| 17:16 Uhr

Lebendiger Adventskalender
Jeden Tag ein Stückchen Vorfreude für die Nachbarn

Charlotte und Alina waren die Gastgeberinnen des 19. Lindenauer Kalendertürchens. Für die zweijährige Mara gab es Kekse und Schokolade.
Charlotte und Alina waren die Gastgeberinnen des 19. Lindenauer Kalendertürchens. Für die zweijährige Mara gab es Kekse und Schokolade. FOTO: Rudolf Kupfer
Lindenau. Seit zehn Jahren verkürzt der lebendige Adventskalender den Einwohnern von Lindenau das Warten auf Weihnachten. Von Josephine Japke

„Die Weihnachtsmaus ist sonderbar – sogar für die Gelehrten. Denn einmal nur im ganzen Jahr entdeckt man ihre Fährten“, zitieren Alina und Charlotte gemeinsam mit ihren Freundinnen das Gedicht von James Krüss. Aufgeregt sind die beiden Zehnjährigen dabei, denn die Mädchen sind heute die Gastgeberinnen beim lebendigen Adventskalender in Lindenau. Dafür haben die Schülerinnen ein besonders schönes Programm einstudiert.

Während Alina und Charlotte die letzten Vorbereitungen treffen, sammeln sich rund 15 Lindenauer dick eingemummelt und mit kleinen Laternen um punkt 18 Uhr vor der evangelischen Kirche. „Weiß einer, wo wir heute hingehen?“, fragt der Erste in die Runde. Die Antwort ist an jedem Abend die gleiche: Nein, wissen wir nicht. Denn das bleibt den ganzen Advent über ein wohlgehütetes Geheimnis der jeweiligen Lindenauer Gastgeber. Bei einem richtigen Adventskalender weiß man ja auch nicht, was sich hinter dem Türchen verbirgt.

Die einzige Person mit einem wissenden Grinsen auf dem Gesicht ist Organisatorin Rosemarie Hänel vom Heimatverein. „Einer muss ja doch wissen, wo es langgeht, damit wir nicht ganz verloren durchs Dorf stapfen“, sagt die lachend. Aber was genau sich die heutigen Gastgeber ausgedacht haben, weiß sie auch nicht. „Auch für mich ist das jeden Abend eine Überraschung“, verrät sie.

Nach einem kurzen Lied zur Einstimmung geht’s los, die Hauptstraße entlang, bis die aktuelle Zahl entdeckt wird. Unter der mit leuchtenden Eiszapfen geschmückten Garage warten Alina und Charlotte bereits mit Herzklopfen auf ihre Gäste. „Vorher waren wir schon ziemlich aufgeregt. Aber wenn alle da sind und es allen gut geht, ist das das Wichtigste“, sagt Alina. Um das leibliche Wohl ihrer Gäste sorgen sich die beiden sofort. Glühwein und Kinderpunsch machen die Runde, gefolgt von Keksen und Schokolade.

„Normalerweise sind Erwachsene die Gastgeber. Aber wir wollten es selbst einmal probieren“, berichtet Charlotte, und Alina fügt hinzu: „Unsere Eltern waren von der Idee total begeistert.“ Das Programm stand schnell: Lieder singen, Weihnachtsgeschichten vorlesen, Gedicht aufsagen und basteln. Ganz ohne Hilfe der Erwachsenen geht es dann aber doch nicht. „Wir haben eine lange Einkaufsliste geschrieben und Mama musste alles besorgen. Darauf standen Sachen wie Glühwein für die Älteren und Kinderpunsch, Kekse und Bastelkram“, gibt Charlotte zu.

Dann erklärt sie den Umstehenden ihre Idee: einfach zwei große Sterne aus einem Blatt Papier ausschneiden, übereinander kleben, am Rand verzieren und auf die Mitte ein Teelicht setzen – fertig ist der Tischschmuck.

In diesem Dezember gab es in Lindenau schon ein Kasperle-Theater, gebastelte Rentiere aus Holzstämmen, Kartoffelpuffer backen und Musik am Lagerfeuer. Alles in Gärten, Schuppen und Garagen. „Früher fand der Kalender immer in den Wohnzimmern der Leute statt. Aber wegen des Drecks und Aufwands war das nicht mehr gewünscht“, erklärt Rosemarie Hänel. Also wurde er nach draußen verlegt. Das klappe genauso gut, denn das Engagement der Lindenauer für die einzigartige Tradition ist ungebrochen. „Vor zehn Jahren haben wir den lebendigen Adventskalender das erste Mal veranstaltet. Manchmal fiel es uns schwer, jedes Türchen mit schönen Ideen zu füllen. Doch in diesem Jahr war der Kalender im Nu voll“, berichtet die Organisatorin.

Kein Wunder, denn die Lindenauer wollen auf ihre Weihnachts-Tradition einfach nicht verzichten. „Der Kalender schweißt uns zusammen. Wir lernen die Nachbarn kennen, kommen ins Gespräch, integrieren Zugezogene und ganz nebenbei verkürzen wir das müßige Warten auf Weihnachten“, erklärt Rudolf Kupfer, Nachbar von Charlotte.

Auch die freut sich, dass das Warten auf Weihnachten so langsam ein Ende hat. „Ich wünsche mir vom Weihnachtsmann kabellose Kopfhörer“, verrät sie. Alina hat sich eine DVD gewünscht. Bei der Frage, zu welchem Ereignis sie aufgeregter waren, ob auf ihrem Abend als Gastgeberinnen des Adventskalenders oder auf Weihnachten, sind sich die beiden einig: „Weihnachten!“

Sandra John liest den Teilnehmern eine Weihnachtsgeschichte vor. Ihre Tochter Charlotte und deren beste Freundin (beide 10) sind die Gastgeber des Abends. Die zweijährige Mara hängt gebannt an Sandra Johns Lippen.
Sandra John liest den Teilnehmern eine Weihnachtsgeschichte vor. Ihre Tochter Charlotte und deren beste Freundin (beide 10) sind die Gastgeber des Abends. Die zweijährige Mara hängt gebannt an Sandra Johns Lippen. FOTO: Josephine Japke / LR