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| 17:27 Uhr

Lesen
Die Bürgerbibliothek damals und heute

Der Zugang zum Buch ist für Kinder jeden Alters wichtig. Auch kleine Bibliotheken ermöglichen dies. Mit dem Vorlesen können Eltern ist nicht früh genug beginnen, besagt zudem eine neue Studie.
Der Zugang zum Buch ist für Kinder jeden Alters wichtig. Auch kleine Bibliotheken ermöglichen dies. Mit dem Vorlesen können Eltern ist nicht früh genug beginnen, besagt zudem eine neue Studie. FOTO: Bernd Wüstneck / dpa
Ortrand. In Ortrand geht das Ausleihen von Büchern nachweislich bis in das Jahr 1834 zurück. Seitdem engagieren sich Bürger. Von Kathleen Weser

 Bücher sind Schätze. Auch und gerade im digitalen Zeitalter.  Ohne Lesekompetenz sind Erfolge in der Schule und im Job undenkbar. Mühsam halten vor allem kleine Städte und Gemeinden im ländlichen Raum ehrenamtlich Bibliotheken aufrecht. Für eine der  ältesten fühlt sich der Heimatverein Ortrand und Umgebung am Kirchplatz und damit in der historischen Mitte der Kleinstadt verantwortlich.

Unmittelbar nachdem Karl Benjamin Preusker (1761 bis 1871) in Großenhain im Jahr 1928 die erste Bürgerbibliothek eröffnete, ist dies 1834 auch in der Schwesternstadt Ortrand geschehen. „Der erste Besitzer war der Bürger und Leinewebermeister Johann Friedrich Kind“, erzählt Danny Duismann, der Vereinsvorsitzende der Geschichtsforscher. Die Konzession habe Kind damals von der Königlich Preußischen Regierung in Magdeburg erhalten. Denn er zog durch die an das Stadtgebiet Ortrands angrenzenden eigenständigen Länder Sachsen, Schlesien und Preußen.

In einem Buch der Leih-Bibliothek ist auf das Jahr 1837 datiert zu lesen: „Das Lesegeld von acht Pfennigen wöchentlich ist für jedes Buch  festgesetzt, und auch dann zu zahlen, wenn zur Ansicht verlangter Bücher innerhalb von zwei Stunden nicht zurückgegeben werden. Ein höherer Lagepreis findet nur bei ganz neuen theuren Werken statt, und ist im Buche selbst vermerkt ...“

Johann Friedrich Kind bot seine Bücher den Bürgern zur Ausleihe an und wurde von der Gendarmerie deshalb öfter zur Verantwortung gezogen. „Das war der strengen Zensur der Regierungen der einzelnen Länder geschuldet“, erklärt Danny Duismann weiter.

Bis 1906 ist die erste Ortrander Bibliothek wechselnd in privaten Händen geblieben. Im Februar beschlossen die Volksvertretung und anlässlich der Silberhochzeit des Kaiserpaares auch der Magistrat, eine Volksbibliothek zu gründen. Das Anfangskapital war der Betrag von 200 Reichsmark aus dem Zinsüberschuss der Jahre 1904 und 1905 der Stadtsparkasse Ortrand. Mit 139 Büchern wurde die Bibliothek eröffnet. Pro Buch und Woche lag die Leihgebühr nun bei einem Pfennig. Lehrer Wolf war der erste Leiter der Volksbibliothek.

Nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Bücher den Ortrandern im November 1945 wieder zugänglich gemacht worden. 234 Expemplare waren geblieben. Seit 1963 ist das Haus dann mit einer hauptamtlichen Kraft betrieben worden. In den 80er-Jahren wurde die Stadt- und Zentralbibliothek für die Umlandgemeinden mit zuständig. Der Informations- und Bücheraustausch trug Früchte. 1989 hatte die Ortrander Bibliothek 21 000 Bände, 992 Tonträger und 47 Zeitungs- und Zeitschriften-Titel zur Ausleihe. Mit dem Umbau des Rathauses wurde der Fundus ausgelagert, teilweise auch unqualifiziert. Im Jahr 2010 wurde die Bibliothek in der Böhmischen Villa in Ortrand wieder eröffnet. Den Lehrern im Unruhestand, besonders Dr. Hans Otto Grimm und Wolfgang Peters, war das zu verdanken. Doch die auslaufende Arbeitsförderung sorgte schon zwei Jahre später für einen weiteren Tiefpunkt: Jahre hing der Zettel mit der Aufschrift „Vorläufige Schließung“ an der Tür - bis der Heimatverein 1912 für Ortrand und Umgebung die Bibliothek - in Räumen der Stadt Ortrand - wieder eröffnete. Hier steht als Zeitzeugnis der langen Geschichte ein historischer Bibliotheksschrank. 6000 Bücher und derzeit 40 Leser - das ist der Stand.  

Der alte Schrank beherbergt die altestn Schätze der Ortrander Bibliothek.
Der alte Schrank beherbergt die altestn Schätze der Ortrander Bibliothek. FOTO: Klaus Hauptvogel