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| 02:49 Uhr

Hochwasser der Schwarzen Elster muss in die Seenkette

Das Grün wuchert zwischen den Elsterdeichen in Senftenberg. Reinhard Heepe (l.) und Walter Karge finden das gar nicht gut.
Das Grün wuchert zwischen den Elsterdeichen in Senftenberg. Reinhard Heepe (l.) und Walter Karge finden das gar nicht gut. FOTO: Rasche/str1
Der pensionierte Wasserwirtschaftler Reinhard Heepe und der ehemalige LMBV-Chef Walter Karge aus Senftenberg kämpfen seit Jahren dafür, dass die Tagebauseen das Hochwasser der Schwarzen Elster aufnehmen. Das Land arbeitet aus ihrer Sicht viel zu langsam an einer Lösung. Manfred Feller

Vier Horizontalfilterbrunnen in Senftenberg sorgen dafür, dass vernässte Keller in Senftenberg der Vergangenheit angehören. Doch welche Rolle spielen dabei ein mögliches Hochwasser der Schwarzen Elster und ein Hochstau im Senftenberger See?
Reinhard Heepe: Es ist bewiesen und auch logisch, dass bei einem Seehochstand und auch bei Elster-Hochwasser in Senftenberg und Brieske ein Zufluss in das Grundwasser erfolgt. Das wird durch die neuen Horizontalfilterbrunnen mit einer dann höheren Leistung kompensiert. Wir können heute nicht verbindlich einschätzen, ob die Horibrunnen dem Zustrom gewachsen sind, insbesondere dann, wenn erhebliche Niederschläge dazukommen. Das wird aber auf jeden Fall zu höheren Betriebskosten führen. Noch werden diese Kosten von der LMBV getragen. Später werden die Stadt und damit wir Bürger zur Kasse gebeten. Für Häuser in Niemtsch, die zuletzt im Jahr 2010 betroffen waren, gibt es keine Lösung, um ansteigendes Grundwasser durch einen Höchststand im Senftenberger See bei anhaltendem Regen durch Abpumpen niedrig zu halten.

Walter Karge: Nach Informationen von der LMBV wurden 2015 als gerechnetes volles Jahr, einschließlich des neuen Brunnens in der Vogelsiedlung, rund sieben Millionen Kubikmeter Wasser gefördert und zur Reinigung nach Großräschen geleitet. Dafür sind Kosten von etwa einer Million Euro angefallen. Dazu kommen im Jahr 2017 zwei weitere Brunnen in Brieske. Wenn diese hinzugerechnet werden und wenn es die genannten Hochwasserlagen sowie den Seehochstand gibt, werden wohl eineinhalb Millionen Euro je Jahr nicht ausreichen, um die Grundwassersituation zu beherrschen.

Die aktuelle Diskussion einer Beteiligung des Bundes bezüglich der Kostenübernahme lässt befürchten, dass schon bald Kosten auf die Bürger zufallen werden. Es ist also dringend geboten, dass unsere Stadt weiter vehement dafür kämpft, dass durch die Nutzung der anderen Tagebauseen zur Aufnahme von Hochwasser der Grundwasserzufluss in die Stadt auf einem Minimum gehalten werden kann.

Was sollte Ihrer Meinung nach getan werden, damit es schneller vorangeht?
Reinhard Heepe: Nach dem Hochwasser im Jahr 2010 haben wir in Senftenberg zu den Wasserproblemen eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen. Es war seinerzeit das Ziel, uns an dem durch den zuständigen Abteilungsleiter des Brandenburger Umweltministeriums gebildeten Runden Tisch konstruktiv und zielgerichtet einzubringen. Es ist uns gelungen, dass bei einer vom Landesumweltamt beauftragten Studienbearbeitung zur Hochwasserproblematik der Schwarzen Elster die Nutzung der Tagebauseen noch einfließen konnte. Diese Studie liegt seit Ende vorigen Jahres vor und kann auch im Internet eingesehen werden.

Zu Beginn dieses Jahres hat man dann aber plötzlich festgestellt, dass noch weitere Untersuchungen notwendig sind. Dafür sollen nach unserer Kenntnis drei weitere Einzelstudien bearbeitet werden, die erst Ende 2017 vorliegen. Das ist nicht zu verstehen und ich sage ketzerisch, dass mit dieser Bearbeitung von Papier über solche Zeiträume mit dem Eigentum der Elsteranwohner sträflich umgegangen wird. In der Wirtschaft dauern diese Prozesse bei Weitem nicht so lange.

Die aufgetretenen Fragen hätten längst beantwortet sein müssen. Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass man jetzt wieder Studien bearbeiten muss, die erst in eineinhalb Jahr vorliegen sollen. Ich frage mich, ob man sich nicht schämt in Anbetracht der ausgewiesenen Überschwemmungsgebiete an der Schwarzen Elster, sich so viel Zeit zu lassen?

Walter Karge: Die ausgekohlten Tagebaue sind eine große und einmalige Chance als Hochwasserspeicher. Deren Nutzung hat die obere Wasserbehörde unverantwortlich jahrelang verschlafen. Für die nunmehr notwendigen baulichen Maßnahmen muss sehr viel mehr Geld in die Hand genommen werden, als das vor 20 Jahren der Fall gewesen wäre. Wir hätten an der Elster längst eine entspannte Wassersituation.

