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Im Malsaal liegt ein Kreuzfahrtschiff auf Kiel

Jede Menge kreatives Gedränge: Das Rettungsboot für die "MS Madagaskar" steht bereit. Am Kreuzfahrtschiff haben aber die Tischler Patrick Schumacher, Andreas Jennrich, Schlosser Michael Sterz und Gesine Wolf-Bergk (v.l.) alle Hände voll zu tun.
Jede Menge kreatives Gedränge: Das Rettungsboot für die "MS Madagaskar" steht bereit. Am Kreuzfahrtschiff haben aber die Tischler Patrick Schumacher, Andreas Jennrich, Schlosser Michael Sterz und Gesine Wolf-Bergk (v.l.) alle Hände voll zu tun. FOTO: Steffen Rasche
Senftenberg. In den Werkstätten der Neuen Bühne ist es eng geworden. Tischlerei, Schlosserei und Malsaal stehen voll mit unzähligen Einzelteilen, aus denen das Kreuzfahrtschiff "MS Madagaskar" entstehen soll. Zumindest als Illusion. Heidrun Seidel

"Nehmt mal bitte die Lieferung ab", ruft Michael Sterz in den Malsaal hinein. "Ich kann gerade nicht", zeigt er den Kolleginnen seine von Stahlrohren und Maschinenöl gefärbten schwarzen Hände vor und weist auf den Postboten, der an der Rampe vor den Theaterwerkstätten Pakete loswerden will. Der Schlosser der Neuen Bühne Senftenberg ist gerade dabei, unzählige Stahlrohre zu biegen und zu schweißen, um daraus eine Treppe wachsen zu lassen. Schon sind in der stabilen Konstruktion aus Gitterträgern und Streben Stufen zu erkennen.

Nun fordert ein Geländer sein Geschick heraus. Das darf nicht einfach nur schön aussehen, wie es sich für einen eleganten Meereskreuzer gehört. Es muss vor allem das muntere Spiel tragen und sicher sein für Schauspieler und Zuschauer - wie andere Theaterbauten auch. Vor mehr als fünf Wochen hat Michael Sterz die Schlosserarbeiten für das Bühnenbild der "MS Madagaskar" begonnen. Dass er als ehemaliger Schiffbauer, der noch zu DDR-Zeiten in der Neptun-Werft das Schweißen gelernt hat, doch dafür prädestiniert sei, kommentiert er mit einem Lachen.

Lustvoller Sommerabend

Die "MS Madagaskar" ist die diesjährige Eigenproduktion der Neuen Bühne Senftenberg für die Amphitheatersaison, die die erste unter neuer Intendanz ist und deshalb mit besonderer Spannung erwartet wird. Nach der erfolgreichen leichten Kost von fünf Folgen "Camping, Camping" in den vergangenen zehn Jahren, will das Ensemble mit einem unterhaltsamen Sommerabend voll Liebe, Lust und Leidenschaft aufwarten. Die "Schlagerette" spielt auf einem Kreuzfahrtschiff - und so ist die Kulisse, die der Bühnenbildner Mike Hahne entworfen hat, eine Mischung aus realistischer Schiffsgestaltung und Revuebühne. Während Michael Sterz weiter an der Treppe schweißt, sind die Tischler beim Bau der Schiffswände. Andreas Jennrich hat soeben eine mehr als sechs Meter lange Seitenwand aus Theaterlatten - geleimtes Fichtenholz - und grauen Kunststoffplatten eingespannt. Riesige Wände mit Bullaugen und Fenstern wie auf einem Panoramadeck sind schon im Malsaal auf Kiel gelegt. Er ist der größte Raum in den Theaterwerkstätten und muss deshalb oft als Montageraum herhalten.

Momentan kann die Theatermalerin Gesine Wolf-Bergk kaum treten vor Schiffs- und anderen Kulissenteilen. Da hilft ihr auch ein Rettungsboot, das aus einer früheren Inszenierung stammt und in dem zum Cruiser passenden vornehmen Grau wiederbelebt wurde, nicht. Sie wird wohl eine Nachtschicht einlegen müssen, ahnt sie. Zunächst müssen etliche der geschweißten Geländer, die als Reling dienen, Farbe bekommen.

Vor allem aber wartet der Tanzteppich auf ihr Können. Den schneiden die Dekorateurin Martina Kuban und Tischler Patrick Schumacher an diesem sonnigen Vormittag gerade auf dem Containerhof hinter dem Theater zurecht. Dazu haben sie ein 40 Zentimeter hohes Podest, das die Amphitheaterbühne in deren voller Ausdehnung erhöhen soll, aufgebaut. Auf ihm wird der spezielle PVC-Belag ausgelegt. "Zum Glück können wir heute draußen arbeiten", sagt Martina Kuban. Nur die Blüten des Ahorns, die im Frühlingswind tanzen und sich auf dem Tanzteppich niederlassen wollen, ärgern die beiden. Vor allem aber würden sie Gesine Wolf-Bergk stören, wenn sie mit dem Pinsel einen vermeintlichen Holz-Schiffsboden auf den Tanzteppich und damit die gewünschte Illusion zaubert.

Großes Bühnenbild

Die prächtige Kulisse für die "MS Madagaskar", die ein Kreuzfahrtschiff im Seenland ankern lässt, fordert die kleine und auch noch durch Krankheit geschwächte Mannschaft der Werkstätten heraus. Die zehn Meter Bühnenbreite und die Höhe übersteigen die Möglichkeiten, die die Räume zu bieten haben. Dazu kommt das schon seit Jahren beklagte Dilemma, das ein großer Montageraum fehlt - und deshalb große Bühnenteile den Malsaal blockieren.

Trotz aller Leidenschaft und Improvisationskunst hoffen die Tischler, Maler, Dekorateure und der Schlosser darauf, dass sie die längste Zeit mit der Enge gekämpft haben. Ihr engagierter Einsatz jedenfalls ist sicher, damit auch diesmal wieder zur technischen Probe, die schon am 18. Mai ist, alles fertig ist und das Schiff vom Stapel gelassen werden kann, bevor es dann am 30. Mai in See sticht - und die Amphitheatersaison 2015 mit der Premiere der "MS Madagaskar" eröffnet wird.

Zum Thema:
Für das Stück "MS Madagaskar" hat sein Schöpfer Klaus-Peter Nigey den Genre-Begriff "Schlagerette" erfunden. Der Name ist Programm - und so hören die Besucher im Programm an den hoffentlich lauen Sommerabenden am Senftenberger See bekannte Melodien, eingepackt in eine unterhaltsame Handlung auf einem Kreuzfahrtschiff, auf dem Liebe, Lust und Leidenschaft groß geschrieben werden. Premiere im Amphitheater ist am 30. Mai um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen am 5., 6., 7. 20. und 21. Juni, am 27. und 28. August und am 4. September 2015. Karten zwischen 17 und 24 Euro an der Theaterkasse unter 03573 801286 oder auf www.theater-senftenberg.de