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Jede der 800 Glocken ist ein Unikat

1130 Grad Celsius heiß ist die glühende Mischung aus Bronze und Zinn, die sich aus dem Schmelzofen in die im Boden befindliche Glockenform ergießt. Am gestrigen Freitag entstand in Lauchhammer die 800. Glocke seit der Wiederaufnahme des Glockengusses 1994.
1130 Grad Celsius heiß ist die glühende Mischung aus Bronze und Zinn, die sich aus dem Schmelzofen in die im Boden befindliche Glockenform ergießt. Am gestrigen Freitag entstand in Lauchhammer die 800. Glocke seit der Wiederaufnahme des Glockengusses 1994. FOTO: Mirko Sattler
Lauchhammer. Zum 800. Mal seit 1994 ist in der Lauchhammeraner Kunstguss GmbH am Freitagmittag glühendes Metall in eine aufwändig vorbereitete Glockenform geflossen. In etwa zwei Wochen wird es zum tontiefsten Teil des Geläuts für die Sankt Laurentius-Kirche in Loburg (Sachsen Anhalt) abgekühlt sein. Heidrun Seidel

. Grelle Flüssigkeit kocht im Schmelzofen der Gießereihalle und drängt ans Licht. Andreas Noack hebt die Hand: "Ich bitte um Ruhe", ruft er den Zuschauern zu. Und sogleich ergießt sich eine glühende Masse lavagleich durch eine Rinne in die Gießgrube. Hier wartet bereits, versteckt in mehr als zwei Metern Tiefe, eine kunstvoll im Lehmschablonenverfahren, wie die Fachleute sagen, gefertigte Form auf die etwa 1130 Grad Celsius heiße Mischung aus Bronze und Zinn - um aus ihr eine Kirchenglocke werden zu lassen.

Doch die bekommen die mehr als 100 Zuschauer, die aus Loburg in Sachsen-Anhalt gekommen sind, heute noch nicht zu Gesicht. "Etwa zwei Wochen bleibt sie in der Form, sie muss allmählich abkühlen, damit es nicht zu Rissen kommt", erklärt Andreas Noack. Der Glockengießer muss es wissen. An nahezu jeder der inzwischen 800 Glocken, die seit 1994 in Lauchhammer gegossen wurden, hat er irgendwie mitgewirkt. "So ein Jubiläumstag wie heute gibt einem schon ein besonders feierliches Gefühl", gesteht der 56-jährige Lauchhammeraner. "Jede der 800 Glocken ist schließlich ein Unikat", sagt er stolz. Andreas Noack, gelernter Gießereifacharbeiter im Kunstguss, hat sich mit der Wiedergeburt des Glockengusses in Lauchhammer im Jahr 1994 für diese besondere Arbeit qualifiziert. 109 Jahre nach der Gründung der Kunstgießerei Lauchhammer, also 1834, hatte es nachweislich den ersten Glockenguss am Standort des im 1725 von der Freifrau von Löwendal gegründeten Eisenwerkes gegeben. Damit ging die Glockengießerei ihre ersten Schritte ihres - zeitweise unterbrochenen - Weges. Inzwischen klingen die Glocken in ganz Deutschland, aber auch in Tansania, Japan oder Chile.

Die 800. soll Anfang September in der Sankt Laurentius-Kirche von Loburg in Sachsen Anhalt ihren kirchlichen Dienst aufnehmen. Sie wird mit dem Ton Cis die tiefste des Dreiergeläuts sein. Deshalb schaut auch Pfarrer Georg Struz besonders gespannt bei ihrer Entstehung zu. Mit 100 Loburgern ist er in zwei Bussen nach Lauchhammer gekommen. "Wir haben vier Jahre gesammelt, ehe wir das Geld zusammenhatten", berichtet er, und auch davon, wie gut die Gemeinde vom leidenschaftlichen Lauchhammeraner Glockensachverständigen Johannes Remenz - der mit 66 zwar in Ruhestand, aber noch immer umtriebig in Sachen Glocken unterwegs ist - betreut wurde. Der Vorgängerin der jetzt 1620 Kilo schweren Glocke mit einem Durchmesser von 1440 Millimetern war ein typisches Schicksal ihrer Zeit beschieden: 1917 war sie für die Produktion von Kriegsgerät eingeschmolzen worden.

Nun sollen die Loburger wieder hören, was die Glocke schlägt. Zuvor wird sie beim Stadtfest zum 1050. Jubiläum am 4. Juli 2015 im Umzug auf einem Festwagen von der Kunst der Glockengießer in Lauchhammer berichten. "Die nächste Glocke geht in Kürze nach Schönebeck", berichtet Johannes Remenz freudig. Und auch der junge, seit 2014 tätige Geschäftsführer Maxim Engelmann freut sich: "Unsere Auftragslage ist gut." 21 Beschäftigte verdienen hier ihren Lebensunterhalt. Etwa ein Drittel des Umsatzes mache derzeit der Glockenguss aus.

Kleinere Glocken zwischen 200 und 350 Kilogramm warten auf ihren Einsatz.
Kleinere Glocken zwischen 200 und 350 Kilogramm warten auf ihren Einsatz. FOTO: Heidrun Seidel