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| 11:22 Uhr

Senftenberg: Kanonenschläge erschüttern Stadt am Senftenberger See
Mehl aus Supermarkt als Kanonenfutter

 Hunderte Schaulustige verfolgen auf dem Festungswall, wie das Königlich Preußische Infanterie Regiment sich gegen die Infanterie des Churfürstlichen Sächsischen 3. Kreisregiments schlägt.
Hunderte Schaulustige verfolgen auf dem Festungswall, wie das Königlich Preußische Infanterie Regiment sich gegen die Infanterie des Churfürstlichen Sächsischen 3. Kreisregiments schlägt. FOTO: Aswendt Peter / PETER ASWENDT
Senftenberg. Zur Eintrittskarte Ohrenstöpsel - das gibt es nur beim Festungsspektakel in Senftenberg. Das Schlachtgetümmel hat wieder Hunderte Schaulustige angezogen. Die Preußen kämpften wacker, als glorreiche Sieger gingen aber erneut die Sachsen vom Feld. Von Peter Aswendt

Was für eine Zeitreise am Wochenende beim großen Festungsspektakel: Kanonenschläge wie Gewittergrollen, Musketenschüsse, die Pulverwolken in den Himmel aufsteigen ließen, Säbelrasseln und kämpferisches Gebrüll. Schicke sächsische Hofdamen flanieren in üppigen Kleidern umher, Soldaten sitzen vor ihren Zelten und putzen ihre Musketen, Kinder spielen und Handwerker gehen ihrer Arbeit nach. So sah Senftenberg im 18. Jahrhundert aus.

Dabei wurde auch das Geheimnis gelüftet, was die Dame von Welt im Barock so unter dem üppigen Kleid trug. Madame von Carlowitz gab dazu im Innenhof des Schlosses eine Lehrstunde im Ankleiden. „Wir wollen das Leben in dieser Epoche zeigen“, beschreibt Museumsdirektor Stefan Heinz die Intensionen des Spektakels.

 Mit der 12-Pfünder-Kanone wollten die Sachsen es wissen. Beim Abfeuern waren die zuvor verteilten Ohrstöpsel Pflicht.
Mit der 12-Pfünder-Kanone wollten die Sachsen es wissen. Beim Abfeuern waren die zuvor verteilten Ohrstöpsel Pflicht. FOTO: Aswendt Peter / PETER ASWENDT

In dieser Epoche, so um anno 1750, wurde im Senftenberger Schloss eigentlich wenig gekämpft. Man gab sich eher dem Schöngeistigen hin und war ein Rückzugsort für den etwas älteren Adel. Aber kein Spektakel ohne Blitz und Donner, und so versuchte die preußische Armee den sächsischen Ruhesitz per Schlachtgetümmel in ihren Besitz zu bekommen.

 Issy Pietsch, Mitarbeiterin beim Landratsamt, unterstützt freiwillig das Spektakel im Schloss und gibt an die Besucher die Ohrenstöpsel aus.
Issy Pietsch, Mitarbeiterin beim Landratsamt, unterstützt freiwillig das Spektakel im Schloss und gibt an die Besucher die Ohrenstöpsel aus. FOTO: Aswendt Peter / PETER ASWENDT

Knapp 70 Freunde der barocken Zeit hatten sich dazu in Senftenberg eingefunden. Darunter auch das Königlich Preußische Infanterieregiment Nummer 4, unterstützt von den „Langen Kerls“ aus Potsdam, um die Sachsen aus der Festung zu vertreiben. „Man muss schon das Gardemaß von sechs preußischen Fuß aufweisen, also mindestens 1,88 Meter groß sein“, stellt Gerd Köhler aus Potsdam klar. Seine 2,10 Meter Größe plus 45 Zentimeter seiner Grenadiermütze, ließen den „Langen Kerl“ auf angsteinflößende 2,55 Meter anwachsen.

Die Sachsen hatten mit der leichten sächsischen 12-Pfünder-Kanone ein gewichtiges Gegenargument zur Eroberung der Festung mitgebracht. Die Kanone, die liebevoll „Alter Stollberg“ genannt wird, wiegt über 1000 Kilogramm und wurde in den Kampfhandlungen von sechs Pferden gezogen.

Dass so eine 12-Pfünder neben der Durchschlagskraft gehörigen Krach macht, bekamen die Hunderten Schaulustigen auf dem Festungswall hautnah zu spüren. Gleich am Eingang bekamen die Gäste mit der Eintrittskarte Ohrstöpsel angeboten, für die Kinder kostenfrei. „Trotz Ohrschutz haben wir uns mächtig erschrocken“, lacht Ines Brandner aus Lauchhammer, die mit ihrem sechsjährigen Sohn Felix das Fest besuchte. Familie Bergholz aus Elsterwerda hatte eigene Ohrstöpsel mit dabei: „Der ohrenbetäubende Donner ist uns aus dem Vorjahr noch in bester Erinnerung“, so die Besucher.

Uniformen und historische Kostüme haben Jürgen und Sylvia Rogolnick aus Dresden erneut in ihren Bann gezogen. Mit einem Augenzwinkern zeigen sich die beiden See-Urlauber stolz, dass zum Ende immer die Sachsen in Senftenberg gewinnen.

Am Sonntag donnerte die „Alte Stollberg“, die übrigens mit Mehltüten aus dem Supermarkt als Kugelersatz geladen wird, zum letzten Mal. Museumsdirektor Stefan Heinz zieht eine positive Bilanz: „Die Besucherzahlen stimmen, das Interesse am Spektakel wächst. Das spornt uns für das nächste Jahr an.“