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In Senftenberg wird die Kunst der Lausitz gesammelt

Kurator Bernd Gork in den Ausstellungsräumen der Kunstsammlung Lausitz im Senftenberger Schloss. Seit 1987 begleitet er die Sammlung mit viel Leidenschaft, weiß zu nahezu jedem gesammelten Werk eine Geschichte und hat auch die Bildtexte zu den hier veröffentlichten Werken verfasst. Obwohl inzwischen Rentner, arbeitet er weiter für die Sammlung. Seinen jährlichen Lohn von 1000 Euro spendet er für den Ankauf weiterer Kunstwerke.
Kurator Bernd Gork in den Ausstellungsräumen der Kunstsammlung Lausitz im Senftenberger Schloss. Seit 1987 begleitet er die Sammlung mit viel Leidenschaft, weiß zu nahezu jedem gesammelten Werk eine Geschichte und hat auch die Bildtexte zu den hier veröffentlichten Werken verfasst. Obwohl inzwischen Rentner, arbeitet er weiter für die Sammlung. Seinen jährlichen Lohn von 1000 Euro spendet er für den Ankauf weiterer Kunstwerke. FOTO: Steffen Rasche
Das Museum des Oberspreewald-Lausitz-Kreises ist seit 30 Jahren ein Haus für die Künste. Mit seiner Sammlung von mehr als 2500 Werken der Malerei, Grafik und Plastik bewahrt es bedeutende Dokumente der bildenden Kunst aus und für die Lausitz. Bernd Gork (66), der seit 1987 am Aufbau der Kunstsammlung Lausitz mitgewirkt hat, antwortet auf RUNDSCHAU-Fragen. Herbert Schirmer, Gründer des Kunstarchivs Beeskow, Kurator, Kulturminister in der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière

Die Kunstsammlung Lausitz wird in diesem Jahr 30. Sie haben sie als Kurator wesentlich mitgeprägt und prägen sie trotz Ruhestand noch immer. Was ist Ihr liebstes Kunstwerk?
Bernd Gork: Ein liebstes Kunstwerk habe ich nicht. Zu denen, die ich besonders mag, gehört das Gemälde "Bischofswerda im Winter" des Dresdner Altmeisters Theodor Rosenhauer, ein echter Edelstein in der Sammlung. Viel Durchstehvermögen war nötig, bis wir es erwerben konnten.

Über wie viele Kunstwerke von wie vielen und welchen Künstlern verfügt die Sammlung heute?
Gegenwärtig befinden sich über 2500 Werke der Malerei, Grafik und Plastik von etwa 130 Künstlerinnen und Künstlern in der Kunstsammlung Lausitz. Den Löwenanteil dabei bilden Arbeiten auf Papier, also Aquarell- und Temperamalerei, Zeichnungen und Druckgrafik.

Wie war die Idee einer Kunstsammlung entstanden?
Hans-Peter Rößiger wollte als Museumsleiter in den 80er-Jahren einen besonderen Sammlungsschwerpunkt setzen, was schließlich zur Kunstsammlung Lausitz führte. Allerdings entstand die Idee nicht im luftleeren Raum. Die bildende Kunst hatte schon von jeher einen hohen Stellenwert im Senftenberger Museum, zumal Rößigers Vorgänger Günther Wendt und Gerhart Lampa Maler waren.

Nach welchen Gesichtspunkten tragen Sie die Kunstwerke zusammen? Welche Rolle spielt der Zeitgeschmack?
Alle Werke haben einen Bezug zur Nieder- und Oberlausitz. Künstlerinnen und Künstler mit Lausitzer Wohnsitz oder Wurzeln werden ebenso berücksichtigt, wie Werke mit Motiven aus der Lausitz. Künstlerische Qualität ist dabei vorrangiges Kriterium. Von Zeitgeschmack will ich nicht sprechen, denn heute existieren verschiedene künstlerische Stile und Haltungen nebeneinander, was sich auch in unserer Sammlung widerspiegelt.

Welchen Stellenwert hat sie heute sowohl regional als auch überregional?
Diese Frage müssten Fachleute beantworten. Jedenfalls reicht das Spektrum von regionalen Künstlern bis hin zum unangefochtenen "Weltmeister" der Malerei Gerhard Richter, der aus Zittau stammt und als Theatermaler begann, bevor er im Westen seine Weltkarriere startete. Von ihm konnten wir nach 1989 zwei Grafiken erwerben. Eine Malerei wäre für ein kleines Museum bei den irrwitzigen Kunstmarktpreisen unerreichbar.

Cottbus hat auch eine Sammlung - ist da Konkurrenz?
Cottbus ist ein reines Kunstmuseum mit etwa 30 000 Exponaten, das sich anschickt, wie man hört, sich mit dem Museum Junge Kunst in Frankfurt/Oder zu einem großen Landesmuseum mit der weltweit größten Sammlung an DDR-Kunst zusammen zu schließen. Unsere Sammlung dagegen ist eine Abteilung eines Kreismuseums. Da verbietet sich jeder Vergleich. Es gibt ein gutes Einvernehmen beider Häuser, die sich, denke ich, gut ergänzen. Aktuell verleihen wir sechs Gemälde von Günther Friedrich für eine große Gedenkausstellung zum 85.Geburtstag an das Dieselkraftwerk. Auch uns gegenüber ist man in Cottbus als Leihgeber aufgeschlossen.

