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| 19:19 Uhr

Interview mit Wolf Rüdiger Raschke
„Die alten Lieder verlernt man nie“

Rock-Legende „Karussell“ ist am Sonnabend in Ruhland und Ortrand zu Gast. Vorab sprach die RUNDSCHAU mit Bandgründer Wolf Rüdiger Raschke (2.v.l.), der aus Hosena stammt, über die Band und ihr Comeback.
Rock-Legende „Karussell“ ist am Sonnabend in Ruhland und Ortrand zu Gast. Vorab sprach die RUNDSCHAU mit Bandgründer Wolf Rüdiger Raschke (2.v.l.), der aus Hosena stammt, über die Band und ihr Comeback. FOTO: H-Joachim Lingelbach
Karussell gehört zu den ganz Großen der Ostrock-Szene. Jetzt ist die Band mit neuen Songs zurück und morgen in Ortrand zu Gast. Von Josephine Japke

Am Samstag ist die Leipziger Ostrock-Band „Karussell“ erst im Ruhlander Toyota-Autohaus und anschließend im Kulturbahnhof Ortrand zu Gast. Für Gründungsmitglied und Keyboarder Wolf Rüdiger Raschke sind Auftritte in der Lausitz immer etwas ganz Besonderes. Warum, das verrät er im Gespräch mit RUNDSCHAU.

Herr Raschke, Sie sind gebürtiger Lausitzer. Was bedeutet Ihnen das Seenland?

Wolf Rüdiger Raschke: Ich stamme aus Hosena und bin bis zur zweiten Klasse in Hoyerswerda zur Schule gegangen. Auch danach war ich in den Ferien immer bei meinen Großeltern, hatte und habe hier immer noch viele Freunde. Konzerte in der Lausitz sind für mich immer ein „Heimspiel“, denn ich war der einzige Lausitzer der Band, alle anderen waren Leipziger, und war immer besonders stolz auf die tolle Stimmung auf den Konzerten in der Heimat.

Ist das auch der Grund warum Sie schon im letzten Jahr auf der 700-Jahr-Feier in Ruhland spielten und jetzt wieder zu Gast sind?

Raschke: Absolut. Mit Ruhland verbindet mich eine Jugendliebe, denn wir haben zu Ostzeiten oft im legendären Zollhaus gespielt und uns hier eine große Fangemeinde erarbeitet. Auch in der Lausitzhalle in Hoyerswerda, im Tanzschuppen in Ortrand oder im Jugendclubhaus in Senftenberg waren wir früher oft zu Gast.

Treffen Sie auf Konzerten immer mal wieder bekannte Gesichter?

Raschke: Viele sogar, denn einige begleiten uns schon seit Jahren und reisen auf Tour mit uns mit. Die Fans erzählen dann Anekdoten von damals, von ihrer ersten Liebe, dem ersten Partner und der ersten Enttäuschung. Unsere Musik hat ihre Jugend begleitet und deshalb kennen wir viele Fans schon persönlich.

Wie schaffen Sie es, alte Fans zu begeistern und neue dazu zu gewinnen?

Raschke: Zu unseren Konzerten kommen Menschen zwischen 16 und 60. Die „Alten“, die schon immer dabei waren und die „Neuen“, die vielleicht von Mama und Papa musikalisch einiges mitbekommen haben. Sie alle wollen natürlich die alten Hits hören. Aber Joe, unser Frontmann, ist Jahrgang 1980 und zieht dadurch auch die jüngere Generation an. Außerdem haben unsere Texte seit unserem Comeback 2007 nicht an Aktualität verloren und orientieren sich mit ihrer Gesellschaftskritik immer noch an alten Zeiten.

Joe ist ihr Sohn. Kann er sich mit Ihren alten Texten überhaupt identifizieren?

Raschke: Das kann er, denn er hat unsere Texte, Lieder und die damalige Zeit intensiv studiert. Ganz spurlos ging das ja nicht an ihm vorbei, denn wir waren mit „Karussell“ in den 1980er Jahren viel unterwegs und ich dadurch oft nicht zu Hause. Doch wenn ich es war, schallten aus seinem Zimmer unsere Lieder und er begleitete uns oft ins Tonstudio. Als wir uns 2007 dann zum Comeback entschlossen, musste Joe nicht mal die alten Texte lernen, weil er die eh schon konnte. Auch für uns war das eigentlich wie Fahrrad fahren, denn die alten Lieder, die einem am Herzen liegen, verlernt man nie.

