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| 16:20 Uhr

Kirchliche Worte
Ich bin privilegiert

Senftenberg. Das Leben mit 60plus hat Religionslehrer Roland Weyrowski einst geängstigt, jetzt entdeckt er die positiven Aspekte.

Samstagmorgen. Der Frühstückstisch ist gedeckt. Der Duft von frischem Kaffee erfüllt den Raum. Bei YouTube suche ich nach der passenden Musik und entscheide mich schließlich für Wolfgang Niedecken. In der Reihe der vorgeschlagenen Videos sehe ich auch den Titel „Dä Herrjott meint et joot met mir“, den ich bis dahin noch nicht gehört habe. Ich bin neugierig. Und da ich mit dem kölschen Dialekt nicht täglich zu tun habe, bin ich froh, dass der Text des Liedes im Video erscheint. Der Refrain spricht mich sofort an:

„Noh nem Daach, dä sich ahnjeföhlt hätt wie en Woch un ´ner Show met `ner Band, die immer noch rockt, weed mir schrecklich bewusst: Ich benn priviligiert, dä Herrjott meint et joot met mir.“

Ich denke an die Band, in der ich mitspiele und den Spaß, den wir haben, wenn es richtig rockt. Ich bin privilegiert. Die Strophen des Liedes regen meine Gedanken weiter an. Erlebnisse leuchten auf und erinnern an privates Glück. Aber auch an gesellschaftliche Umbrüche, die friedlich verliefen und ungeahnte Möglichkeiten mit sich gebracht haben. Wie Niedecken kann auch ich auf sechs Jahrzehnte Leben zurückschauen. Vor wenigen Jahren hat mir der Gedanke ans nächste Lebensjahrzehnt noch Angst gemacht. Inzwischen staune ich, wie gut es einem mit 60plus gehen kann und welche Möglichkeiten sich noch bieten. Niedeckens Resümee ist mir aus dem Herzen gesprochen: Ich bin privilegiert, der Herrgott meint es gut mit mir.

Zugleich weiß ich, dass ich Chancen auch ergreifen und nutzen muss. Weiß, dass es verantwortlicher Entscheidungen bedarf, um einen guten Weg durchs Leben zu gehen. Und dass es Einsatz und Hingabe braucht, um Pläne zum Ziel zu führen; dass Beziehungen Pflege und Bereitschaft zum Kompromiss brauchen. Aber immer ist es doch eine Synthese aus eigenem Handeln und zahlreichen Aspekten, die mir zufließen. Die ich nur als Geschenk begreifen kann. Und so stimme ich aus vollem Herzen ein: „Ich benn priviligiert, dä Herrjott meint et joot met mir.“

Roland Weyrowski