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Zahngesundheit in Oberspreewald-Lausitz
Karies im Kindermund auf Vormarsch

Um die Zähne der Kinder im Oberspreewald-Lausitz-Kreis ist es extrem schlecht bestellt.
Um die Zähne der Kinder im Oberspreewald-Lausitz-Kreis ist es extrem schlecht bestellt. FOTO: ia_64 / ia_64 - stock.adobe.com
Senftenberg. Etwa die Hälfte aller Sechsjährigen im Oberspreewald-Lausitz-Kreis hat schlechte Zähne. Erzieher der Kindergärten fühlen sich allein gelassen. Ärzte warnen vor Folgen. Von Josephine Japke

Viele Kinder im Oberspreewald-Lausitz-Kreis haben schlechte Zähne. Das ist belegt. Laut der jetzt veröffentlichten Landes-Statistik des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie (Stand 2016) ist die Karies hier rasant auf dem Vormarsch.

Von 519 Kindern zwischen Null und drei Jahren haben 17 Prozent Karies. Schlechter ist nur Elbe-Elster. Bei 634 Kindern im Alter bis sechs Jahre hat knapp die Hälfte Karies. Hier schneiden auch nur Elbe-Elster, die Prignitz und die Uckermark noch schlechter ab. Erst bei Kindern bis zwölf Jahre bewegt sich Oberspreewald-Lausitz wieder im Mittelfeld: Doch 22 Prozent und damit fast ein Viertel der Kinder haben auch in dem Alter Karies. Allgemein haben Jungen schlechtere Zähne als Mädchen, und ländliche Regionen schneiden schlechter ab als städtische.

„Wir haben in der Leitungsrunde diskutiert, ob wir mit den Kindern weiterhin die Zähne putzen sollen. Einige Kindereinrichtungen können das aber nicht mehr versprechen“, erklärt Cornelia Klett, die Geschäftsleiterin des Fröbel-Vereins der Region Lausitz. Dafür führt sie verschiedene Gründe an: Die baulichen Bedingungen stimmen nicht, weil es mancherorts für 40 Kinder nur zwei Waschbecken gibt. Die Kinder verwechseln ihre Zahnbürsten, was unhygienisch ist. Aus Personalnot kann das Beaufsichten der Kinder nur entweder beim Putzen der Zähne oder beim Spielen gewährleistet werden.

„Natürlich würden wir gern mit den Kindern Zähne putzen, denn wir haben die Verantwortung die gesunde Entwicklung der Kinder zu fördern. Aber gesetzlich sind wir dazu nicht verpflichtet“, erklärt Cornelia Klett und betont, die Verantwortung liege daheim. „Die Eltern sind für die schlechten Zähne verantwortlich. Immerhin essen die Kinder zwei Hauptmahlzeiten zu Hause“, sagt sie.

Doch bei den Müttern und Vätern stoßen die Erzieher mit Hinweisen zur Zahngesundheit oft auf taube Ohren. Die Kleinen plaudern oft aus, dass sie zu Hause gar nicht Zähne putzen. Doch was dort versäumt werde, könnten die Pädagogen in der Kita nicht reparieren. „Immer wieder sagen wir den Eltern, dass sie ihren Dreijährigen keine Nuckelflaschen mehr mitgeben sollen. Immer wieder bitten wir darum, gesunde Snacks mitzugeben. Am Ende passiert nichts“, sagt Cornelia Klett.

Wie gefährlich Nuckelflaschen, Zucker und Babybreis für die Kinder sind, erlebt Dr. Michael Elstermann täglich. „Oft ist die falsche Ernährung das Problem. Süßigkeiten, Säfte und Babynahrung enthalten viel Zucker, der die Zähne angreift. Wenn dann nicht richtig geputzt wird, ist der Kampf gegen Karies fast verloren“, sagt der Sachgebietsleiter des Jugendzahnärztlichen Dienstes des Landkreises Oberspreewald-Lausitz. Hinzu komme die Nuckelflaschen-Karies. „Das Trinken aus Flaschen mit Saugern soll eigentlich zum Ende des ersten Lebensjahres beendet werden. Sobald das Kind sitzen kann, kann es lernen, aus der Tasse zu trinken“, sagt er.

Die Folgen von schlechten Zähnen sind verheerend: Der vorzeitige Milchzahnverlust führt zu Sprachstörung und Fehlverzahnung. Den Kindergärtnerinnen fällt zudem auf, dass betroffene Kinder oft nicht richtig sprechen können. Dadurch sind sie womöglich schlechter in der Schule. Gerade deshalb stellen die Pädagogen klare Forderungen auf. Geld für den Umbau der Waschräume in Kindergärten müsse her, und neue Erzieherinnen müssen eingestellt werden. Außerdem solle das Gesundheitsamt mehr in die Offensive gehen, denn der Besuch einmal im Jahr reiche nicht aus.

Doch zusätzliche Untersuchungen würden nicht automatisch bessere Zähne bedeuten. „Wir haben auch nicht das Personal, um öfter Schulen und Kindergärten abzuklappern“, stellt Dr. Klaus Bethke, Leiter des Kreis-Gesundheitsamtes, klar. Wichtiger sei es vielmehr, direkt bei den Eltern anzusetzen, so der Experte: „Es sollte nicht versucht werden, die Verantwortung zu verlagern. Die Eltern sind und bleiben in erster Linie verantwortlich, was die Zahngesundheit ihrer Kinder angeht.“ Kinder müssten ab dem ersten Zahn zweimal jährlich zum Zahnarzt. Denn selbst wenn bei den kleinen Zähnchen eine Untersuchung nicht viel bringt, kann ihnen die Angst vorm Zahnarzt genommen und das richtige Putzen beigebracht werden. „Dann würden auch die zusätzlichen einmaligen Besuche in den Kindergärten reichen“, betont Michael Elstermann.

Die Forderung der Kindergärtnerinnen nach einem Kontroll-System ist zwar schon erfüllt, jedoch hakt es bei der praktischen Umsetzung. „Werden bei der Vorsorgeuntersuchung im Kindergarten besonders auffällige Probleme mit den Zähnen erkannt, erhalten die Eltern ein Anschreiben mit dem Befund. Damit sollen sie sich beim Zahnarzt vorstellen. Haben sie das getan, bekommen wir eine Rückmeldung vom Zahnarzt“, erklärt Michael Elstermann. Aber das System funktioniert nicht, denn nur etwa zehn Prozent der Briefe kommen überhaupt zurück zum Gesundheitsamt. „Daran sieht man, wie wenig sich die Eltern um die Zähne ihrer Kinder bemühen“, stellt der Arzt fest. Deshalb könne sich das Gesundheitsamt bei zweimaligem Ausbleiben des Briefes auch an das Jugendamt wenden. Mehr sei allerdings nicht möglich.

Die Ideen der Fröbel-Kindergärtnerinnen eine Informationskampagne über die Folgen schlechter Zähne zu starten und eine Zahnarztpflicht einzuführen, finden die beiden Ärzte zwar gut. „Aber das ist utopisch. Aktuell kann die Bundesregierung ja nicht mal eine Impfpflicht einführen“, sagt Bethke.