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| 05:00 Uhr

Interview mit dem ehemaligen IBA-Geschäftsführer Prof. Rolf Kuhn
Symbole des Lausitzer Strukturwandels

Fast zehn Jahre nach dem IBA-Finale - Wie steht es um die Projekte? FOTO: Torsten Richter-Zippack
Großräschen. Fast zehn Jahre sind nach dem Finale der Internationalen Bauausstellung (IBA) „Fürst-Pückler-Land“ vergangen. Manche der 30 Projekte wurden zum Selbstläufer, andere wiederum scheiterten. Was diese Visionen für den Strukturwandel in der Lausitz bedeuten können, erklärt der ehemalige IBA-Geschäftsführer Rolf Kuhn im Interview. Von Torsten Richter-Zippack

Betrachten Sie die IBA-Projekte noch immer als eine Erfolgsgeschichte?

Rolf Kuhn Oberstes Ziel war, Lausitzer Industrierelikte zu erhalten. Schließlich präsentieren sie wichtige Symbole für das Industriezeitalter in der Region. Es gibt inzwischen nicht mehr viele. Eine Vielzahl unserer Projekte ist heute aus der Region nicht mehr wegzudenken. Damit erhielt die Region ein eigenes Gesicht.

Können die IBA-Projekte den Lausitzer Strukturwandel unterstützen?

 Rolf Kuhn war von 2000 bis 2010 Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land. Ihren Ausgang nahm die Internationale Bauausstellung in Großräschen-Süd. Wo sich einst der Tagebau Meuro erstreckte, befindet sich heute der fast fertig geflutete Großräschener See.
Rolf Kuhn war von 2000 bis 2010 Geschäftsführer der IBA Fürst-Pückler-Land. Ihren Ausgang nahm die Internationale Bauausstellung in Großräschen-Süd. Wo sich einst der Tagebau Meuro erstreckte, befindet sich heute der fast fertig geflutete Großräschener See. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Kuhn Nun, unsere Projekte haben der Region ein einmaliges Gesicht gegeben. Mehr noch: Die Anziehungskraft der Lausitz ist dadurch gestiegen. Beispielsweise verzeichnet die einstige IBA-Hauptstadt Großräschen inzwischen mehr Zu- als Wegzüge. Erfahrungsgemäß sind diejenigen Gebiete am leistungsfähigsten, die gut ausgebildete Köpfe anziehen. Dadurch kann wieder Neues entstehen. Unser Verdienst ist es, den Menschen in der wirtschaftlich gebeutelten Lausitz neue Hoffnung zu geben. Und die Leute merken, dass es tatsächlich vorangeht. Das ist die Hauptvoraussetzung für einen erfolgreichen Strukturwandel, dessen Symbole die IBA-Projekte sein können.

Was bieten Sie den Protagonisten des aktuellen Strukturwandels darüber hinaus an?

Kuhn Die IBA lehrt, wie neue Entwicklungen organisiert werden können. Wichtig dabei ist, nicht in Einzelmaßnahmen zu denken, sondern im Prozess. Und dass neben wirtschaftlichen auch immer kulturelle Aspekte eine Rolle spielen sollten. So kann man eine Region zum Glänzen bringen.

Manche der 30 IBA-Projekte haben sich bewährt, andere nicht. Gibt es da nicht auch Parallelen zum Strukturwandel?

Kuhn Nun, die IBA sollte immer als Experimentierfeld betrachtet werden. Uns war schon bewusst, dass nicht alles auf Anhieb funktioniert. So verhält es sich auch in der gesamten Lausitz. Das Verdienst der IBA ist es, dass wir mit unseren Projekten in der Region mehrere Visionen verwirklicht haben, die es in ihrer Form nur hier gibt. Auf Dinge wie Spaßbäder und Disneyland wurde bewusst verzichtet.

War bereits zu IBA-Zeiten klar, welche Projekte ein Selbstläufer werden können? Und dass Vorhaben auch scheitern könnten?

Kuhn Diese Trends haben sich in der Tat schon damals abgezeichnet. Beim Besucherbergwerk F 60 in Lichterfeld stand bereits frühzeitig fest, dass es der Renner werden würde. Im Gegenzug dazu war uns klar, dass es mit dem Erlebniskraftwerk Plessa aufgrund des enormen Unterhaltungsaufwandes viel schwieriger werden würde. Das Brandenburger Kulturministerium hatte uns letztendlich überredet, das Kraftwerk in die IBA-Liste aufzunehmen. Aber heute denke ich, dass es absolut richtig war. Schließlich können Besucher heute europaweit nur noch in Plessa miterleben, wie während der 1920er-Jahre aus Braunkohle Strom produziert wurde.

Warum erfreut sich gerade die F 60 einer solch großen Beliebtheit?

Kuhn Da steht zum einen dieses spektakuläre Gerät in der Landschaft, 500 Meter lang und 80 Meter hoch. Das wollen die Leute, auch dank einer starken Werbung, mit eigenen Augen sehen. Zudem spricht die F 60 alle Altersgruppen an. Allerdings war das Besucherbergwerk keine Idee der IBA, sondern wurde diese von den Vor-Ort-Protagonisten geboren. Bei der F 60 ist einfach alles stimmig.

Welches IBA-Projekt hat Sie am meisten überrascht?

Kuhn Da ist an erster Stelle der Rostige Nagel zu nennen. Es dauerte lange, die Leute vor Ort davon zu überzeugen, dass es sich um weit mehr als nur einen Aussichtsturm handelt. Letztlich gab es auch unter den Senftenberger Abgeordneten lediglich eine knappe Mehrheit für die Landmarke am Sornoer Kanal. Längst hat sich der Rostige Nagel zu einem Treffpunkt in jeder Jahreszeit entwickelt. Und er verbindet Vergangenheit mit Zukunft, also ein ideales Symbol für den Strukturwandel.

Inwiefern kann das heutige IBA-Studierhaus die einstigen Projekte weiter begleiten?

Kuhn Noch bis Mai 2019 läuft das Projekt Inkula. Dessen Fachleute bieten Anregungen für die Weiterentwicklung einzelner IBA-Projekte. Beispielsweise geht es um neue Infosysteme und Audiostationen an den Biotürmen Lauchhammer sowie um selbsterklärende Erlebnissysteme in der Gartenstadt Marga. Die Chance auf Umsetzung sehe ich als sehr hoch an, da es sich nicht um Rieseninvestitionen handelt.

Mit Rolf Kuhn sprach Torsten Richter-Zippack

Fast zehn Jahre nach dem IBA-Finale - Wie steht es um die Projekte? FOTO: Torsten Richter-Zippack