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| 19:45 Uhr

Lauchhammer wehrt sich
Kampfansage für die Opfer des Altbergbaus

 Blick auf die Bergbaufolgelandschaft der Grube Lauchhammer III, die 1921 ausgekohlt war.  Der Naundorfer Teich (unten) ist ein Restloch des Alttagebaus.  Das Gewerbegebiet an der Wilhelm-KülzStraße (Bildmitte) und vier unmittelbar an der Straßenzufahrt gelegene Häuser stehen auf gefährlichem Grund. Die benachbarten Einfamilienhäuser und die weiter nördlich errichteten Wohnblöcke im Friedenseck sind indes sicher auf gewachsenem Boden gebaut. 
Blick auf die Bergbaufolgelandschaft der Grube Lauchhammer III, die 1921 ausgekohlt war.  Der Naundorfer Teich (unten) ist ein Restloch des Alttagebaus.  Das Gewerbegebiet an der Wilhelm-KülzStraße (Bildmitte) und vier unmittelbar an der Straßenzufahrt gelegene Häuser stehen auf gefährlichem Grund. Die benachbarten Einfamilienhäuser und die weiter nördlich errichteten Wohnblöcke im Friedenseck sind indes sicher auf gewachsenem Boden gebaut.  FOTO: Mirko Sattler
Lauchammer. Lauchhammer fordert angemessene Entschädigungen für Wohnhäuser und Gewerbebetriebe auf den unsicheren Kippen. Von Kathleen Weser

Gegen die kalte staatliche Enteignung der Opfer des Lausitzer Altbergbaus ohne Rechtsnachfolge laufen die Kommunalpolitiker von Lauchhammer jetzt Sturm. Das kündigt Bernd Nitzsch-
ner (Unabhängige Bürgervertretung/UBV), der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses, an.

Der Schock-Starre nach der Nachricht, dass ein weiteres Wohnquartier mit vier Häusern auf einer ehemaligen Tagebaukippe abgesiedelt werden muss, folgt die Kampfansage – an die Landespolitk. Lauchhammer fordert Verantwortung für die Eigentümer ein, deren Häuser auf der Kippe durch den Grundwasserwiederanstieg im Senftenberger Revier auf lebensgefährlichem Terrain stehen und deshalb weichen müssen.

„Die Sicherheit für Leib und Leben hat oberste Priorität. Auch wenn es für viele Menschen unverständlich ist, dass die viele Jahrzehnte alten Gebäude plötzlich nicht mehr sicher sein sollen. Die geologischen Sachverständigen und Bergbau-Experten können wir nicht widerlegen“, sagt Bernd Nitzschner. „Aber dass der Umgang mit den betroffenen Menschen und deren Existenz grundlegend geändert wird, das fordern wir ein“, ergänzt er. Für jedes Haus, das verlassen werden muss, muss „ein gleichwertiger Ersatz finanziert werden, der nicht am Verkehrs- oder Marktwert der Immobilie gemessen werden kann“, betont der Abgeordnete und Unternehmer. „Für ein Eigenheim mit hundert Quadratmetern Wohnfläche muss eine Entschädigung garantiert werden, die die Bergbau-Opfer in die Lage versetzt, auch künftig in einem hundert Quadratmeter großen Haus leben zu können“, fordert der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses Lauchhammer.

Die Menschen in der Stadt Lauchhammer haben nie aktiv mitentschieden, dass der großflächige Bergbau im Senftenberger Revier nach der Wende abrupt eingestellt wurde. Die gigantischen Brunnengalerien, die das Grundwasser abgesenkt haben, um das Kohleflöz trocken zu legen, sind außer Betrieb genommen worden. Mit den inzwischen eingetretenen gravierenden Folgen des Grundwasserwiederanstieges in den alten Bergbaukippen, die wegen ihrer Beschaffenheit zum spontanen Verflüssigen neigen und damit zur Lebensgefahr werden, hatten selbst die Bergbau-Experten nicht gerechnet.

Die Lücke im Einigungsvertrag, der lediglich die Rechtsnachfolge für den aktiven Bergbau nach dem Zweiten Weltkrieg regelt, haben die Bürger in Lauchhammer auch nicht verschuldet – die Folgen aber bislang zu tragen. Denn sie leben in einem Altbergbaugebiet, dessen Tagebaue bereits bis in die 1930er-Jahre ausgekohlt und dem damaligen Stand der Technik und  den bescheidenen Möglichkeiten entsprechend saniert wurden. Bernd Nitzschner verweist auf die Tragödie, die die Bewohner der 2016 abgesiedelten und dem Erdboden gleichgemachten Eigenheimsiedlung am Grubenteich durchleben mussten. „Grundstückseigentümer sind in Mietverhältnisse gedrängt worden, weil die Entschädigungen den Ersatzneubau von Häusern nicht ermöglicht haben“, sagt er. „Das möchten wir nicht noch einmal erleben“, betont Nitzschner. Das Land Brandenburg und den Bund sehen die Menschen in Lauchhammer in der Pflicht.

Auch zwei Gewerbebetriebe, bei denen insgesamt etwa 100 Lausitzer in Lohn und Brot stehen, müssen laut des Sachverständigengutachtens zum Kippenstandort an der Külzstraße umgesiedelt werden. Seit drei Jahren werden hier bereits Gespräche mit Potsdam geführt: Denn dem Türenhersteller, der seine Produktionsstätte am Standort Lauchhammer erweitern wollte, ist dies baurechtlich schon lange untersagt worden. „Wir brauchen die Produktionsbetriebe und die Arbeitsplätze – hier in Lauchhammer“, sagt Bernd Nitzschner.

Lauchhammer ist die Wiege des Braunkohlenbergbaus in der Lausitz. „Die Menschen hier haben länger als ein ganzes Jahrhundert für den Wohlstand in der Region gesorgt. Jetzt brauchen sie materielle Hilfe“, stellt der Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses fest. Das Stadtgebiet, das von vielen Restlöchern und Kippenarealen durchzogen ist, hat sieben gefährliche Problemgebiete. Das Phänomen nicht standsicheren Terrains ist in der Lausitz weit verbreitet. Nirgends aber ist die Betroffenenheit so groß wie in Lauchhammer.