Wer Schwarzheide-Ost (Naundorf) gen Süden verlässt, muss drei Gewässer überqueren. Zunächst geht es über die Pößnitz, anschließend über die Wolschinka und schließlich über die Schwarze Elster. Zwischen den letzten Häusern in der Elsterstraße zu Naundorf und den entsprechenden Brücken befinden sich landwirtschaftlich genutzte Flächen. Zudem führt eine Hochspannungsleitung über das Areal. Es gibt dort weder Strom- noch Wasseranschlüsse. Ebenso fehlen Sitzgelegenheiten und Parkplätze.
Und dennoch hat sich die Stadt Schwarzheide genau für dieses Gelände als Mittelpunkt der 600-Jahr-Feier Naundorfs entschieden. Eigentlich sollte das Jubiläum bereits im Juni 2021 begangen werden. Schließlich waren damals genau 600 Jahre seit der urkundlichen Ersterwähnung als „Nuwendorff“ in einer Verpfändungsurkunde ins Land gegangen. Doch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Bestimmungen verhinderten die Party.

Expertin: Die 2022er-Party für Naundorf sprengt alle Maßstäbe

Ursprünglich standen für die 600-Jahr-Feier mehrere Standorte zur Auswahl. Letztendlich hatte sich die Stadt gemeinsam mit den Naundorfern für das Gelände zwischen dem südlichen Ortsausgang und der Elster entschieden. Die entsprechenden Vorbereitungen für das Jubiläum hatten nach Angaben von Ute Kolanowski, Sachgebietsleiterin Wirtschaftsförderung, schon im Jahr 2020 begonnen. „Was wir in diesem Jahr mit unserem Festkomitee auf die Beine stellen, sprengt alle Maßstäbe, was wir je organisiert haben“, resümiert die Expertin. Dabei hatte die Stadt erst anno 2017 ein halbes Jahrhundert Stadtrecht mit einer großen Party begangen.
Aus Platzgründen sei die Wahl schließlich auf die Wiesenflächen unweit der Schwarzen Elster gefallen. „Das ist eine absolute Herausforderung“, sagt Ute Kolanowski. „Schließlich gibt es dort keine Medienanschlüsse. Deshalb arbeiten wir mit transportablen Notstromaggregaten.“ Die Technik funktioniert während der drei Festtage einwandfrei.

475 Teilnehmer beim historischen Festumzug dabei

Höhepunkt des Jubiläums ist indes der große, historische Festumzug. Dieser startet bereits am rund zwei Kilometer entfernten Outlet-Center, bewegt sich über die Naundorfer Straße, überquert die B169, biegt in die Elsterstraße ein und findet schließlich auf dem Festgelände sein finales Ende. Nach Angaben der Stadtverwaltung nehmen rund 475 Akteure mit 13 Fahrzeugen an dem Spektakel teil. Über 400 Menschen gilt es für diesen Umzug einzukleiden. Dafür sei eine extra Kleiderkammer eingerichtet worden. 200 Kostüme seien inklusive einer Anprobe ausgegeben worden.
Präsentiert wird die Historie des Schwarzheider Ortsteils, und zwar von der ersten Besiedlung Naundorfs bis in die Jetztzeit. Ganz vorn marschiert die Band Rabenzauber aus Ungarn, die mit mittelalterlicher Musik aufwartet.
Nun hält sich in Schwarzheide das Gerücht, dass es die Naundorfer mit dem Feiern nicht so haben. Das hat sich zumindest während der 600-Jahr-Feier definitiv nicht bestätigt. „Das Interesse der Ortsansässigen ist schon sehr groß“, sagt Ute Kolanowski. Das kann Marga Mehl aus der Elsterstraße nur bestätigen: „Ich lebe seit 1970 in Schwarzheide-Ost. Es ist beeindruckend, was die Stadt hier auf die Beine stellt. Klar habe ich mein Anwesen entsprechend geschmückt.“ Die Seniorin präsentiert dort unter anderem alte Werkzeuge, Blumen, Duftkerzen sowie eine alte Signallampe von der Bahn. „Die hatte mein Mann gesammelt“, sagt Mehl.
Naundorf feiert 600 Jahre

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Kostüme extra aus Schwaben für Naundorf

In historische Kleidung des 15. Jahrhunderts haben sich indes Uwe Brockmann und seine Partnerin Kerstin Schute geworfen. „Die Kleidung haben wir aus Schwaben vererbt bekommen“, berichtet Brockmann. Und seine Frau fügt an, dass sich die ganze Familie so auf die Jahrfeier gefreut habe. „Man merkt schon, dass unser Bürgermeister aus Schwarzheide-Ost stammt.“ Tatsächlich befindet sich das Elternhaus von Stadtoberhaupt Christoph Schmidt im Osten des Ortes, wenn auch nicht im alten Naundorf, sondern in der Siedlung Victoria, die ab Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet worden war.
Weitere Wünsche der „Ostler“ bleiben allerdings unerfüllt. So gibt es dort weder ein Lebensmittelgeschäft, noch eine Gaststätte. Dafür aber den Bahnhaltepunkt Schwarzheide-Ost an der Strecke Ruhland-Cottbus.
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Nach dem Jubiläum ist vor dem Jubiläum in Schwarzheide

Im Jahr 2021 hat sich die urkundliche Ersterwähnung von Naundorf bei Ruhland (heute Schwarzheide-Ost) zum 600. Mal gejährt. Corona-bedingt konnte erst zwölf Monate später gefeiert werden. Doch das nächste Jubiläum in der Chemiestadt wirft bereits seine Schatten voraus. Denn anno 2024 werden genau 575 Jahre seit der Ersterwähnung von Zschornegosda (Schwarzheide-West) ins Land gegangen sein. Ob und wie diese Jahreszahl gefeiert wird, müssten die Stadtverordneten möglichst zeitnah entscheiden, heißt es aus dem Bürgerhaus. Abgeordneter Werner Rex (Linke) ist schon mal dafür: „Das wäre doch eine Supersache. Klar wollen wir feiern.“