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| 18:33 Uhr

Ortrand
Eine Freundschaft für die Heimatkunde

Hier diskutieren Reinhard Kißro (r.) und Dr. Dietrich Hanspach über den uralten Sakramentsschrank in der Großkmehlener Kirche. In diesem Gotteshaus begann Kißro bereits als Viert- oder Fünftklässler mit den ersten heimatkundlichen Recherchen.
Hier diskutieren Reinhard Kißro (r.) und Dr. Dietrich Hanspach über den uralten Sakramentsschrank in der Großkmehlener Kirche. In diesem Gotteshaus begann Kißro bereits als Viert- oder Fünftklässler mit den ersten heimatkundlichen Recherchen. FOTO: Richter-Zippack
Großkmehlen/Ortrand. Seit über 40 Jahren forschen Reinhard Kißro und Dr. Dietrich Hanspach gemeinsam in und um Ortrand. Von Torsten Richter-Zippack

Wer sich für Historie und Gegenwart der Stadt Ortrand und des Schradens interessiert, kommt an Reinhard Kißro und Dr. Dietrich Hanspach nicht vorbei. Seit Jahrzehnten forschen die beiden Koryphäen der örtlichen und regionalen Heimatkunde zu bislang verborgenen Rätseln vergangener Zeiten. Was nur wenige wissen: Die beiden verbindet eine enge Forscherfreundschaft. Ohne einen Kißro könnte Dietrich Hanspach nur wenig ausrichten, und ohne einen Hanspach bliebe Reinhard Kißro weit unter seinen Möglichkeiten. Der eine, Kißro, ist Archivar, Historiker und ehemaliger Bürgermeister der Pulsnitzstadt. Der andere, Hanspach, gilt als Botaniker mit profunden Artenkenntnissen und Landschaftsökologe. Oder anders ausgedrückt: Das „Ortrander Gedächtnis“ forscht mit dem „Schradendoktor“. Und zwar seit nunmehr 42 Jahren.

„Ich habe den Reinhard anno 1976 kennengelernt“, erinnert sich Dietrich Hanspach. Das war im Ortrander Museum. „Der aus Hermsdorf zugezogene Besucher kam mit ganz konkreten Fragen zu Land, Leuten und deren Geschichte zu uns“, ergänzt Reinhard Kißro. Darüber hinaus begehrte Hanspach, der damals als Produktionsdirektor der Jannowitzer Sauenzuchtanlage tätig war, Einblicke in die Schriften des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, über die das Ortrander Museum verfügte. Letztendlich durfte sich Dietrich Hanspach um das Musemsarchiv kümmern.

Erstes gemeinsames Projekt von Kißro und Hanspach war die Erforschung der Historie der Jannowitzer Kunstwiesen. Von 1840 bis 1842 gab es im namensgebenden Ort eine Wiesenbauschule. Das Ergebnis der Recherchen wurde in einer Ausgabe der in den 1980er-Jahren erschienenen heimatkundlichen Schriftenreihe über den Kreis Senftenberg publiziert. Im Jahr 1987 wurden die Kunstwiesen vom Rat des Bezirkes Cottbus sogar als Flächendenkmal ausgewiesen.

Im gleichen Jahr verteidigte Dietrich Hanspach erfolgreiche seine Doktorarbeit über die Vegetations- und Landschaftsgeschichte sowie der aktuellen Vegetation über den Schraden. An seiner Seite war natürlich Reinhard Kißro: „Ich durfte ihn während der Veranstaltung unterstützen. Und zwar habe ich ein Foto nach dem anderen nachgeschoben“, erinnert sich Kißro.

Der Archivar und der Botaniker, eine offensichtlich perfekte Mischung für die Heimatkunde. Was Reinhard Kißro an Dietrich Hanspach besonders schätzt, sei dessen vegetationskundlicher Spezialblick auf die Siedlungsgeschichte der Region. „Der Dietrich weiß sofort, wo bestimmte Bäume und Pflanzen wachsen, dass man dort nach Überresten untergegangener Dörfer suchen kann“, begründet der Burkersdorfer, der vor wenigen Wochen seinen 70. Geburtstag beging. Wo beispielsweise in der freien Landschaft viele Brennnesseln wachsen, könne aufgrund der Zeigerwirkung dieser Pflanzen auf Siedlungsland geschlossen werden. Kißro und Hanspach erwarben sich beispielsweise bei der Lokalisierung der Wüstung Buch beziehungsweise Bücherdorf bei Großthiemig entsprechende Verdienste. Buch wurde bereits im Mittelalter aufgegeben. Die Einwohner siedelten ins benachbarte Thiemig um, das fortan Großthiemig hieß. Einen Ort namens Kleinthiemig gibt es indes westlich von Großenhain.

Darüber hinaus stießen die beiden Heimatforscher Ende der 1980er-Jahre auf eine bislang nicht bekannte Ersterwähnungsurkunde von Großthiemig. Daraufhin wurde 1989 die 600-Jahr-Feier begangen. Inzwischen gilt aber durch Recherchen des Bad Liebenwerdaer Museumsleiters Ralf Uschner, ebenfalls ein guter Freund des Ortrander Forscherduos, ein Dokument aus dem Jahr 1364 als urkundliche Ersterwähnung.

Kurioserweise finden sich auch in der eigenen Vergangenheit von Reinhard Kißro und Dietrich Hanspach diverse Parallelen. So sind ihre beiden Väter am gleichen Tag geboren, nämlich am 14. Januar 1926. Die Vorfahren beider Heimatforscher stammen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, und zwar aus der Niederung der Netze im heutigen Polen (Kißro) sowie aus dem südöstlichsten Zipfel Sachsens, dem Reichenauer Zipfel (Hanspach), im Dreiländereck Polen, Tschechien und Deutschland. Kein Wunder, dass das Forscherduo öfter über den eigenen Tellerrand hinaus blickt, insbesondere gen Osten. Zurzeit beschäftigen sich Kißro und Hanspack mit dem deutsch-polnischen Projekt „Der Netzebruch zwischen Schneidemühl und Bromberg“, das möglicherweise in ein Buch münden könnte. Stichwort Bücher: Die beiden heimatkundlichen Werke über den Schraden und die Großenhainer Pflege, an denen die Ortrander maßgeblichen Anteil besitzen, sind weggegangen wie warme Semmeln. Selbst Neuauflagen wurden notwendig.

Derzeit befassen sich die beiden Forscher indes mit einem Rätsel des Mittelalters. Konkret geht es um das Lehensbuch Friedrichs des Strengen (1332-1381), dem Markgrafen von Meißen. „Darin sind alle Lehen, also die weltlichen Gutsbesitzungen, verzeichnet, nur das Schradenland bleibt außen vor. Wir wollen wissen, was die Ursache ist“, klärt Reinhard Kißro. Also wieder eine neue Herausforderung für die Ortrander Heimatkundler in ihrem bereits 42. gemeinsamen Forscherjahr.