Mit besonderer Verärgerung haben wir hinnehmen müssen, dass die eigentlich konstruktiven Gespräche des Runden Tisches mit dessen Auflösung Ende April abgebrochen wurden. Wir hatten die Hoffnung, dass in sechs bis sieben Jahren die ersten Bauarbeiten erledigt sind.

Wie wird es sich für die Elsteranrainer auswirken, wenn eines Tages das komplette Hochwasser des Flusses in die Tagebauseen eingeleitet werden kann?
Reinhard Heepe: Es ist bekannt, dass inzwischen die Überschwemmungskarte für die Schwarze Elster im Brandenburger Abschnitt bestätigt und gültig ist. Damit gehen umfangreiche Benachteiligungen für Immobilienbesitzer, für die Landwirtschaft und auch für die Kommunen an sich und andere einher. Ich weiß, dass Versicherungen bereits den Schutz für hochwassergefährdeten Besitz eingeschränkt beziehungsweise gekündigt haben. Die Wasserbehörde und damit das Land Brandenburg können sich allerdings mit den Überschwemmungskarten schadlos halten, weil sie die Schäden an Bauwerken und Einrichtungen den Eigentümern beziehungsweise Besitzern zur Regulierung überlassen können.

Ich bin der Meinung, dass es in unserer Region darauf ankommt, den Menschen das Hiersein nicht noch schwerer und kostenintensiver zu machen. Das bedeutet auch, deren Hab und Gut schnell durch einen besseren Hochwasserschutz zu sichern. Das Hochwasser im September 2010 - wir hatten seinerzeit ein sogenanntes 100-Jähriges - führte am Pegel Neuwiese 55 Kubikmeter je Sekunde. In Bad Liebenwerda wurden 119 Kubikmeter Wasser je Sekunde gemessen. Bei einem solchen Hochwasser kann und muss die Elster um 50 Kubikmeter durch die Seen entlastet werden. Nach meiner Einschätzung ist über den Oberspreewald-Lausitz-Kreis hinaus an der Elster ein solches Hochwasser dann Geschichte. Weiter stromabwärts wird sich die fehlende Wasserflut deutlich positiv bemerkbar machen.

Walter Karge: Man muss außerdem anmerken, dass weniger Wasser in der Elster auch den Rückstau in der Pulsnitz verringert und damit die Gefahr für Ortrand und Lindenau. Die Tagebauseen als Speicher sind also unerlässlich. Dafür ist vor Jahren durch die LBMV eine Flutungszentrale als ein hervorragendes Instrument eingerichtet worden.

Warum ist das Grundwasserproblem in Senftenberg deutlich schneller gelöst worden?
Walter Karge: Die LMBV saß von Beginn an am Runden Tisch. Sie hat sich sofort der Aufgabe gestellt, Variantenbetrachtungen für technische Lösungen vorzunehmen. Wie konzentriert und kompetent dort gearbeitet wurde, verlangt Respekt. Damit wurden Maßstäbe in einer dringenden Sache gesetzt. Mir ist in Senftenberg kein Haus bekannt, das noch Wasser im Keller hat. Mit den beiden Brunnen in Brieske wird auch dort das Problem gelöst sein.

Reinhard Heepe: Im Falle Niemtsch, wo es für das Grundwasser keine Lösung gibt, wird deutlich, dass der Senftenberger See nicht mehr in dem Maße wie bisher als Speicher und Hochwasserrückhalteraum genutzt werden darf und auch nicht muss, wenn eines Tages andere Seen das Wasser aufnehmen können.

Die Idee, aufgekohlte Tagebaue als Speicher zu nutzen, soll es schon sehr lange geben.
Reinhard Heepe: Ein kluger und weitsichtiger Wasserwirtschaftler in führender Position hatte bereits vor mehr als 60 Jahren gesagt, dass eine wasserwirtschaftliche Nutzung der Tagebaurestlöcher alternativlos ist. Außerdem vertrat er die Meinung, dass ein ernst zu nehmender Wasserwirtschaftler eine solche Nutzung nicht außer Acht lassen würde. Ich habe von einem Vertreter der damaligen Wasserbehörde ein Dia aus den 1970er-Jahren erhalten, worauf die Restlöcher bereits als Seen dargestellt und als Wasserspeicher benannt sind.

Walter Karge: Es muss hier angemerkt werden, dass die Speichernutzung der ausgelaufenen Tagebaue Koschen, Sedlitz, Skado - also der Restlochkette - bereits in der Zeit um 1960 in der Braunkohlewirtschaft konzeptionell betrachtet und in der Folgezeit entsprechend bearbeitet wurde. Dazu gab es Vereinbarungen mit der damals zuständigen Wasserwirtschaftsdirektion. Im Sanierungsplan der LMBV vom 18. Dezember 1994 für die gesamte Restlochkette wurde bereits die Speichernutzung für verbindlich erklärt und dies sowohl für den brandenburgischen als auch für den sächsischen Teil. Es ist unverständlich, wie destruktiv die Wasserbehörden seinerzeit mitgearbeitet und damit Chancen vertan haben. Heute behaupten die brandenburgischen Wasserbehörden, dass sie von all dem nichts gewusst haben. Es ist dennoch festzustellen, dass die LMBV die Tagebaurestlöcher in gewissem Umfang als Speicher vorbereitet hat.