Wie kam es zu dem Comeback 2007? Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie fast 17 Jahre lang keine Musik mehr gemacht.

Raschke: Das ist auch auf Joes Mist gewachsen. Er wollte mit mir zu zweit Musik machen, um seine Kindheit und Jugend nachzuholen. Wir haben dann einen Konzert-Abend in kleiner Runde in Leipzig veranstaltet und am nächsten Tag stand in der Zeitung: „Karussell Comeback“. Wir wussten nicht wie wir aus der Nummer wieder raus kommen, also habe ich unter anderem meine zwei alten Bandkollegen Reinhard ‚Oschek’ Huth und Lutz Kirsten angerufen. Die beiden waren begeistert und so ging das wieder los. Heute gibt es für mich nichts Schöneres, als mit meinem Sohn zusammen auf der Bühne zu stehen und Rockmusik zu machen.

Waren Sie vor Ihrem ersten Auftritt nach dem Comeback aufgeregt?

Raschke: Total. Schon damals war ich vor Konzerten aufgeregt und bin es auch heute noch. Wenn das nicht so ist, sollte man auch nicht auf die Bühne gehen. Dann fehlt das Feuer und die Spannung, die jeden Auftritt besonders machen. Immer wieder müssen wir unsere Fans begeistern und uns die Gunst des Publikums erspielen.

Doch dass Sie Ihren Fans nahe stehen, beweisen Sie ja nicht nur auf Konzerten, sondern auch in diversen Film-Projekten. Was bedeutet Ihnen „Vier Tage auf Hiddensee“?

Raschke: An Hiddensee hängt das Herz meiner Familie und Kinder. Im Winter findet man dort Ruhe und kann am Strand spazieren gehen oder sich zum Nachdenken über Texte und Musik zurückziehen. Viele unserer Songs sind auf Hiddensee entstanden, und schon in den 80er-Jahren haben wir dort ein großes Konzert gespielt. Der Film „Vier Tage auf Hiddensee“ erschien 2015 und sollte einerseits die Schönheit der Insel zeigen und andererseits uns für zwei Konzerte dort begleiten: Ein großes Open Air am Hafen und ein reines Akkustik-Konzert am Strand. 2500 Leute saßen im Sand um uns herum im Kreis und sangen mit, während im Hintergrund die Sonne unterging. Das war eine außergewöhnliche Erfahrung.

Eine ebenso außergewöhnliche Erfahrung war sicher ihre Zusammenarbeit mit Ela, einem behinderten Mädchen. Wie kam es eigentlich dazu?

Raschke: Ela haben wir vor zehn Jahren an der Ostsee kennengelernt. Sie ist großer Fan unserer Band und reiste uns auch für Konzerte hinterher. Ihr größter Wunsch war es immer, einmal mit uns ein Lied live auf der Bühne zu singen. Seit dem Moment, als das endlich klappte und sie mit Joe ein Lied sang, hatte sie ein so großes Selbstbewusstsein, dass sie auch ihren Weg auf den Arbeitsmarkt fand. Wir haben sie über viele Jahre begleitet und für den halbstündigen Film „Ela singt“ einen Preis auf der Schweriner Filmkunstwoche gewonnen. Auch heute noch sind wir mit Ela eng befreundet und treffen uns immer mal wieder.

Wie wollen Sie am Wochenende das Publikum in Ruhland und Ortrand begeistern?

Raschke: So kleine Clubkonzerte, wie im Kulturbahnhof in Ortrand, haben immer den Vorteil, dass man den Fans ganz nah ist und dadurch eine Bindung aufbaut. Natürlich spielen wir dort alle großen Hits. Aber wir wollen auch zwei Singles vom neuen Album präsentieren, die wir noch nie gespielt haben und prüfen, wie die Lieder ankommen.

Sie haben also auch neue Projekte in den Startlöchern?

Raschke: Genau, unser neues Album wird Ende April erscheinen, zwei Singles werden auch als Auskopplungen auf den Markt kommen. Aktuell singt Joe noch die Texte ein, deshalb haben wir noch keinen Namen dafür. Mit dem Album gehen wir dann auf zweijährige Tour - erst durch Radiosender, dann durch Clubs und später auch auf Open Air-Konzerte. Am 25. August werden wir im Amphitheater Senftenberg ein großes Konzert spielen und dann bin ich endlich wieder zu Gast in der Heimat.

Mit Wolf Rüdiger Raschke sprach
Josephine Japke