Sedlitz. Die Uhr tickt. Uta Frey-Ciesielski hört dieses immer gleiche Geräusch Tag für Tag. Kein Wunder, stammt die ehrenamtliche Sedlitzer Friedhofsbeauftragte doch aus einer renommierten Lausitzer Uhrmacherfamilie. "Ich habe im Betrieb meines Vaters in Altdöbern gelernt. Heute führe ich das Uhren- und Schmuckgeschäft in Schwarzheide." Am Totensonntag scheinen, so glaubt sie, die Uhren besonders gut hörbar zu ticken. "Die Leute kommen auf den Friedhof, gedenken ihrer Verstorbenen in dem Wissen, dass irgendwann auch die eigene Lebensuhr abgelaufen sein wird", erzählt sie.

Und tatsächlich, am letzten November-Wochenende herrscht auf dem Sedlitzer Friedhof, der von der Kirchengemeinde betrieben wird, ein stetes Kommen und Gehen. Insbesondere ältere Leute erscheinen mit Kränzen und Sträußen. Mancher rückt auf dem Grab seiner Eltern noch die letzten Zweige zurecht. "Einige kommen am Totensonntag das letzte Mal für dieses Jahr auf den Friedhof", weiß die 45-Jährige. "Den Toten soll über den Winter tiefe Ruhe gegönnt werden". Andere wiederum ließen sich auch bei Schnee, Eis und Nieselregen regelmäßig an der Begräbnisstätte sehen, die sich hart an der Grenze zur Bergbaufolgelandschaft des Tagebaus Sedlitz erstreckt. "Die Leute schauen dann meist nach, ob das Grablicht noch brennt", erklärt Uta Frey-Ciesielski. Diese ursprünglich aus den katholischen Gegenden stammende Tradition habe sich inzwischen auch in der vorwiegend evangelischen Lausitz eingebürgert.

Bereits in den Wochen vor dem Totensonntag waren emsige Sedlitzer auf ihrem Friedhof aktiv. In der Tat wirkt der pikobello sauber. Keine Selbstverständlichkeit, haben doch dutzende Linden für reichlich Laub gesorgt. Uta Frey-Ciesielski will die Bäume dennoch keineswegs missen: "Gerade diese Gehölze symbolisieren doch das Werden und Vergehen des Lebens. Die Blätter entfalten sich im Frühjahr und verwelken im Herbst." Die Friedhofsbeauftragte schreitet gern über Orte der Trauer, der Ruhe und der Besinnung. "Wenn ich im Urlaub bin, statte ich den dortigen Friedhöfen einen Besuch ab", erzählt sie. "Ich mag diese Melancholie, dieses In-sich-gehen."

Bereits seit fünf Jahren ist die Sedlitzerin in ihrer ehrenamtlichen Funktion tätig. "Am Anfang dachte ich, ich hätte nur mit Trauernden zu tun. Dabei ist die Arbeit unglaublich interessant." Manchmal komme sie mit Menschen, die einen nahestehenden Angehörigen verloren haben, ins Gespräch. "Man erfährt teilweise ganz persönliche Dinge über den Verstorbenen." Auf dem Friedhof tickten die Uhren eben anders. Traditionell zu Totensonntag geht das Kirchenjahr zu Ende. In den vergangenen zwölf Monaten hat es auf dem Sedlitzer Friedhof etwa zwei Dutzend Bestattungen gegeben. Die Namen der Heimgerufenen verliest der Pfarrer während des Gottesdienstes. Uta Frey-Ciesielski ist froh, dass zumindest während ihrer Amtszeit auf dem Friedhof noch kein junger Mensch zu Grabe getragen werden musste. "Ich hoffe auch sehr, dass dies so bleibt."

Schade findet die 45-Jährige, dass sich eine nicht unerhebliche Anzahl von Menschen für die Gemeinschaftsgrabstelle entscheidet. Während der Beerdigung werde zwar die Urne in die dortige Vertiefung eingeführt, nach der Zeremonie allerdings wieder herausgenommen und auf der angrenzenden grünen Wiese dem endgültigen Standort zugeführt. So wüssten die Hinterbliebenen nie, wo genau die Asche des Verstorbenen ruhe. Dies darf laut Gesetz auch nicht mitgeteilt werden.

"Die Entscheidung für die grüne Wiese oder ein Erdgrab ist weniger eine Kostenfrage als vielmehr ein Problem der dann folgenden jahrelangen Pflege", erklärt Uta Frey-Ciesielski. Und weiter: "Bei mir würde sich diese Frage nie stellen. Ich will doch auch nach der Beerdigung einen ganz persönlichen Ort der Trauer und des Erinnerns haben."