Die Kleine Galerie ist längst verlassen. Reicht der Platz im Schloss? Und kommt die Kunst da ausreichend zur Geltung?
Unter dem Gesichtspunkt, dass wir im Schloss außer der Kunst die Festungsgeschichte, die Stadt- und Landkreisgeschichte sowie die Industriegeschichte präsentieren wollen, können wir mit den drei Räumen Dauerausstellung und dazu den regelmäßigen Sonderausstellungen einigermaßen zufrieden sein. Wir haben sozusagen die Galerie am Schloss mit der ständigen Ausstellung der Kunstsammlung Lausitz im Schloss, die es seit 2009 gibt, eingetauscht. In Zeiten akuter Sparzwänge war die Galerie nicht zu halten.

Die Kunstsammlung speist immer wieder Ausstellungen. Welche waren aus Ihrer Sicht besonders interessant - und was ist in nächster Zeit zu erwarten?
Besonders gern denke ich an die Ausstellung "Umbrüche" im Sommer 1991 in der Galerie am Schloss zurück. Für dieses doppeldeutige Thema, das sowohl die landschaftlichen Umbrüche in der Lausitz, als auch die in der Gesellschaft meinte, führten wir die Maler und Grafiker Eckhard Böttger, Dieter Claußnitzer und Gerhart Lampa zusammen. Anschließend wanderte die Schau nach München, zum Kunstverein Hildesheim und nach Eppelborn im Saarland, der Partnerstadt von Finsterwalde. Nach der gegenwärtig laufenden Hanspeter-Bethke-Ausstellung wird es eine erweiterte Ausstellung mit Malerei und Plastik zum 30-jährigen Jubiläum der Sammlung geben. Im Herbst und Winter gedenken wir dann des 120. Geburtstages und des 50. Todestages des Spätexpressionisten Carl Lohse, von dem wir eine umfangreiche Werkgruppe besitzen, darunter einzigartige Meisterwerke.

Kunst zu sammeln ist ein Hobby für betuchte Zeitgenossen. Wie kommt die Kunstsammlung angesichts knapper öffentlicher Kassen immer wieder an neue Kunstwerke?
In den vergangenen Jahren beharrlicher Arbeit haben wir uns einen guten Ruf in der Künstlerschaft erarbeitet. Das hat zur Folge, dass inzwischen Schenkungen und Dauerleihgaben einen hohen Prozentsatz an Neuerwerbungen ausmachen. Auch mit Spendengeldern können Werke erworben werden. So kauften wir beispielsweise vor wenigen Jahren mit Unterstützung der Sparkasse Niederlausitz und der Stadt Senftenberg ein Gemälde von Hans Scheuerecker. Die BASF Schwarzheide GmbH schenkte uns ein Werk des jungen talentierten Malers und Grafikers David Lehmann, der bereits mit dem Brandenburgischen Förderkunstpreis ausgezeichnet wurde, aus seiner Ausstellung in der BASF-Galerie.

Die Sammlung ist das Eine, das Andere das Bewahren, Erhalten und eventuell Restaurieren? Wie ist das gesichert?
Die Werke der Sammlung werden verantwortungsbewusst fachgerecht in klimatisierten Räumen aufbewahrt. Sollte Restaurierungsbedarf bestehen, was selten vorkommt, so werden Mittel bereitgestellt.

Wird es zum Geburtstag einen vollständigen Katalog der Sammlung geben?
Einen großen Sammlungskatalog zu realisieren, ist derzeit finanziell und personell nicht möglich, einen vollständigen sowieso nicht.

Aber durch die regelmäßige Publikationstätigkeit der vergangenen Jahre mit Erwerbungskatalogen und kleinen Monografien, also Katalogen zu einzelnen Künstlern der Sammlung, die alle noch vorrätig sind, ist ein großer Teil der Kunstsammlung Lausitz dokumentiert. Damit kann sich der Kunstfreund einen guten Überblick verschaffen.

Mit Bernd Gork sprach

Heidrun Seidel.

Zum Thema:
"Was die Lausitzer Kunstsammlung auszeichnet, ist die gelungene Verbindung von regionaler Kunstproduktion mit den Strömungen und Tendenzen, die insbesondere von der Dresdner Kunstakademie ausgingen oder seit den 1950er-Jahren von den in der Lausitz angesiedelten Absolventen praktiziert wurde. Eine weitere Besonderheit besteht wohl auch darin, dass für die unter anderem in der Sammlung vertretenen Künstler wie Günther Wendt oder Jan Buk, mehr noch für Gerhard Lampa, Eckart Böttger oder Dieter Zimmermann, die Lausitzer Industrielandschaft eine Lebenswirklichkeit darstellte, die auf sinnlicher Wirklichkeitserfahrung aufbaute, in der die geschundene Landschaft und existenzielle Probleme ihrer Bewohner, die bis in die späten 1960er-Jahre andauernde Idealisierung der Arbeitswelt verdrängten. Mit der Thematisierung von Heimatverlust und Umweltbewusstsein trugen die Lausitzer Künstler in den 1980er-Jahren dazu bei, dass sich in der Gesellschaft ein kritisches Bewusstsein entwickeln konnte, was der Sammlung eine kultur- und sozialgeschichtliche Dimension verleiht, die über das ästhetische Potenzial hinaus auch etwas Dokumentarisches vermittelt." Herbert Schirmer, Gründer des Kunstarchivs Beeskow, Kurator, Kulturminister in der letzten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière