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| 20:43 Uhr

Prominenter Gast am Senftenberger Gymnasium
„Manches Erlebte wühlt mich noch immer auf“

Der Quantenchemiker Prof. Joachim Sauer wird zum Vortrag am Senftenberger Gymnasium begrüßt.
Der Quantenchemiker Prof. Joachim Sauer wird zum Vortrag am Senftenberger Gymnasium begrüßt. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. Lieber Walther Rathenau als Friedrich Engels: Der bekannte Quantenchemiker Prof. Joachim Sauer rät Senftenberger Gymnasiasten, sich mit der Historie ihrer „Penne“ zu befassen. Der Gatte der Kanzlerin war hier selbst einmal Schüler. Von Torsten Richter-Zippack

Das Senftenberger Gymnasium trägt den Namen „Friedrich Engels“. Warum eigentlich nicht „Walther Rathenau“? So wie früher? Das fragt sich der weltbekannte Quantenchemiker Prof. Joachim Sauer von der Berliner Humboldt-Universität. Der Wissenschaftler stammt aus Hosena und ist Ehemann von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er hatte in den Jahren von 1963 bis 1967 die Erweiterte Oberschule (EOS) in Senftenberg – das heutige Gymnasium – besucht. Damals trug die Schule tatsächlich den Namen des laut Sauer „wirklichen Demokraten“. „Ich bin für den Namen Walther Rathenau“, sagt Sauer. „Engels hat zu den ideologischen Grundlagen für die kommunistischen Diktaturen beigetragen, Walther Rathenau ist wegen seines Eintretens für Demokratie und Freiheit umgebracht worden.“

Dass das Senftenberger Gymnasium heute nicht mehr nach dem im Jahr 1922 ermordeten Politiker benannt ist, hat indes auch prozedurale Gründe. Nach Auskunft von Lehrern wurde diese Bezeichnung verwehrt, weil eine Grundschule schneller zu einer Entscheidung kam und bereits nach Walther Rathenau benannt war. So durfte eben Friedrich Engels bleiben, der bereits seit dem Jahr 1976 an der EOS präsent ist.

Sein Interesse an der lokalen Schulgeschichte meint der heute 68-Jährige sehr ehrlich. Viele eigene Erinnerungen hat Joachim Sauer an seine Schulzeit. Mit Schrecken denkt der Chemiker an die wöchentlichen Fahnenappelle zurück, bei denen unter anderem von einer älteren Mitschülerin berichtet wurde, die die Westgrenze überqueren wollte, dabei auf eine Mine lief und ein Bein verlor. Oder an Schüler, die von der Schule flogen, weil die Eltern ihre Ausreiseanträge nicht zurückziehen wollten.

Nicht zuletzt aus diesen Erlebnissen regt Sauer ein neues Geschichtsprojekt am Senftenberger Gymnasium an: „Findet doch mal heraus“, fordert er die Gymnasiasten auf, „wer aus welchem Grund während der braunen und der roten Zeit von der Schule verwiesen worden war. Gebt diesen Menschen Namen und Gesicht.“ Kritik übt Joachim Sauer am langjährigen stellvertretenden Leiter des Senftenberger Gymnasiums, Erhard Klose. „Er saß mit am Tisch, an dem entschieden wurde, wer von der Schule fliegt. Ich hätte mir gewünscht, dass Klose nach der Wende darüber sein Bedauern zum Ausdruck gebracht hätte.“ Der angesprochene Pädagoge ist 2009 verstorben.

Seine eigene Kindheit und Schulzeit bezeichnet Joachim Sauer als völlig normal. „Wir hatten als Kinder viele Freiheiten“, bekennt der Sohn eines Bäckermeisters und einer Verkäuferin aus Hosena. Sehr häufig seien Sauer und seine Zwillingsschwester mit ihren Freunden in den nahen Wäldern auf Achse gewesen. So wie während der EOS-Zeit in Senftenberg der Pädagoge Günter Holzhaus, habe ihn bereits in der Grundschule der Lehrer Herbert Schulz, genannt „der dicke Schulze“, für die Chemie begeistert. „Schulz bot nachmittags Chemie-Experimentierkurse an. Das hat mich interessiert“, erinnert er sich. Der Pädagoge reiste mit seinen Schülern zur Chemieolympiade nach Schwarzheide. „Übernachtet wurde im Senftenberger Pionierhaus. Einmal hatten wir Schulzens Campingliege so präpariert, dass sie zusammenbrach“, erzählt Sauer schmunzelnd.

Er betont aber auch, dass sein Leben in der DDR immer unter Druck verlaufen sei. Weder seine Eltern waren in der SED, noch sei er später bereit gewesen in diese Partei zu gehen. „Die Angst war immer da, ob ich trotz bester Leistungen in die EOS aufgenommen werde und Abitur machen darf, und ob ich später zum Studium zugelassen werde.“

Mit 18 Jahren, anno 1967, hatte Sauer nicht nur das Abitur in der Tasche, sondern auch eine Ausbildung als Chemielaborant im Braunkohlenkombinat Lauchhammer abgeschlossen. Im Herbst 1967 nahm er das Chemiestudium an der Berliner Humboldt-Universität auf.

Heute besuche er die Lausitz und Hosena, wo noch immer sein älterer Bruder lebt, aufgrund verschiedenster Verpflichtungen eher selten. Vergangenen Sommer traf sich sein Jahrgang, genau 50 Jahre nach dem Abitur, in Senftenberg. „Wir haben eine Bustour durch das Seenland unternommen. Es ist sehr eindrucksvoll, was dort passiert“, erinnert sich Sauer. Er fühle sich heute zwar nicht vordergründig als Lausitzer, ist sich seiner Wurzeln aber sehr bewusst. „Vieles, was ich hier erlebt habe, wühlt mich noch immer auf“, bekennt der Quantenchemiker während seines Vortrages am Gymnasium.

Joachim Sauer überlegt sogar, diese Erinnerungen zu publizieren. Nachdem er seit vielen Jahren Vorträge über seine Arbeit in zahlreichen Schulen Brandenburgs, Berlins und anderen Teilen Deutschlands gehalten hat, fühle sich der Chemiker außerordentlich geehrt, nun auch von seiner alten Senftenberger „Walther-Rathenau“-Schule zu einem Vortrag eingeladen worden zu sein.