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Jugendamt nimmt immer mehr Kinder in Obhut

Seitdem das Kinderschutzgesetz 2012 in Kraft getreten ist, erhöhen sich die Kinderschutzfälle bei den Jugendämtern – auch in OSL.
Seitdem das Kinderschutzgesetz 2012 in Kraft getreten ist, erhöhen sich die Kinderschutzfälle bei den Jugendämtern – auch in OSL. FOTO: P. Pleul/dpa
Senftenberg. Immer mehr Kinder im Oberspreewald-Lausitz-Kreis müssen vom Jugendamt in Obhut genommen werden. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Anzahl fast verdoppelt. Angestiegen sind auch die Verdachts- und Kinderschutzfälle. Jan Augustin

Was sich auf den ersten Blick besorgniserregend liest, kann gleichzeitig auch als ein gutes Zeichen interpretiert werden: Im Landkreis Oberspreewald-Lausitz steigt die Anzahl der Kinderschutzfälle und Inobhutnahmen. Im vergangenen Jahr registrierte das Jugendamt 79 Kinderschutzfälle. 2013 waren es 38. Gewachsen ist auch die Zahl der Inobhutnahmen - von 115 im Jahr 2013 auf 219 im vergangenen Jahr. Warum das gut sein soll? Weil Ärzte, Lehrer oder auch Nachbarn seit dem neuen Kinderschutzgesetz genauer hinsehen und das Jugendamt informieren können, wenn sie Anzeichen für Misshandlung, sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung vermuten.

Das 2012 in Kraft getretene Bundeskinderschutzgesetz soll das Wohl von Kindern und Jugendlichen schützen und ihre körperliche, geistige und seelische Entwicklung fördern. Kern ist das neu geschaffene Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz. Dieses regelt, wie Eltern über Unterstützungsangebote in Fragen der Kindesentwicklung informiert werden. Es schafft Rahmenbedingungen für Netzwerkstrukturen im Kinderschutz und regelt die Übermittlung von Informationen durch Geheimnisträger. Trotz Schweigepflicht können Ärzte zum Beispiel relevante Informationen an das Jugendamt weiterleiten.

Im vergangenen Jahr sind so insgesamt 306 Verdachtsfälle beim Jugendamt eingelaufen. 2009 waren es 57. "Es ist wichtig, dass die Bevölkerung hinschaut. Es ist auch wichtig und gut, dass die Wahrnehmung von Kindeswohlgefährdung und die Sensibilität des Bürgers gestiegen sind", sagt Manina Miltz. Seit 2009 leitet die Juristin das Jugendamt des Landkreises.

Für Manina Miltz ist das neue Kinderschutzgesetz der Hauptgrund für die veränderte Statistik. Was gefühlt zunehme, sei aber auch der Anteil der Eltern mit Drogenhintergrund. Bei rund 30 Prozent liege dieser derzeit. In jüngerer Vergangenheit spiele insbesondere die Alltagsdroge Crystal Meth eine zunehmende Rolle. Die Jugendamtsleiterin warnt: "Das ist verdammt gefährlich für die kleinen Kinder. Sie können schlichtweg verdursten, wenn die Eltern drei Tage lang schlafen." Hinzu kommen die aggressive Wirkung und die Selbstüberschätzung. Ein Kinderschutzfall ist vorprogrammiert.

Gehen die Fachkräfte des Jugendamtes davon aus, dass eine akute Gefährdung vorliegt, wird das Kind in Obhut genommen. Für dringliche Fälle ab einem Alter von vier Jahren gibt es dafür im Landkreis die Inobhutnahmestellen in Klettwitz und Lauchhammer. Sind die Kinder noch jünger, werden sie für kurze Zeit bei Bereitschaftspflegeeltern untergebracht. Drei Familien gebe es im Kreis derzeit, die sich immer bereithalten. Insgesamt haben sich etwa 70 Pflegefamilien beim Landkreis registriert. Pflegefamilien zu gewinnen, sei aber schwierig, sagt Manina Miltz.

Hinzukommen mehrere Kinderheime von insgesamt zehn freien Trägern der Jugendhilfe. Maximal neun Kinder leben hier in familienähnlichen Wohngruppen. Von den 219 Inobhutnahmen im Vorjahr seien mehr als die Hälfte Selbstmelder gewesen, erläutert Manina Miltz.

Die bessere Lösung sei es aber, die Kinder nicht aus dem familiären Umfeld zu nehmen, sondern die Eltern zu befähigen, sagt Manina Miltz. "Hilfe zur Erziehung" heißt das im Verwaltungsdeutsch. Die Kosten dafür steigen seit Jahren und machen aktuell etwa ein Viertel des gesamten Haushaltes beim OSL-Jugendamt aus. Der Planansatz für dieses Jahr geht von einem Gesamtaufwand des Jugendamtes von fast 47 Millionen Euro aus. Das sind etwa zehn Millionen Euro mehr als noch im vorigen Jahr.

Der Zuschuss durch den Landkreis wächst in diesem Jahr auf knapp 30 Millionen Euro an. Neben der "Hilfe zur Erziehung" steigen vor allem auch die Kosten im Kitabereich. Hier schlägt die tarifliche Anpassung bei den Gehältern der Mitarbeiter zu Buche.

Darüber hinaus entstehen höhere Aufwendungen durch die Inobhutnahme minderjähriger Ausländer sowie deren anschließender stationärer Unterbringung, die aber durch das Land vollständig erstattet werden. Zurzeit leben 25 unbegleitete minderjährige Ausländer und 29 begleitete (zum Beispiel durch den Onkel oder Tante) im OSL-Kreis.