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| 16:10 Uhr

Heimatgeschichte
Das Kino ist für Horst Zenzius gestorben

Horst Zenzius referierte vor Mitgliedern und Interessenten des Heimatvereins über die lokale Kinogeschichte.
Horst Zenzius referierte vor Mitgliedern und Interessenten des Heimatvereins über die lokale Kinogeschichte. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Senftenberg. 17 Einrichtungen im Kreis Senftenberg haben zu DDR-Zeiten Filme gezeigt. Heute existiert in der Region nur noch ein Lichtspielhaus. Von Torsten Richter-Zippack

Vor zwölf oder 13 Jahren muss es gewesen sein, als Horst Zenzius das letzte Mal ein Kino besucht hat. „Ich war damals im Cottbuser Weltspiegel. Der Film wurde durch Werbung unterbrochen. Damit ist für mich Kino endgültig gestorben.“ Auch manch weiteren Gast dürften die ungebetenen Unterbrechungen stören, doch Zenzius ist in der Kinowelt der Niederlausitz beileibe kein Unbekannter. Über 42 Jahre lang prägte der gebürtige Senftenberger die Kinolandschaft der Region. Heute gibt es lediglich noch eine Spielstätte im Schwarzheider Wandelhof, bis zur Wende dagegen 17. „Wir hatten zwölf Kinos sowie drei bespielte Freilichtbühnen und zwei Kulturhäuser“, erinnert sich Zenzius, der zu DDR-Zeiten anfangs als Filmvorführer, später als Kreisfilmstellenleiter tätig war.

Als berufliche Heimstätte des heute 81-Jährigen gilt indes das Senftenberger Passage-Filmtheater. Diese Einrichtung war bereits im Dezember 1912 von Familie Petsch eröffnet worden. „Sie hatte das Haus nicht nur selbst erbaut, sondern sich auch um die Energieversorgung gekümmert“, sagt Horst Zenzius anerkennend. Denn erst anno 1919 ging in Senftenberg das reguläre Stromnetz in Betrieb. Die Betreiberfamilie brachte die Filme anfangs mittels Generator zum Laufen. Das Kino befand sich im Stadtzentrum, dort wo heute das Vital-Fitnessstudio einlädt. Eine weitere Filmstätte, das Capitol, wurde im Jahr 1928 durch Wilhelm Plückhahn erbaut und später von den Familien Bauer und Backhausen betrieben. Das Gebäude am Neumarkt brannte allerdings anno 1945 ab und wurde nicht mehr aufgebaut.

Bereits Walter Zenzius, der Vater von Horst, legte in den goldenen Zwanzigern den Grundstein für die spätere Kinokarriere seines Sohnes. „Gemeinsam mit meinem Onkel Fritz haben die beiden bei Familie Petsch für die passende Stummfilmmusik gesorgt, Vater am Klavier, Onkel mit der Geige“, erinnert sich Horst Zenzius. Von Beruf war Walter Zenzius, genau wie Jahrzehnte später Sohn Horst, als Schlosser im späteren Franz-Mehring-Werk tätig. Bereits als 15-Jähriger durfte Horst Zenzius als Filmvorführer arbeiten. „Die Streifen kamen in den 1950er-Jahren in losen Rollen im Kino an. Sie mussten dann auf Metallrollen gebracht und auf mögliche Schäden kontrolliert werden.“ Ein Film habe damals aus vier bis fünf Rollen bestanden, wobei es eine Rolle auf Längen von 600 Metern brachte.

Anfangs thematisierten die gezeigten Streifen vor allem die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges. Als Klassiker galt „Der Fall von Berlin“. In der Hauptstadt durchlief Horst Zenzius auch seine Ausbildung zum Filmvorführer. Das war im Jahr 1952. Wenige Jahre später erfuhr der Senftenberger seine Berufung zum Kreisfilmstellenleiter. Neben den eigentlichen Kinos wurden auch Freilichtbühnen und Kulturhäuser bespielt. Darüber hinaus gab es den Landfilm mittels transportabler Apparate. So kamen die Einwohner fast jedes Dorfes ebenfalls zum Filmgenuss.

Die Auslastung der einzelnen Vorstellungen variierte stark. Meistens bewegte sie sich zwischen 42 und 80 Prozent, manchmal waren die Abende auch ausverkauft. Je weiter sich der Zweite Weltkrieg entfernte, desto weniger sprachen die dieses Thema behandelten Filme die Leute an. „Da gab es auch mal Auslastungen zwischen zehn und 20 Prozent“, erinnert sich Horst Zenzius. Sein Passage-Filmtheater, diesen Namen trug das Senftenberger Kino seit dem Jahr 1973, bot 350 Gästen in einem Saal Platz. Besonders begehrt waren Unterhaltungsfilme. Ebenso Streifen für Kinder, beispielsweise „Die steinerne Blume“ oder „Das goldene Schlüsselchen“, beide aus sowjetischer Produktion. Zenzius‘ Lieblingsfilme waren das Defa-Werk „Die Mörder sind unter uns“ sowie die Ufa-Produktion „Die Frau meiner Träume“.

Mit der Wende begann der Niedergang des Kinowesens in der Region. Die Einrichtungen schlossen eine nach der anderen. Horst Zenzius hatte im Jahr 1990 zwischen 30 und 40 Mitarbeiter. Sie erhielten zeitgleich ihre Kündigung. Das Senftenberger Kino konnte sich noch bis zum Jahr 1998 halten, dann gingen auch dort die Lichter für immer aus. Im Jahr 2002 erfolgte schließlich der Abriss. Laut Zenzius ist die dazugehörige Technik verschrottet worden.

Heute schaut sich der 81-Jährige keine Kinostreifen mehr an. „Sie treffen nicht meinen Geschmack, immer nur Action und Kriminalität.“ Horst Zenzius würde sich aber für eine niveauvolle Filmveranstaltung in Senftenberg stark machen. „Dazu einen kleinen Vortrag und jede Menge interessierte Gäste. Das wäre doch mal was.“ Und natürlich den passenden Film. Etwas Anspruchsvolles, ohne sinnfreie Rumballerei. Und natürlich werbefrei.