| 02:54 Uhr

In Grünewalde fließt wieder Osterwasser

Doris Walter schöpft schon mal aus dem neuen Röhrtrog. Doris Nimke (l., unten) lässt sich die Chance nicht entgehen und probiert das kühle Nass. Doch echtes Osterwasser fließt erst am frühen Sonntagmorgen kurz nach Mitternacht. Wenn die Sonne aufgeht, soll der Zauber verfliegen.
Doris Walter schöpft schon mal aus dem neuen Röhrtrog. Doris Nimke (l., unten) lässt sich die Chance nicht entgehen und probiert das kühle Nass. Doch echtes Osterwasser fließt erst am frühen Sonntagmorgen kurz nach Mitternacht. Wenn die Sonne aufgeht, soll der Zauber verfliegen. FOTO: T. Richter-Zippack/trt1
Grünewalde. In Grünewalde könnten in der Nacht zum Sonntag merkwürdige Dinge geschehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass junge und junggebliebene Frauen zum Röhrtrog schleichen, um Osterwasser zu schöpfen. Selbstverständlich heimlich. Selbstverständlich schweigend. Torsten Richter-Zippack / trt1

"Mensch, was hatten wir für eine Angst. Es war stockfinster, die Bäume knarrten, und manchmal rief ein Käuzchen. Aber wir haben uns immer zusammengerissen", berichtet Regina Schulz von ihren nächtlichen Wanderungen zum Obelisken der Mückenberger Teichwirtschaft an der Chaussee von Grünewalde nach Mückenberg (heute Lauchhammer-West). Ziel der ungewöhnlichen Exkursion während der Osternacht war eine unweit gelegene Quelle. "Mit Krügen bewaffnet, schöpften wir dort Osterwasser und wuschen uns gleich vor Ort. Als Belohnung winkten schließlich ewige Jugend und Schönheit. Sagt zumindest der Brauch", erklärt Regina Schulz. "Und sagen Sie doch selbst, es hat gewirkt oder?"

Auch Doris Walter kennt das Grünewalder Osterwasserholen noch aus eigenem Erleben: "Einmal haben uns dabei die Dorfjungs erwischt. Sie veranstalteten solch eine Wirtschaft, dass ich meinen Krug verlor. Der wurde am Abend darauf während des Ostertanzes von den Musikanten als Fundstück präsentiert. Unter Gelächter musste ich ihn abholen."

Ja, die Jungs. Die sollen es in Grünewalde mit den Mädels arg getrieben haben. An Ideen habe es ihnen jedenfalls nicht gemangelt. "Mein jüngerer Bruder wollte das eine Jahr unbedingt zum Osterwasserholen mitkommen", erinnert sich Doris Walter. "Aber der durfte nicht." Da habe sich der Bub einfach einen Bindfaden um den Zeh gebunden, das andere Ende hing aus dem Fenster. Als die Mädels loszogen, sei der Kumpel erschienen, habe am Faden gezogen und den Neugierigen geweckt. Dann seien sie den Mädels hinterhergeschlichen. "Das bekamen wir irgendwann mit und machten sie zur Schnecke", erinnert sich Doris Walter schmunzelnd. Die heute 79-Jährige habe sich erst kürzlich die Geschichte von ihrem Bruder Siegfried Lohde, der in Berlin wohnt, noch einmal bestätigen lassen. "Er konnte sich an alles erinnern. Man, was haben wir gelacht."

Bis vor rund 45 Jahren wurde in Grünewalde an fünf verschiedenen Stellen Osterwasser geholt. Dr. Siegfried Thomas, Vorsitzender des Heimatvereins, hat sogar die bislang letzte Wasserholerin aufgespürt. "Meine Schwiegermutter zeigte ihr zu Ostern 1970 diesen Brauch." Anschließend sei die Tradition eingeschlafen. Warum, könne niemand mit Sicherheit sagen. Aber dem Bergbau werde eine nicht unerhebliche Rolle zugeschrieben. Schließlich habe die nahe Grünewalder Grube mehreren Quellen nicht nur das Wasser abgegraben, sondern das kostbare Nass auch verschmutzt.

Eine der Quellen versiegte allerdings zu keiner Zeit. Und zwar diejenige auf der Kummerschen Wiese am Westrand des Dorfes. Von ihr führt von alters her eine rund 240 Meter lange Rohrleitung zum Röhrtrog direkt neben dem Dorfteich. Seit wann es im Ort diese Tränke gibt, verliert sich im Dunkel der Geschichte.

"Fakt ist aber, dass Grünewalde nur deswegen entstehen konnte, weil es die Quellen gab", erklärt Siegfried Thomas. Das muss im 12. Jahrhundert gewesen sein. Ortsvorsteher Reinhard Lanzke erinnert sich, dass der Röhrtrog während seiner Kinderzeit in den 1950er-Jahren aus gemauerten Klinkersteinen bestand. Nach der Wende seien diese durch eine Holzkonstruktion ersetzt worden. Und seit Kurzem präsentiert sich das Ensemble in wuchtigen schlesischen Granit. Fast wie neu sei auch die alte Rohrleitung. "Dank unserer Feuerwehr wurde diese mal richtig durchgespült", sagt Lanzke. Seitdem die Konstruktion wieder funktioniere, sinke auch die Gefahr, dass der vom Röhrtrog gespeiste Dorfteich fast austrocknet, gegen Null.

Apropos Röhrtrog: Der Brunnen besticht derzeit mit einer rund 40 Meter langen Osterranke, an der um die 500 Eier befestigt seien. Diese Idee hat Heidrun Lanzke aus ihrer südthüringischen Heimat mitgebracht. Fehlen also nur noch die Osterwasserholerinnen heute Nacht. Ob jemand am Röhrtrog erscheint, wisse bislang niemand. Laut Reinhard Lanzke gibt es im Dorf um die 20 junge Frauen im passenden Alter. Doris Walter kündigt jedenfalls an, mal gegen Mitternacht am Brunnen vorbeischauen zu wollen. Natürlich ganz zufällig. "Naja, ein bisschen Neugier ist vielleicht auch dabei", verrät die einstige Osterwasserholerin mit einem verschmitzten Lächeln.

Zum Thema:
In der Nacht zum Ostersonntag holten unverheiratete Mädchen zwischen 0 und 1 Uhr mit einem Tonkrug Osterwasser aus einer Quelle oder einem Fließ. Es diente Heilzwecken bei Mensch und Tier und sollte Reinheit und Schönheit bringen. Auf dem Hin- und Rückweg mussten die Mädchen schweigen, sonst verlor das Wasser seine Wirkung. Wer das Gebot verletzte, hatte nur Plapperwasser und wurde ausgelacht. Aus: www.spreewald-info.de