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Umfrage
Jamaika als Chance für die Lausitz

Senftenberg. Am Tag nach der Wahl hat sich die RUNDSCHAU in der Region umgehört und in Rathäusern und bei Lausitzer Unternehmen nachgefragt: Wie bewerten Sie den Wahlausgang? Ist das Ergebnis für Sie unerwartet? Wie gehen Sie damit um? Und was halten Sie von "Jamaika"? ab/abh

Kirsten Schmaler, Geschäftsführerin des Unternehmens Polymertechnik Ortrand (PTO), hat den Wahlabend im Radio auf der Fahrt zum Stammsitz der Hübner-Gruppe in Kassel verfolgt. Sie zeigt sich erschüttert über die deutlichen Stimmenverluste der großen etablierten Parteien CDU und SPD und darüber, dass die AfD so stark geworden ist.

"Das ist ein schlechtes Signal für Deutschland, die Rolle unseres Landes in Europa und die Wirtschaft", stellt sie fest. Gut sei, dass die FDP wieder in den Bundestag einziehe. In der Option für schwarz-gelb-grün sieht Kirsten Schmaler noch die Chance für eine gute Koalition mit einer deutlichen Mehrheit und damit der Kraft, die Alternative für Deutschland in der Opposition im Zaum zu halten. Die hohe Wahlbeteiligung sei toll. "Ich finde es richtig gut, dass die Leute zahlreich zur Wahl gegangen sind, egal für wen sie abgestimmt haben. Dafür sind die Menschen im Osten 1989 auf die Straße gegangen", sagt die Steuerfrau des mittelständischen Unternehmens in Ortrand.

"Zunächst einmal freue ich mich, dass die Wahlbeteiligung im Vergleich zur letzten Bundestagswahl um rund sechs Prozent gestiegen ist", sagt Teresa Stein, 1. Beigeordnete der Stadt Senftenberg. Das zeige auch in Senftenberg, dass die Menschen wieder aktiver mitgestalten wollen. "Erschreckend ist natürlich das Wahlergebnis der AfD, die im Stadtgebiet sogar die meisten Zweitstimmen auf sich vereinen konnte. Dieses Ergebnis macht uns nachdenklich, sollte aber zugleich Auftrag und Ansporn sein, die Sorgen der Senftenberger Bürgerinnen und Bürger noch ernster zu nehmen. Das leitet sich als ganz klarer Auftrag aus diesem Wahlergebnis ab."

"Zunächst möchte ich allen Helfern in den Wahllokalen für ihr ehrenamtliches Engagement danken", sagt Schipkaus Bürgermeister Klaus Prietzel (CDU) nach Abschluss der Auszählung. In der Großgemeinde waren acht Wahlbezirke eingerichtet worden, davon allein drei im Ortsteil Schipkau. Nach hoher Briefwahlquote konnten auch deutlich mehr Urnenwähler als in den vorherigen Jahren in den Wahllokalen begrüßt werden. "Das von den Wählern herbeigeführte Wahlergebnis haben wir zu akzeptieren", so der Bürgermeister. In der Großgemeinde hat die AfD gesiegt und ist bei den Zweitstimmen mit 29,5 Prozent mit Abstand die stärkste Kraft. Er geht davon aus, dass auf Bundesebene der Parteien in der kommenden Zeit dazu sicher viel auszuwerten und zu diskutieren sein wird.

Bernd H. Williams-Boock, Chef der Ortrander Eisenhütte, hofft nach dem Wahlergebnis auf eine stabile Bundesregierung. "Im Moment sehe ich das in der Jamaika-Koalition. Ich glaube, damit gibt es für die Lausitz und für Unternehmer eine große Chance." Die sehr unterschiedlichen Positionen von Union, FDP und Bündnis90/Die Grüne erfordere eine Festlegung auf klare Strukturen. "Das schafft Planungssicherheit", sagt er. Der Eisenhütte-Chef habe sich zwar gewünscht, dass die extremen Parteien nicht so viele Prozentpunkte erreicht hätten. "Viel wichtiger ist jedoch, wieder die Themen in den Mittelpunkt zu rücken. Und das sind in erster Linie: Digitalisierung, Braunkohle, Bildung und was sich für ein Industrieland ändern muss."

Für den Ortrander Pfarrer Thomas Brilla kommt das Wahlergebnis nicht überraschend. Für ihn war es abzusehen, dass die AfD sehr stark wird in der Region. Eine Alarmstimmung sieht er darin nicht, vielmehr eine Reaktion auf politische Fehlentscheidungen der Bundesregierung. "Wir müssen jetzt damit leben", sagt er einen Tag nach der Wahl. Er geht davon aus, dass der Zustrom zur AfD in ein paar Jahren auch wieder geringer wird, wenn sich die politische Lage beruhigt.