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| 02:44 Uhr

"Ich habe neue Seiten an mir entdeckt"

Seine Rolle im Klassenzimmerstück "Der Essotiger", der sich mit Süßigkeiten und Big Mac über das zerbrochene Familienglück hinwegzutrösten versucht, wird vielen Schülern der Region in Erinnerung bleiben.
Seine Rolle im Klassenzimmerstück "Der Essotiger", der sich mit Süßigkeiten und Big Mac über das zerbrochene Familienglück hinwegzutrösten versucht, wird vielen Schülern der Region in Erinnerung bleiben. FOTO: Rasche
Mit dem jetzigen Ende der Spielzeit 2016/17 verlässt auch Wolfgang Tegel das Ensemble der Neuen Bühne Senftenberg. Er hat seine ersten drei Berufsjahre nach der Schauspielschule hier gearbeitet - mit wenig Raum für die Auseinandersetzung, aber tollem Publikum.

Kommen und Gehen - Schauspieler sind ein fahrendes Volk, das in seiner beruflichen Laufbahn meist unterschiedliche Stationen durchläuft. Wie haben Sie Ihr erstes Engagement erlebt? Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Tegel: Wie sicher die meisten, bin auch ich nach der Schauspielschule mit großen Idealen an das Theater gegangen. Allerdings stellte sich sehr bald die Diskrepanz zwischen Ideal und Realität heraus. Ich mochte im Studium sehr die intensive Auseinandersetzung mit den Themen und Problematiken, die im Stück behandelt werden. Filme anzusehen, Bücher zu lesen oder Ausstellungen zu besuchen, die sich mit ähnlichen Inhalten befassen, waren für mich immer ein wichtiger Teil des Prozesses. Im ersten Jahr habe ich sieben neue Inszenierungen geprobt und zwei übernommen. Da bleibt nicht mehr viel Zeit, um sich intensiver auf die Stücke vorzubereiten. Text lernen, Proben und Vorstellungen spielen nehmen den größten Teil der Zeit in Anspruch und daneben bleibt wenig Raum für eine umfassende Auseinandersetzung. Deshalb kann ich nicht sagen, dass sich meine Erwartungen erfüllt hätten.

Was ich in Senftenberg am Theater sehr mochte, war vor allem, dass wir als Ensemble gern zusammengearbeitet haben und Lust hatten, das Theater mitzugestalten. Der Dämmerschoppen ist ein gutes Beispiel dafür. Wir wollten einen Abend mit Themen auf die Bühne bringen, die uns Spaß machen und uns bewegen. Die Energie und Arbeit, die wir eingebracht haben, wurde durch die unglaubliche Resonanz vom Publikum sehr belohnt.

Welche Ihrer vielen und doch sehr unterschiedlichen Rollen - ob in "Germania 3", "Bornholmer Straße", "Maria Stuart", in "Essotiger", "Angstmän", als Peterchen im Weihnachtsmärchen in "Peterchens Mondfahrt" oder in den vielen anderen Stücken ist Ihnen die Liebste?
Tegel: Ich kann nicht sagen, welche meiner Rollen mir DIE liebste war. Die unterschiedlichen Charaktere, die ich spielen durfte, hatten fast immer Seiten, die ich sehr mochte und über die Dauer der Vorstellung zeigen und verteidigen wollte. Aber wenn ich mich entscheiden soll, sind es Detective Sergeant Trotter in "Die Mausefalle" und Peterchen in "Peterchens Mondfahrt". In beiden Stücken durfte ich mit den Regisseurinnen sehr persönlich an den Rollen arbeiten. Für "Die Mausefalle" haben Johanna Schall und ich einen komödiantischen, verrückten, überforderten und für die Welt etwas zu langsam erscheinenden Detective gefunden, den ich sehr gern gespielt habe, weil viel von mir aus der Probenzeit in der Rolle steckt.

Und für Peterchen war es die Aufgabe mit Samia Chancrin, eine sehr kindliche Seite in mir zu entdecken und viel naiver an Dinge ranzugehen, als ich das machen würde. Ich habe als Erwachsener ein Kind gespielt, was man optisch natürlich auch sehen konnte. Trotzdem glaube ich, dass wir es geschafft haben, die Zuschauer auf eine Reise aus der Sicht der Kinder mitzunehmen. Das hat viel Freude bereitet, auch wenn es von der Kondition nicht einfach ist, Tag für Tag Doppelvorstellungen zu spielen und jedes Mal frisch und mit Kraft "zum Mond" zu reisen. Aber die Resonanz der Kinder und auch der erwachsenen Zuschauer war immer ein guter Motor. Beide Regisseurinnen waren stets daran interessiert die Schauspielerpersönlichkeit, die jeder einzelne mitbringt, zu nehmen und sie für die Rollen weiterzutreiben und ganz neue Seiten zu entdecken.

Warum verlassen Sie das Senftenberger Theater? Was haben Sie vor? Welche künstlerischen Herausforderungen wünschen Sie sich?
Tegel: Gerade als Schauspieler empfinde ich einen Tapetenwechsel für wichtig. Neue Orte und Menschen kennenzulernen, sind für mich notwendig, um mich künstlerisch weiterzuentwickeln. Ein Ortswechsel setzt neue Energien frei und öffnet den Geist. Ich habe in den letzten drei Jahren festgestellt, dass ich mehr Raum benötige, um die Stücke und meine Rollen intensiver mitgestalten zu können. Dadurch ist für mich die Festanstellung an einem Theater momentan nicht der richtige Weg.

Freie Arbeit, also ohne ein festes Anstellungsverhältnis, ist wirtschaftlich sehr mutig. Wissen Sie schon, wo Sie demnächst zu sehen sein werden?
Tegel: Ich will mir zunächst ein bisschen Freiraum schaffen und mich nicht sofort in das nächste Projekt stürzen. Meistens kommt es dann allerdings doch ganz anderes und gerade tun sich ein paar Möglichkeiten auf, die ich sehr interessant finde. Was davon aber wirklich realisiert werden kann, weiß ich im Moment noch nicht genau. Es bleibt also spannend.

Sie haben 2014 gesagt, dass Sie Senftenberg nicht kannten, aber dass Sie auch in der Stadt und mit den Menschen leben wollten. Wie blicken Sie nach drei Jahren auf die Stadt und deren Menschen?
Tegel: Ich habe die Nähe zur Natur und vor allem zum Senftenberger See sehr genossen. Von den zahlreichen Menschen, die mir begegnet sind, bleiben mir vor allem die

Nachmittage mit meiner Nachbarin in Erinnerung, mit der ich mich viel über das Leben ausgetauscht habe. Trotz des Altersunterschiedes von 60 Jahren konnten wir viele Gemeinsamkeiten feststellen und persönliche Erfahrungen teilen.

Was möchten Sie zum Abschied gern noch sagen?
Tegel: Ich wünsche mir, dass das Theater Neue Bühne Senftenberg als Ort der Begegnung und Auseinandersetzung der Stadt Senftenberg und der Region noch lange erhalten bleibt.

Mit Wolfgang Tegel

sprach Heidrun Seidel/hds1