vollzeit um das Kind, dem man seine Behinderungen auf den ersten Blick keineswegs ansieht. “Sie ist unser ganzer Stolz„, sagt Anne Hawranke bestimmt. Judith braucht bei allen Alltäglichkeiten die Hilfe der Eltern. Sie vermag es auch nicht, über eine längere Zeit ein Ziel zu verfolgen. Das Trinken aus der Flasche klappt allerdings ganz gut. “Wir haben uns auf eine lebenslange Begleitung unseres Kindes eingestellt„, zeichnet Anne Hawranke die nächsten Jahrzehnte vor. Mit allen Belastungen und Einschränkungen, aber auch mit allen Freuden, und seien sie noch so klein.

Dass mit Judith etwas nicht stimmen könnte, ist schon im Mutterleib festgestellt worden. Auf den Ulltraschallbildern erschien sie von Beginn an zu klein. “Ich hatte in der Schwangerschaft so ein diffuses Gefühl„, erinnert sich die 30-jährige Kindesmutter. Auch bei der Geburt war das Baby viel zu zierlich, sei aber als gesund entlassen worden. Von allen Seiten habe es dann aufmunternde Sprüche gegeben. “Ein bisschen turnen, dann geht das schon„, habe ein Arzt gesagt. Bekannte meinten: “Das holt sie schon auf.„ Nichts von alledem traf ein. Vielmehr quält sich die Kleine zusätzlich immer wieder mit gesundheitlichen Problemen, bis heute. Um endlich die Ursache herauszufinden, liefen die Eltern von Arzt zu Arzt. “Erst ein Genetiker aus Cottbus hat nach etwa 16 Monaten die Diagnose gestellt„, so Anne Hawranke. “Wir hatten endlich einen Namen für die Behinderung.„ Dieses Ergebnis, so ernüchternd es auch war, erleichterte nach Aussage des 34-jährigen Vaters viele Dinge, wie Pflegegeld, Behindertenausweis und die Beschaffung von Hilfsmitteln. Doch es bleiben zusätzliche finanzielle Lasten bei der Familie. Dazu gehörte der Umzug in eine teurere, aber barrierearme Wohnung mit Fahrstuhl. Als der Vermieter, die KWG, von der Behinderung des Kindes erfuhr, spendete er für den bundesweiten Selbsthilfeverein.

Doch es läuft längst nicht alles glatt. Anne und Sebastian Hawranke sind auf der Suche nach einer passenden Betreuungsmöglichkeit. Aber ihre Tochter, zurzeit als Regelkind ohne Integrationsbedarf eingestuft, erhalte keine Unterstützung für einen Kindergarten. Das wollen die Eltern nicht widerspruchslos hinnehmen.