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| 17:33 Uhr

Noch ein Viertel der Fahrer krank in Oberspreewald-Lausitz
Bus-Chaos entschärft sich nur langsam

Seit dieser Woche fahren wieder mehr Busse durch den Landkreis. Trotzdem fallen täglich noch mindestens zehn Touren aus.
Seit dieser Woche fahren wieder mehr Busse durch den Landkreis. Trotzdem fallen täglich noch mindestens zehn Touren aus. FOTO: LR / Jan Augustin
Schwarzheide/VetschaU. Fahrerfrust und Fachkräftemangel bremsen seit Wochen den Busverkehr im Kreis aus. Die Lage hat sich etwas verbessert, ist aber noch „gänzlich unbefriedigend“. Von Jan Augustin

Waltraud Lewandowski weiß, wovon sie redet. Die 65-Jährige hat lange Zeit als Sekretärin in der Vetschauer Oberschule gearbeitet. Verspätete oder ausgefallene Busse habe es in ihrem Berufsleben zwar auch gegeben. Aber nur selten und schon gar nicht in diesem Ausmaß wie jetzt, sagt sie. Am eigenen Leib hat sie in dieser Woche das aktuelle Bus-Chaos im Landkreis Oberspreewald-Lausitz zu spüren bekommen.

Die Rentnerin begleitet ihren Enkel regelmäßig zur Haltestelle in Göritz. Um 7.04 Uhr fährt dort normalerweise der Bus in Richtung Vetschauer Schulzentrum ab. Doch er kommt nicht. Ein Tag zuvor sei er noch mit 20 Minuten Verspätung eingetroffen. Waltraud Lewandowski, ihr zehnjähriger Enkel und jüngere Kinder warten also weiter in den Morgenstunden bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Vergebens. Nach einer Dreiviertelstunde geben sie auf. „Die Kinder werden krank und verpassen alles in der Schule. Das ist eine Schweinerei“, schimpft Waltraud Lewandowski. Die Fahrt und auch die am Nachmittag fallen ersatzlos aus. Eltern verteilen die Kinder in ihre Autos, bringen sie selbst zur Schule und holen sie wieder ab. So oder ähnlich spielt sich das nun schon seit drei Wochen im gesamten Landkreis ab.

Als Grund für das Chaos gilt der hohe Krankenstand unter den Busfahrern. Dieser hat sich von 30 auf nunmehr 24 Prozent leicht reduziert. Neue Krankschreibungen sind nicht mehr hinzugekommen. So sind in dieser Woche „nur“ noch etwa zehn bis zwölf Fahrten täglich statt mehr als 20 Fahrten wie zu Beginn der Welle, ausgefallen. „Es ist richtig, dass sich die Lage ein wenig verbessert hat“, schätzt Landrat Siegurd Heinze (parteilos) ein. Dennoch sei die Situation „gänzlich unbefriedigend“, erklärt er beim Kreistag am Donnerstagabend im Kulturhaus der BASF in Schwarzheide. Diese Menge an Ausfällen habe es so noch nie gegeben. Der hohe Krankenstand sei merkwürdig und nicht nachvollziehbar. Der Landkreis als Aufgabenträger des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) hat eine Beförderungspflicht.

Müssen derzeit täglich mehrfach miteinander reden: Grit Klug, die  den ÖPNV im Landkreis verantwortet, und der Geschäftsführer der Kraftverkehrsgesellschaft Dreiländereck, Alfons Dienel.
Müssen derzeit täglich mehrfach miteinander reden: Grit Klug, die den ÖPNV im Landkreis verantwortet, und der Geschäftsführer der Kraftverkehrsgesellschaft Dreiländereck, Alfons Dienel. FOTO: Jan Augustin

Neue Fahrer konnten in der Zwischenzeit „leider nicht angeworben werden“. Das sei auch der Situation geschuldet, dass so gut wie keine Busfahrer dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. „Der Fachkräftemangel schlägt erbarmungslos zu“, sagt Heinze. Um den hohen Ausfall an Fahrten zu kompensieren, seien durch den Betreiber, die Kraftverkehrsgesellschaft Dreiländereck (KVG) aus Zittau, mehr als 20 andere Verkehrsbetriebe um Unterstützung gebeten worden. „Leider ohne Erfolg, da auch bei den anderen Unternehmen derzeitig keine Kapazitäten bestehen und auch dort teilweise ein hoher Krankenstand zu verzeichnen ist“, resümiert Heinze.

„Wir haben alles unternommen. Uns ist die Situation sehr unangenehm“, versichert KVG-Geschäftsführer Alfons Dienel den Kreistagsabgeordneten, von denen einige das Unternehmen hinterfragen. Olaf Gunder (SPD), René Markgraf (Fraktion Freie Wähler) und Kerstin Weidner (fraktionslos/Agsus) etwa wollen wissen, ob der hohe Krankenstand möglicherweise mit den Arbeitsplatzbedingungen und einer Unzufriedenheit zusammenhängt. Dienel räumt ein, dass sich die Bedingungen für die Busfahrer im Vergleich zum ehemaligen Betreiber in einigen Teilen, wie in Calau und Lauchhammer, verschlechtert haben. Dass damit aber der hohe Krankenstand erklärt werden soll, schließt er aus. Die KVG, die nach einer umstrittenen Ausschreibung seit gut einem Jahr den Busverkehr im Landkreis betreibt, habe viel investiert. 9,5 Millionen Euro seien in moderne Technik gesteckt worden.

Eine kurzfristige Lösung kann Alfons Dienel nicht in Aussicht stellen. Mit den Betriebsräten sei in dieser Woche aber eine interne Vereinbarung getroffen worden, auf die er nicht näher eingehen wolle. Auch die Personalkalkulation werde leicht verändert. Künftig soll eine Krankenquote von acht bis neun Prozent einkalkuliert werden. Bisher seien es sieben. Mittel- und langfristig setze die KVG auf selbst angelernte Kraftfahrer. Dafür sei jetzt eine Berufsausbildung gestartet. „Wir werden nicht aufgeben und kämpfen, dass wir die gleiche Qualität haben wie im Landkreis Görlitz“, sagt Dienel.

Waltraud Lewandowski aus Vetschau schaut indes skeptisch in die Zukunft. „Die kalte Jahreszeit fängt erst an. Es tut mir leid um die Kinder“, sagt sie.