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Jeder Apfel zählt auch für Zukunftsplan

Jan Rolla, Chef der Kelterei Hosena, hat es in diesem mageren Apfeljahr schwer, die 25 000-Liter-Tanks mit dem beliebtesten Saft zu füllen. Ältere Leute bevorzugen den glasklar abgefüllten Apfelsaft, jüngere greifen lieber zur naturtrüben Variante.
Jan Rolla, Chef der Kelterei Hosena, hat es in diesem mageren Apfeljahr schwer, die 25 000-Liter-Tanks mit dem beliebtesten Saft zu füllen. Ältere Leute bevorzugen den glasklar abgefüllten Apfelsaft, jüngere greifen lieber zur naturtrüben Variante. FOTO: Steffen Rasche/str1
Hosena. Die Traditionskelterei Hosena kämpft gegen den Früchte-Notstand an. Der späte Frost hat die Obstblüte dahingerafft. Anbaubetriebe gleichen das Manko von den Streuobstwiesen aus. Generationswechsel in Kleingärten wird gefördert. Kathleen Weser

Den akuten Früchte-Notstand in der Traditionskelterei Hosena trägt Geschäftsführer Jan Rolla mit Fassung. Seitdem späte Fröste im Frühjahr eiskalt in die frühe Apfelblüte gefahren waren, ist dem Fachmann schon klar: Nach den vergangenen drei wirklich starken Apfeljahren kommt die Saftpresse in diesem Sommer und Herbst erst mit der Quitten-Ernte noch einmal richtig auf Touren. Normal sind zwischen 30 und 35 Tonnen am Tag. Zum Start der Apfelsaft-Saison sind gerade einmal zwei Tonnen Obst zu verarbeiten. Zwei Presstage sind eigentlich üblich, die magere Ernte des laufenden Sommers hat die Maschine nur einen Vormittag lang beschäftigt.

Aus den heimischen Kleingärten werden derzeit, obwohl praktisch Hochsaison ist, nur wenige Früchte auf dem Betriebshof angeliefert. Die Leute, die in normalen Apfeljahren gewöhnlich mehrere hundert Kilogramm in die Waage schütten, bringen das Obst jetzt im Wassereimer und handlichen Beutel. Aber "jeder Apfel zählt", sagt Jan Rolla, der von Natur aus fröhlich-optimistisch ist und bleibt.

Nur etwa zehn Prozent der üblichen Menge von Äpfeln werden derzeit in den Kleingärten der Umgebung geerntet. Das tut schon weh. Denn es ist die Mischung der vielen Sorten, die den Hosenaer Apfelsaft glasklar und naturtrüb zum absoluten Renner unter allen Direktsäften der Kelterei macht. Dreiviertel aller Äpfel kommen eigentlich von Streuobstwiesen.

Etwa die Hälfte der gesamten Flaschenabfüllung der Kelterei Hosena ist Apfelsaft. Und Jan Rolla freut sich auch über die Früchte, die für den Mundraub vom Baum als Frischobst von geringstem Interesse sind. Die Säure dieser Sorten macht den Apfelsaft, der ausschließlich regional vermarktet wird, zum besonderen Genuss.

Der Ernteausfall durch die extremen Frostschäden in den Kleingärten wird von Obstbauern - vor allem aus dem Anbaugebiet um Dresden - ausgeglichen, mit denen der heimische Säftehersteller kooperiert. Den professionellen Erzeugern war es gelungen, dem Wetter zu trotzen. Die gefährdeten Apfelblüten waren beispielsweise vor dem angekündigten Frost mit Wasser eingenebelt worden, das einen hauchdünnen Eispanzer bildete, der als Schutz ausreichte. Etwa zwei Grad Celsius unter der Null-Marke hält die Obstblüte aus, bestätigt Jan Rolla. Deshalb ist von den klassischen Anbaubetrieben zwar auch eine unterdurchschnittliche, aber trotzdem noch gute Apfelernte zu erwarten. "Es wird also auch das ganze kommende Jahr über Apfelsaft geben", schätzt der Chef der heimischen Kelterei ein. Die Preisverhandlungen mit den Erzeugern und auch Märkten werden allerdings deutlich härter geführt. Der Zukauf von Früchten aus anderen Ländern ist keine Option, betont er. Der Apfel sei zwar eine robuste Frucht. Aber lange Transporte halte sie nicht ohne Qualitätsverluste durch. Und der Saft aus Hosena soll Direktsaft bleiben. Günstige Konzentrate mit fast ungegrenzter Haltbarkeit werden hier nicht produziert. Auch für die Zukunft setzt Jan Rolla deshalb auf die Kleingärtner der Region als Hauptfruchtlieferanten.

Und die Kelterei schiebt den Generationswechsel auf den Streuobstwiesen in den Gärten an.

"Der Apfelbaum ist eine Kulturpflanze mit einer Lebensdauer von etwa 80 Jahren", erklärt Jan Rolla. Die Generation Opa habe in den 30er-Jahren nach der Weltwirtschaftskrise in der Lausitz die meisten der Bäume, die bis heute abgeerntet werden, für die Eigenversorgung gepflanzt. Die Zeit der guten Erträge läuft nunmehr naturgemäß aus. "Deshalb wollen wir die Leute motivieren, neue Apfelbäume zu pflanzen. Und das ist auch nicht ganz uneigennützig", sagt der Kelterei-Chef. Sechs Apfelsorten, die auf den hiesigen Böden prächtig heranwachsen sollten, subventioniert das Unternehmen jetzt mit einer kräftigen Finanzspritze. In der Hoffnung, dass die Kleingärtner die Äpfel auch künftig weiter zum Vermosten bringen. Eine Baumschule aus Bad Liebenwerda liefert die Hochstamm-Bäumchen vom süß-saftigen Jonagold über den knackig-süßen Gala-Apfel bis zum aromatischen Elstar, dem kräftig-nussigen Pilot und dem mittelfesten Boskoop und dem Gravensteiner. "Das ist unsere Wette auf die Zukunft", sagt Jan Rolla. Denn eine Garantie auf den Rücklauf über die eigene Saftpresse in die Tanks und Glasflaschen gibt es natürlich nicht. Die Demografie schlägt auch beim Apfelsaft ins Kontor: "Nicht bei den Abnehmern", bestätigt Jan Rolla, "aber bei den Obstlieferanten". Dagegen sollen jetzt praktisch neue Bäume wachsen.

Zum Thema:
Der durchschnittliche Deutsche verspeist pro Jahr neun Kilogramm Äpfel. Da die Obstbauern hier zu Lande in diesem Jahr eine unterdurchschnittliche Ernte zu verzeichnen haben, dürften die Preise für Frischobst kräftig anziehen.Das Brandenburger Agrarministerium schätzt taufrisch ein: Der Apfel ist mit 873 Hektar Anbaufläche im Land die dominierende Obstart. In diesem Jahr ist eine "unterdurchschnittliche Apfelmenge von etwa 18 000 Tonnen" zu erwarten. Im vergangenen Jahr wurden etwa 28 000 Tonnen geerntet. Vermostet wird vor allem Fallobst. Die Früchte für die hochwertigen Fruchtsäfte aus Hosena werden zum größten Teil von Kleingärtnern aus der Lausitz bezogen. Deren Ertrag liegt in diesem Jahr nur bei zehn Prozent normaler Erntejahre. Das Obst wird in Hosena montags und sonnabends angenommen.